Nach TV-Protest gegen Ukraine-Krieg Russland-Experte sieht noch keine Umsturz-Gefahr für Wladimir Putin

Von Tobias Schmidt | 15.03.2022, 14:56 Uhr

Der Anti-Kriegsprotest der Mitarbeiterin eines russischen Staatssenders sorgt für Aufsehen. Steigt der Widerstand gegen Wladimir Putin? Russland-Experte Vasily Astrov sieht noch keinen Funken überschlagen. Aber das könnte sich ändern.

Wird Russlands Präsident Wladimir Putin durch den Ukraine-Krieg bald im eigenen Land so stark unter Druck geraten, dass er einlenken muss? Darauf könnte der spektakuläre Prostet der Mitarbeiterin eines russischen Staatssenders hinweisen. Wir haben bei einem der besten Putin-Kenner nachgefragt, Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsfragen (WIIW). Hier kommt seine Einschätzung:

Bislang gelinge es Putin, mit einer Mischung aus Propaganda und Repression gegen jede Unmutsäußerung die Bevölkerung hinter sich zu einen, und das, obwohl der Rubel einbricht und die Wirtschaft leidet, sagt Astrov im Gespräch mit unserer Redaktion.

Für Jahre hinter Gitter?

Marina Owsjannikowa, die am Montag in der Hauptnachrichtensendung ein Schild mit der Aufschrift „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen“ hochgehalten hatte, wurde am Dienstag zu einer Haftstrafe von umgerechnet 250 Euro verurteilt und anschließend freigelassen. Das neues Mediengesetz, das viel härtere Strafen vorsieht, kam in ihrem Fall noch nicht zur Anwendung.

„Natürlich wurde diese Geschichte von den oppositionellen Medien aufgefangen, aber ob dieser Funke für etwas Größeres reichen wird, wage ich zu bezweifeln“, sagt Astrov, der aus St. Petersburg stammt und seit Jahren den Kreml beobachtet.

International weitgehend isoliert, dazu die schrecklichen Bilder des Ukraine-Krieges und Nachrichten von getöteten russischen Soldaten: Wie lange kann das für Putin wirklich gut gehen? Auch weiterhin werde es dem Präsidenten gelingen, den Meldungen die Wucht zu nehmen, vor allem bei der älteren und weniger gebildeten Bevölkerung, die sich nur das staatliche oder staatsnahe Fernsehen anschaue. „Bei den Jüngeren und Gebildeten wird es viel schwieriger“, schätzt der Putin-Kenner. Auch das werde aber absehbar nicht bedrohlich für Putin.

„Sehr geduldig und Krisen gewöhnt“

Der entscheidende Vorteil des Kreml-Chefs: „Die Russen sind bekanntlich sehr geduldig und an Krisen gewohnt“, erklärt Astrov. In der jüngeren Vergangenheit habe das Land schon vier Krisen durchlaufen, Anfang der 1990er, 1998, 2008-2009 und zuletzt 2014-2015, wobei es Anfang der 1990er besonders schlimm war. Die Hoffnung in der Ukraine, im Westen, Putin werde eines nicht allzu fernen Tages doch gestürzt, sei deswegen „nicht sehr wahrscheinlich“.

Letztlich sei alles eine Frage der Zeit, sagt Astrov, ein ausgewiesener Spezialist für die Wirkung von Wirtschaftssanktionen. Ein Machterhalt für ewig sieht er nicht. „Langfristig wird es ohne Wirtschaftswachstum und eine Verbesserung der Lebensstandards nicht funktionieren.“

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