Schmerzempfinden von Embryonen nicht geklärt Kükentöten: Der wunde Punkt der neuen Technik

Von Dirk Fisser | 26.09.2017, 08:00 Uhr

Wenn der Mensch Probleme lösen will, die er selbst verursacht hat, schafft er sich häufig neue. So ist es auch beim massenhaften Töten männlicher Küken. Bei einer der beiden Technologien zum Ausstieg aus der umstrittenen Praxis bleibt eine zentrale Frage ungeklärt: Empfinden die Embryonen zum Zeitpunkt ihrer Vernichtung Schmerzen?

Vor wenigen Wochen im Landkreis Oldenburg schien noch alles wunderbar, das Ende des viel diskutierten Kükentötens zum Greifen nah. Stolz präsentierte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) den Prototypen einer mit Steuergeld geförderten Maschine, die das möglich machen soll. Der Minister erklärte und posierte, hielt Eier in die Kameras. (Weiterlesen: Ende des Kükentötens: Minister präsentiert Prototypen) 

Nirgends auf der Welt gibt es eine Lösung für das Problem. Überall dort, wo Eier massenhaft produzier werden, sterben die Brüder der Legehennen nach dem Schlüpfen, weil sie keine Eier legen und zu wenig Fleisch ansetzen. Allein in Deutschland an die 50 Millionen Küken im Jahr. Sie sind das Abfallprodukt einer durchrationalisierten Eierwirtschaft. Welcher Politiker würde nicht gern von sich behaupten, dem ein Ende bereitet zu haben? In Deutschland und vielleicht sogar weltweit. (Weiterlesen: Küken-Töten: Nächstes Jahr soll in Niedersachsen Schluss sein) 

Hormontest

Schmidt wirkte siegessicher, es schien alles so einfach: Ein kleiner Tropfen Flüssigkeit aus dem Ei reicht der Maschine, um das Geschlecht des Embryos zu bestimmen. Weibliche Tiere werden ausgebrütet, männliche Eier vor dem Schlüpfen zu Futtermittel verarbeitet. Am neunten Tag nach der Befruchtung des Eies.

Wenige Tage nach der Präsentation des Ministers in Großenkneten veröffentlichten die wissenschaftlichen Dienste des Bundestages ein Überblicksgutachten zum Schmerzempfinden bei Hühnerembryonen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Forschung bislang nicht definitiv habe klären können, wann das vorhanden sei. Sicher ab dem 15. Tag nach der Befruchtung des Eies, ausgeschlossen vor dem 7. Und dazwischen? „Die Wissenschaftler sind weitestgehend der Meinung, dass zur Abklärung dieser wesentlichen Frage, ab wann ein Schmerzerleben tatsächlich vorliegt, weitergehende Forschung betrieben werden müsse“, heißt es in dem Gutachten.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium teilte dennoch auf Anfrage unserer Redaktion mit, die Behörde gehe davon aus, dass der Embryo am 9. Bebrütungstag „noch kein ausgeprägtes Empfindungsvermögen aufweist.“ Beim Entwickler der Maschine mit dem Namen Seleggt klingt das schon etwas differenzierter. Ludger Breloh sagt, die Frage sei sehr relevant und man habe ausführlich internationale Forschung gesichtet und mit Experten diskutiert. Ohne eindeutiges Ergebnis.

Breloh ist Geschäftsführer von Seleggt. Und er arbeitet für den Lebensmittelhändler Rewe, der das Projekt vorantreibt. Es ist wohl ein bisschen so wie in der Politik: Wem der Durchbruch gelingt, dem gehört der Ruhm. Breloh versichert, Rewe wolle zwar das erste Unternehmen sein, bei dem die Technologie zum Einsatz kommt. Man werde sie aber nicht unter Verschluss halten. „Zu sagen, die Küken der anderen sind uns egal – das wäre kein Ansatz.“

Das Thema Schmerzempfinden ist die große Schwachstelle der Technologie. Doch trotz der Unklarheit, so Breloh, soll die Technik weiterentwickelt werden, „weil es das ethisch nicht akzeptable Kükentöten beendet.“ Tatsächlich gibt es aber eine Alternative, eine zweite Technologie, die ebenfalls von der Bundesregierung gefördert wird. Zwischen den beiden Entwicklern läuft im Hintergrund ein Wettrennen darum, wer am Ende als erstes eine einsatzfähige Maschine präsentiert. Ein Wettbewerb, der alle Beteiligten zu Maximalleistungen treibe, wie Breloh sagt. Der Vorteil der Alternative, die mit Licht arbeitet: Die Untersuchung erfolgt bereits am vierten Tag. Schmerzempfinden wird zu diesem Zeitpunkt von der Forschung ausgeschlossen.

60.000 Eier pro Tag

Breloh kennt den Vor- aber auch die Nachteile der Konkurrenz. Er spricht von einer eindrucksvollen aber aufwendigen Technologie. „Ich kann mir derzeit nicht vorstellen, dass sie eine Geschlechtsbestimmung im Ei in der Geschwindigkeit, Genauigkeit und Masse möglich machen wird, wie es der Markt benötigt, um aus dem Kükentöten auszusteigen.“ Seiner Technik traut er zu, 50.000 bis 60.000 Eier pro Tag zu analysieren. Sollte das Lichtverfahren hier aber aufholen, dann wäre sie „womöglich die erste Wahl“, räumt Breloh ein.

Die Grünen im Bundestag beobachten den technologischen Wettlauf sehr genau. Politisch ist das Thema für die Opposition ein gefundenes Fressen, denn der CSU-Bundesminister will sich auf kein konkretes Enddatum beim Kükentöten festlegen. Das bietet reichlich Angriffsfläche für Grünen-Agrarpolitiker Friedrich Ostendorff. Es werde höchste Zeit für den Ausstieg, sagt der. „Die Auswüchse der industriellen Tierhaltung sind unerträglich.“ Das Gutachten der wissenschaftlichen Dienste zum Schmerzempfinden der Hühnerembryonen interpretiert Ostendorff so, „dass die neue Methode auch nicht das Maß an Tierschutz bietet, das Minister Schmidt verspricht.“

Suche nach dem Superhuhn

Für den Grünen-Politiker ist das Zwei-Nutzungs-Huhn der einzig richtige Weg. Eine Hühnerrasse also, bei der weibliche Tiere ausreichend Eier legen und die männlichen gemästet werden. Auch hier finanziert die Bundesregierung Forschungsprojekte. Ein Durchbruch scheint aber noch fern. Entweder sind die Eier zu klein, oder die Tiere setzen nicht schnell genug Fleisch an, um zu den bisher üblichen Preisen im Supermarkt verkauft zu werden, heißt es aus der Forschung.

Die Züchtung sei „noch sehr, sehr weit vom Ziel“ entfernt, sagt auch Ludger Breloh. Alle Ansätze zur Geschlechtsbestimmung im Ei – egal also, ob Licht oder Hormonanalyse – seien aber Brückentechnologien von möglicherweise mittelfristiger Bedeutung. Bis es eben das eine Superhuhn gibt, das alles kann.

Problem gelöst? Nein, sagt die Tierärztin und Philosophin Kerstin Weich von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Das Töten von Küken sei nämlich nur „Flaggschiff“ einer Debatte um die Stellung des Tieres in der Gesellschaft. „Das Verständnis von Tierschutz hat sich lange darauf beschränkt, dass wir Tieren keine unnötigen Schmerzen zufügen sollten, bevor wir sie dann zum Fleischverzehr töten.“ Mittlerweile habe die Gesellschaft aber erkannt, dass Schwein, Huhn und Rind mehr sind, als eine bloße Ressource. Ein neues Miteinander in dem schwierigen Verhältnis hätten wir aber noch nicht gefunden.