Zweites Corona-Weihnachten Sehnsucht nach Verbundenheit: Deutschland braucht Weihnachten

Von Dr. Stefan Lüddemann | 24.12.2021, 06:00 Uhr

Die Gesellschaft zerspalten, viele Menschen erschöpft: Deutschland braucht Weihnachten, gerade jetzt. Aber bei bloßen Ritualen darf es nicht bleiben, bei diesem zweiten Corona-Weihnachten.

„Gesegnet sei uns die heilige Nacht, / Die uns das Licht der Welt gebracht“: Früher war Weihnachten ganz einfach, ungefähr so einfach wie in den beiden ersten Versen von Eduard Mörikes Gedicht „Die heilige Nacht“. Früher war Weihnachten ganz einfach, so einfach wie ein Rezept für Zimtsterne, so eingängig wie der Text von „O, Tannenbaum“. Aber früher war auch mehr Lametta, wie die berühmte Zeile in Loriots Sketch „Weihnachten bei Hoppenstedts“ lautet. Früher hat mancher über den Stress bei der Jagd nach dem Last-Minute-Geschenk gestöhnt oder bei dem Gedanken an lähmende Familienrituale am Heiligen Abend verquält gelächelt. Es war, wie es war. Immerhin: Deutschland feierte Weihnachten. Aber jetzt? Jetzt ist nichts mehr einfach beim zweiten Corona-Weihnachten, das dieses Land und seine Menschen erleben werden. Kirchliche Würdenträger sind durch Missbrauchsskandale bloßgestellt, Flüchtlinge ertrinken weiter im Mittelmeer und durch die Gesellschaft geht der Riss einer ideologisierten Impfdiskussion. Nichts ist mehr einfach, aber zugleich ist auch klar: Die Deutschen brauchen Weihnachten, so dringend wie seit Jahren nicht mehr.

"Fürchtet Euch nicht!"

Die Probleme drängen. Die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche haben eine Institution tief beschädigt, die das Vertrauen braucht, um Menschen zu geben, was diese suchen: Sinn und Orientierung. Die Flüchtlingskrise hält an. „Die EU hätte Josef und Maria hinter Stacheldraht im Wald erfrieren lassen“, postet das Berliner Künstlerkollektiv Political Beauty kurz vor dem Fest gewohnt direkt auf Instagram und spielt damit auf die in der Kälte kampierenden irakischen Flüchtlinge in Belarus an. Wer bringt ihnen das Licht wie die Engel den Hirten in der biblischen Weihnachtsgeschichte? Wer sagt: „Fürchtet Euch nicht!“, ganz gleich, ob den Menschen ohne Obdach oder auf der Flucht, wer all denjenigen, die an Corona erkrankt sind, Angst um Erkrankte haben oder denen, die in den Krankenhäusern um das Leben ihrer Intensivpatienten kämpfen. „Fürchtet Euch nicht!“: Diese Ermutigung müsste auch all jenen gelten, die sich im Chaos der Corona-Regeln nicht mehr zurechtfinden oder sich verkämpft und verbittert haben im aufgeheizten Streit um die Impfpolitik.

Religion und Volksbrauch

Die Deutschen brauchen Weihnachten. Dringend. Aber die Deutschen glauben immer weniger, verlassen die christlichen Kirchen, bilden eine säkulare Gesellschaft. Zugleich suchen Menschen Sinn und Orientierung, einen Halt, der sich nicht allein ihrem eigenen Handeln verdankt. Corona löst offenbar erste Verschiebungen aus, die im Lärm tagespolitischer Debatten unbemerkt geblieben sind. 32 Prozent der Befragten einer Studie der Universität Münster haben angegeben, dass sich ihr Glaube in der Pandemie verstärkt hat. Ein erstaunliches Faktum. Aber ganz gleich, wie sich der Glaube entwickelt – der Glaube an Weihnachten hat wohl nie wirklich gelitten. Dieses Fest der Feste ist längst, wie Rainer Maria Rilke einst traumwandlerisch schön dichtete, „ein kapellenloser Glaube, der leise seine Wunder tut“. Weihnachten verknüpft Religion und Volksbrauch, Bachs Weihnachtsoratorium und die Keksbäckerei, den Tannenbaum und „Vom Himmel hoch“. Überhaupt, das weihnachtlich geschmückte Wohnzimmer – dieser sehr deutsche Mythos ist oft karikiert worden, aber er bindet Gefühle und Sehnsüchte von Millionen.

Frei von Furcht sein

Das wissen auch Politiker. Deshalb sparen sie bei allen heftigen Diskussionen um den nächsten Lockdown das Weihnachtsfest wohlweislich aus. Gut so. Denn die Deutschen brauchen Weihnachten, weil sie seine Botschaft vernehmen wollen: Der Mensch wird angenommen und gesehen, jeder einzelne, ohne Ansehen von Stand oder Status, Macht oder Meinung. „Fürchtet Euch nicht!“: Die Engel erscheinen nicht den hohen Herren, sie erscheinen den Hirten auf dem Felde, den nahezu Geringsten auf der sozialen Stufenleiter. Gerade sie sollen die frohe Botschaft verkünden, nicht diejenigen, die Ämter ausüben oder in Palästen thronen. Weihnachten meint eine Nähe ohne Ausnahme, die Gewissheit, dass jeder willkommen ist, dass niemand, wirklich niemand draußen bleiben muss, in der Kälte, der Armut, dem Abseits. Es ist der Augenblick, sich von der Furcht zu befreien, auch frei zu werden von Aggression und Abgrenzung, Wut und Weh. Und weil gerade diese Emotionen derzeit die Gesellschaft zu fluten scheinen, ist es höchste Zeit, dass es endlich Weihnachten wird.

Für die große Verbundenheit

Weihnachten wirkt. Aber unter einer Bedingung. Es muss dort stattfinden, wo sich seine leisen Wunder allein ereignen können: zwischen den Menschen, die einander begegnen, sich anschauen. Die Pandemie bringt viele Menschen ohnehin dazu, sich im kleinen Kreis einzufinden, auch ohne politische Beschlüsse. Ankommen, Kraft tanken, das ist Weihnachten. Einverstanden. Aber wer das Fest richtig versteht, nutzt die Tage, um Menschen anzusprechen, zu denen der Kontakt abgebrochen oder schwierig geworden ist. Einen Brief schreiben, ein geduldiges Telefonat führen – das wäre, auch in den Beschränkungen der Corona-Zeit, der Weg, wieder Kontakte zu knüpfen. Darin liegt die Chance gerade dieses Weihnachtsfestes, dass es mit den vielen kleinen Verbindungen die große Verbundenheit wieder stärken könnte. Wann fängt Weihnachten an? Der populäre Liedtexter und Kinderbuchautor Rolf Krenzer gab in seinem, mit dieser Frage betitelten Gedicht diese Antwort: „Wenn der Schwache / dem Starken die Stärke vergibt, / wenn der Starke / die Kräfte des Schwachen liebt, / wenn der Habewas / mit dem Habenichts teilt, / wenn der Laute / bei dem Stummen verweilt / und begreift / was der Stumme ihm sagen will, / (…) dann / ja, dann / fängt Weihnachten an.“ Frohe Weihnachten!