Rajasthan will Tiere schützen Indischer Bundesstaat erklärt Kamel zum „Staatstier“

11.07.2014, 20:51 Uhr

Das „Wüstenschiff“ ist offizielles Symbol des westindischen Bundesstaates Rajasthan. Damit soll es unter besonderen Schutz gestellt werden. Doch die Kamelzüchter sind skeptisch und befürchten eine schmerzliche Beschneidung ihrer Existenzgrundlage.

In Indien ist ein Gesetz in Arbeit, das den veränderten Status der Dromedare in Rajasthan absegnen soll. Es enthält unter anderem ein Schlachtverbot und stellt den Schmuggel des Nutzviehs, der bis nach Bangladesch reicht, sowie die Nutzung als Reit- und Zugtier unter Strafe. Damit würde das Dromedar einen Schutz genießen, der jenem der „heiligen Kuh“ ähnlich ist.

Rajasthans Chefministerin Vasundara Raje will auf diesem Wege der dramatischen Abnahme des Kamelbestandes begegnen. 1982 belief er sich noch auf rund eine Million Tiere. 1997 war er auf 668000, 2003 auf 498000 und 2008 auf 430426 gesunken. Nach Einschätzung von Hanwanth Singh Rathore, Direktor der Hirtenorganisation Lokhit Pashu Palak Sansthan, wird es heute in Rajasthan wohl nicht mehr als 200000 Dromedare geben.

Die Gründe für den alarmierenden Schwund sind vielfältig. Zum einen werden die Weidegebiete immer stärker durch Industrie und Siedlungen zerstückelt und reduziert. Zum anderen verehren die Raikas und Rebaris – die beiden hinduistischen Kasten der traditionellen Kamelzüchter – zwar das Wüstenschiff weiterhin als heilig, doch sie erheben mittlerweile keinen Einspruch mehr, dass für mehr und mehr Tiere der Schlachthof zur letzten Station wird.

Die Auswirkungen der neuen Regeln bekommen in erster Linie die über 10000 Raika und Rebari, aber auch die rund 200000 Inder zu spüren, die mit Kamelerzeugnissen wie Wolle, Leder und Milch oder durch touristische Aktivitäten mit dem Dromedar ihren Lebensunterhalt verdienen. Studien der Liga für Hirtenvölker belegen, dass die genügsamen Tiere die beste Option für eine Wirtschaft in Wüstenregionen ist.

Vertreter der beiden Hirtengemeinschaften betrachten den neuen Status des Kamels mit zwiespältigen Gefühlen. Sie beschweren sich, als Spezialisten nicht konsultiert worden zu sein. Auch sie sind für den Schutz, doch hegen arge Bedenken, wie das Gesetz praktisch gehandhabt werden wird. Sie befürchten, dass staatliche Restriktionen ihre Existenzgrundlage empfindlich beschneiden oder gar vernichten könnten. Ummed Singh Rebari, Präsident des Verbandes Shri Bharat Gopalak Raika Mandal, glaubt, das Gesetz würde die Kamelpopulation weiter dezimieren und den „Lebensunterhalt Tausender Hirten ruinieren“.

In der Agrarwirtschaft mancher Distrikte Rajasthans wird noch immer mithilfe des Kamels gepflügt. Auch der traditionelle Kamelkarren als Transportmittel auf dem Lande und zwischen den Gemeinden ist noch nicht völlig aus der Mode gekommen.

Eine Hochzeit im ländlichen Gebiet etwa ist undenkbar, ohne dass der Bräutigam auf einem Dromedar zum Haus der Braut reitet. Bei in- und ausländischen Touristen gleichermaßen beliebt ist ein Kamelritt durch die Dünen von Sum bei Jaisalmer.

Die Züchter halten sich mit ihren Herden nur zur Monsunzeit in Rajasthan auf. Ansonsten nomadisieren sie in Weidegebiete der benachbarten Bundesstaaten Gujarat, Madhya Pradesh und Haryana.

All diese Aktivitäten sehen die Hirten nun bedroht. Hanwanth Singh Rathore fragt: „Wer kommt künftig noch nach Pushkar, wo alljährlich im November die größte Kamelmesse der Welt stattfindet, wenn die Tiere nicht mehr in andere Bundesstaaten verkauft werden und Besucher nicht mehr auf Kamelen reiten dürfen?“