Raketenpionier Zwischen Himmel und Hölle: Vor 100 Jahren wurde Wernher von Braun geboren

Von Karsten Grosser | 22.03.2012, 17:17 Uhr

Er hatte stets den Himmel im Blick und verschloss dabei die Augen vor der Hölle auf Erden – Wernher von Braun. Für Hitler-Deutschland entwickelte er die „Vergeltungswaffe“ V2, den Amerikanern konstruierte er die Rakete, die den Wettlauf zum Mond entschied. Am 23. März 2012 wäre der „Raketenmann“, wie der Ingenieur Ende der 1950er-Jahre auf einem Cover des US-Magazins „Time“ genannt wurde, 100 Jahre alt geworden.

Von Braun legte mit der Entwicklung der SaturnV den Grundstein für das Mondprogramm der US-Raumfahrtbehörde NASA, das am 20. Juli 1969 in der Eroberung des Erdtrabanten gipfelte –rund 27 Jahre nach dem Erstflug des Aggregats 4, der ersten Rakete, die an die Grenzen des Alls vorstieß und sie später auch überschritt. Diese als V2 bekannte „Wunderwaffe“ der deutschen Nazis brachte während des Zweiten Weltkriegs Tausenden Menschen den Tod: etwa 5000 Zivilisten in Großbritannien, Belgien, Frankreich und in den Niederlanden, aber auch mehr als doppelt so vielen Zwangsarbeitern im unterirdischen KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen. Dorthin war die Produktion der V2 verlagert worden, nachdem die Alliierten die Heeresversuchsanstalt Peenemünde, deren technischer Direktor von Braun war, im August 1943 bombardiert hatten.

Der aus der Provinz Posen stammende von Braun leugnete später, von den unmenschlichen Bedingungen im KZ gewusst zu haben. Doch Historiker widersprechen ihm. „Menschen stellten für von Braun Mittel dar zur Erreichung eines Ziels“, erklärt Rainer Eisfeld. Der Osnabrücker Politologe veröffentlichte vor eineinhalb Jahrzehnten mit „Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei“ ein kritisches Standardwerk über den Wissenschaftler, von dem just eine neue Auflage erschienen ist. Eisfeld sagt: „Überzeugter Nazi war von Braun nicht – Opportunist allemal. Als Peenemünde bombardiert wurde, arbeiteten dort schon KZ-Häftlinge.“ Von Braun, Mitglied der NSDAP und SS, habe ihren Einsatz bei der künftigen Untertagefertigung empfohlen. Michael J. Neufeld schreibt in seiner Biografie „Wernher von Braun. Visionär des Weltraums, Ingenieur des Krieges“, der Raketenbauer habe mit seiner Arbeit im NS-Regime einen „Pakt mit dem Teufel“ geschlossen.

Nach Kriegsende wanderte von Braun in die USA aus, wo er bald die V2 weiterentwickelte. Mit früheren Kollegen konstruierte von Braun die erste atomar bestückte Mittelstreckenrakete der Welt. Trotz seiner Nazi-Vergangenheit gewann von Braun mit seinen Weltraumvisionen in der amerikanischen Bevölkerung zunehmend an Popularität. Mittlerweile mit US-Pass, stieg er in der 1958 gegründeten NASA schnell in leitende Positionen auf – bis hin zum stellvertretenden Planungsdirektor. Auch in Deutschland wurde der charismatische Mann zum Star, der wie Goethes Faust seine Seele an die Militärs verkaufte, um seinen Traum vom Flug zum Mond zu verwirklichen. Am 16. Juni 1977 starb von Braun im Alter von 65 Jahren an Krebs.