Schießereien und Selbstmordanschläge Terror in Paris: Frankreich macht IS verantwortlich

13.11.2015, 23:40 Uhr

dpa/Reuters/yjs/aky/ski  Paris.   Bei mehreren Schießereien und Bombenanschlägen an sieben Orten in Paris sind mindestens 127 Menschen getötet worden. Frankreichs Präsident Hollande macht die Terrormiliz „Islamischer Staat“ für die Anschläge verantwortlich.

Mehrere Attentäter richteten in einer Konzerthalle mit Kalaschnikows ein Blutbad an und sollen „Allah ist groß“ gerufen haben. Die Grenzen sind dicht, Präsident Hollande rief den Ausnahmezustand aus. Fünf Attentäter sind tot.

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  • Bei mehreren Schießereien und Bombenanschlägen in Paris sind vermutlich mehr als 150 Menschen getötet worden. Der Sender CNN spricht von 153 Toten. Insgesamt soll es sieben Tatorte geben. Die genaue Zahl der Opfer variiert aber je nach Quelle.
  • In einer Konzerthalle töteten mindestens drei Attentäter mindestens 100 Menschen, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Sie hätten auf Arabisch „Allah Akbar“ („Gott ist groß“) gerufen und wahllos in die Menge gefeuert. Die Polizei stürmte die Halle nach Mitternacht, dabei sollen Explosionen und Schüsse zu hören gewesen sein. Drei Angreifer starben – insgesamt sollen fünf Angreifer im Stadtgebiet gestorben sein, berichtete die Polizei.
  • Etwa 40 weitere Tote habe es bei den anderen Attentatsorten in der französischen Hauptstadt gegeben.
  • In der Nähe des Stadions gab es zwei oder drei Explosionen. Der Nachrichtenagentur AP zufolge waren es zwei Selbstmordanschläge und eine platzierte Bombe an den Eingängen, bei denen drei Menschen starben. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet von zwei Bomben.
  • Im Einkaufszentrum Les Halles soll es eine weitere Schießerei gegeben haben, hier gibt es noch keine gesicherten Informationen.
  • Präsident Hollande rief Ausnahmezustand aus und sagte seine Teilnahme am G20-Gipfel in der Türkei ab. Frankreich schloss ferner seine Grenzen. Mehrere Metrolinien sind geschlossen.

Etwa 100 Tote nach Geiselnahme

In dem Pariser Konzertsaal Bataclan nahmen mehrere Attentäter zahlreiche Geiseln. In dem Konzertsaal sollen die Attentäter rund zehn Minuten mit Kalaschnikows um sich geschossen haben. Das berichtete ein Radioreporter dem US-Sender CNN. Dabei soll es 70 bis 100 Tote gegeben haben – je nach Quelle. Die Attentäter hätten „Allah Akbar“ („Gott ist groß“) gerufen und wahllos in die Menge gefeuert. Das berichtet AFP unter Berufung auf Augenzeugen. „Mitten im Konzert sind Männer reingekommen, sie haben im Bereich des Eingangs zu schießen begonnen“, sagte der Konzertbesucher Louis dem Sender France Info. „Sie haben voll in die Menge geschossen, ich glaube mit Pumpguns und dabei „Allahu akbar“ gerufen.“ Der Mann berichtete, als er mit seiner Mutter den Saal verlassen habe, habe er über Leichen klettern müssen. Eine offizielle Bestätigung für diese Darstellung oder für das Motiv der Angriffe gab es zunächst nicht. Dem TV-Sender Euronews hingegen mussten die Konzertbesucher einzeln aufstehen und wurden nacheinander hingerichtet.

Die Polizei hatte die Konzerthalle nach Mitternacht gestürmt. Die drei Angreifer starben, bestätigte Präsident Hollande weit nach Mitternacht. Die Behörden gehen davon aus, dass weitere Täter auf der Flucht sind.

Die Konzerthalle fasst 1500 Personen – die Zahl der Konzertbesucher ist unbekannt. Dort hatte die amerikanische Rockband „Eagles of Death Metal“ gespielt.

Bei allen Angriffen starben je nach Quelle etwa 120 bis 140 Menschen, manche Medien berichten von mehr Opfern, darunter etwa CNN mit 149 Opfern. Viele Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Eine traurige Bilanz

Der Staatsanwalt von Paris, François Molins, hat eine vorläufige Bilanz bekannt gegeben, die die Zeitung „Le Figaro“ veröffentlichte: „mehrere Tote“ am Stadion, 18 Tote in der Rue de Charonne, ein Toter am Boulevard Voltaire, fünf Tote in der Rue de la Fontaine au Roi, 14 Tote in der Rue Alibert. Wie viele in Bataclan starben, teilte er nicht mit.

Im Einkaufszentrum von Les Halles in der Innenstadt soll es zu einer weiteren Schießerei gekommen sein, wie der Hörfunksender Europe 1 berichtet. Hier fehlen weitere Informationen, bestätigt ist das nicht.

Mehrere Explosionen

Zudem gab es im Bereich des Stadions Stade de France zwei oder drei Explosionen, wo die deutsche Nationalmannschaft gegen Frankreich gespielt hatte. An Stadioneingängen sollen zwei Selbstmordattentäter zugeschlagen haben, eine weitere Bombe sei platziert gewesen. Bei den Bombenanschlägen soll es drei Tote gegeben haben.

Zunächst wusste aber niemand, worum es sich bei den Knallen gehandelt hatte. Etwa eine halbe Stunde vor Ende der Partie in Saint-Denis machten erste Gerüchte die Runde über Bombenexplosionen.

Hubschrauber kreisten am Abend über dem ausverkauften Stadion. Hinaus kam zunächst keiner mehr, mit einem Sicherheitsband war das Stadion abgeriegelt. Ordnungskräfte forderten die Menschen auf, die hinausgegangen waren, um sich ein Bild über die Situation zu machen, wieder ins Stadion zu gehen. Später durften Menschen aber doch das Stadion verlassen. Vor dem Stadion soll es stellenweise zu Panik gekommen sein.

 Das Teamhotel der deutschen Nationalmannschaft hatte am Freitagmittag eine Bombendrohung erhalten. Die Polizei fand allerdings keine Bombe. Ob oder inwieweit es einen Zusammenhang gibt, ist noch gänzlich unklar.

Krisensitzung des Kabinetts

Die Pariser Stadtverwaltung rief die Pariser Bürger über Twitter auf, wegen der Anschläge zuhause zu bleiben. Ministerpräsident Charles Michel berufe für Samstagmorgen zudem eine Sondersitzung des Kabinetts ein, teilt sein Sprecher mit.

Das Militär wurde verstärkt, um weitere Anschläge zu verhindern. Alle Krankenhäuser der französischen Hauptstadt wurden in den Ausnahmezustand versetzt. Die Bevölkerung von Paris wurde aufgefordert, zu Hause zu bleiben. „Wir bitten Sie, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen und auf Anweisungen der Polizei zu warten“, hieß es einer Mitteilung der Polizei. Schulen und Unis in Frankreich bleiben am Samstag geschlossen. Belgien kontrolliert nach der Anschlagsserie in Frankreich an der Grenze zu Frankreich den Straßen-, Bahn- und Flugverkehr.

Weltweites Entsetzen

 Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte in Berlin, sie sei tief erschüttert über diese Anschläge. „Meine Gedanken sind in diesen Stunden bei den Opfern der offensichtlich terroristischen Angriffen, ihren Angehörigen sowie allen Menschen in Paris“, erklärte Merkel. Für Samstagmorgen 9 Uhr kündigte die Kanzlerin eine Regierungserklärung an. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) äußerte sich entsetzt über die Attacken von Paris. Er sei erschüttert über die Ereignisse, twitterte das Auswärtige Amt am Freitagabend. Steinmeier wurde mit den Worten zitiert: „Wir stehen an der Seite Frankreichs!“. Steinmeier war am Abend gemeinsam mit Frankreichs Staatspräsident François Hollande als Zuschauer bei dem Fußball-Länderspiel der deutschen Mannschaft gegen Frankreich. Ob Steinmeier aus Sicherheitsgründen vorzeitig aus dem Stadion gebracht wurde, blieb zunächst offen. Das Auswärtige Amt twitterte ferner: #NousSommesUnis („Wir sind vereint“). Bundespräsident Joachim Gauck sagte laut einer Mitteilung vom frühen Samstagmorgen: „Ich bin tief erschüttert angesichts der Nachrichten, die uns aus Frankreich erreichen. Meine Gedanken sind bei den Opfern, Ihren Angehörigen und dem französischen Volk.“ Kanzleramtschef Peter Altmaier twitterte: „Wir weinen um die unschuldigen Toten von Paris. Aber wir werden uns niemals beugen dem Hass, dem Fanatismus und der Gewalt!“ Später schrieb er: „Paris ist der Sehnsuchtsort der Freiheit. Man kann es bomben - nur zerstören kann man es nicht!“ Bundesinnenminister Thomas de Maizière bot Paris Hilfe durch deutsche Spezialkräfte an.

 US-Präsident Barack Obama sagte, das sei kein Angriff auf Franzosen gewesen, sondern auf die gesamte Menschheit gewesen. Großbritanniens Premierminister David Cameron reagierte bereits via Twitter. „Ich bin schockiert über die Vorgänge in Paris heute Abend. Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Franzosen. Was auch immer wir tun können, um zu helfen, werden wir tun“, schrieb Cameron. 

 Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi sagte: „Italien weint um die Opfer von Paris und ist vereint im Schmerz mit den französischen Brüdern. Das ins Herz getroffene Europa wird auf diese Barbarei zu reagieren wissen.“ Außenminister Paolo Gentiloni schrieb auf Twitter: „Wir sind Frankreich nahe, dem Drama der Familien der Opfer, vereint gegen den Terror“.

 Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sicherte Frankreich die Unterstützung des Militärbündnisses zu. Die Nato stehe im Kampf gegen den Terrorismus an der Seite Frankreichs, sagte Stoltenberg. „Terrorismus wird nie die Demokratie besiegen“, fügte er hinzu. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) verurteilt in einer Erklärung die Anschläge in Paris als „barbarische und feige terrorisische Angriffe“.

Auch Bundestrainer Joachim Löw reagierte mit großer Bestürzung und Betroffenheit auf die Ereignisse in Paris reagiert. „Wir sind alle erschüttert und schockiert“, sagte Löw am Freitag in der ARD nach der 0:2-Niederlage der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Frankreich. „Für mich tritt der Sport oder die Gegentore in den Hintergrund.“ Teammanager Oliver Bierhoff sprach von „großer Unsicherheit, großer Angst und großer Betroffenheit“ auch in der deutschen Kabine.

Bei der SPD äußerte sich die stellvertretende Bundesvorsitzende und nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft auf Twitter mit den Worten: „Ich bin tief betroffen. Meine Gedanken sind bei unseren französischen Freunden. Welcher Wahnsinn.“ Der Linke-Vorsitzende Bernd Riexinger schrieb in dem Kurznachrichtendienst: „Ich bin entsetzt über die Gewalt in #Paris, traurig und bestürzt über die vielen getöteten Menschen und in Gedanken bei ihren Familien.“ Linke-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht äußerte sich betroffen: „Ich bin tief erschüttert über die furchtbaren Anschläge in #Paris. Meine Gedanken sind bei den Opfern und den Menschen in Frankreich.“ Grünen-Chef Cem Özdemir betonte in dem Kurznachrichtendienst: „Wir sind bei den Menschen von #Paris & ganz #Frankreich. Was für ein Horror.“ Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt nahm dort Bezug auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte und schrieb: „Zu viele Muslime, Flüchtlinge sind schuld? NEIN. Sie sie fliehen davor. Demokratie u Freiheit verteidigen! Für Alle!“

 FDP-Chef Christian Lindner sprach von einem schockierenden Anschlag auf die Zivilisation. „Für Liberté, Égalité, Fraternité (auf Deutsch: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit) muss Europa jetzt zusammenhalten.“ 

Fußballspiel nicht abgebrochen

Der Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Hendrik Große-Lefert, bestätigte am späten Abend in Paris im ARD-Fernsehen, die deutsche Fußball-National-Elf habe sich noch lange nach dem Testspiel gegen Frankreich in den Kabinen der Stadions aufgehalten. „Alle sind angespannt“, hatte er gesagt. Das Länderspiel war trotz der Anschlagsserie nicht abgebrochen worden. Anschließend verließen die Zuschauer das Stadion nach Berichten eines dpa-Reporters ohne Panik. Viele waren ratlos. Kinder hatten Tränen in den Augen.

Erinnerung an „Charlie Hebdo“

Die Attacken erinnern an den Angriff auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und die anschließende Terrorserie. In Frankreich galten bereits vor den Anschlägen seit diesem Freitag wieder verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. Wegen „terroristischer Gefahr“ und „Risiken für die öffentliche Ordnung“ hatte die Regierung auch beschlossen, vor der Weltklimakonferenz die Grenzkontrollen wieder aufzunehmen. Die Klimakonferenz, zu der zahlreiche Spitzenpolitiker aus aller Welt erwartet werden, beginnt am 30. November.

Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen im Vorfeld

In Frankreich galten bereits vor den Anschlägen seit diesem Freitag wieder verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. Wegen „terroristischer Gefahr“ und „Risiken für die öffentliche Ordnung“ hatte die Regierung auch beschlossen, vor der Weltklimakonferenz die Grenzkontrollen wieder aufzunehmen. Die Klimakonferenz, zu der zahlreiche Spitzenpolitiker aus aller Welt erwartet werden, beginnt am 30. November.

Pariser öffnen Fußball-Fans ihre Wohnung

Unter dem Twitter-Hashtag #porteouverte bieten Paris‘ Einwohner mitgereisten Fans der DFB-Elf Unterschlupf in ihren Wohnungen an.

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