Radfahrfreundliche Städte Fahrradhauptstadt Münster: Vorfahrt für die „Leeze“

Von Christian Schaudwet | 15.08.2015, 08:30 Uhr

Einst war das Fahrrad im Stadtverkehr als Ärgernis verschrien – heute wetteifern deutsche und europäische Kommunen um den Titel „Fahrradhauptstadt“. Radfahrfreundlichkeit gilt vielerorts als Nachweis von Lebensqualität.

  „Das Fahrrad erschwert die Abwicklung des Stadtverkehrs als das am meisten störende Verkehrselement. Es verträgt sich wegen seiner unterschiedlichen Geschwindigkeit nicht mit dem Kraftfahrzeug zusammen auf einer Fahrbahn und wird umso störender, je mehr es in Rudeln auftritt.“ Gutachter der Stadt Münster fällten dieses vernichtende Urteil im Jahre 1946.

ADFC ermittelt Radfahrfreundlichkeit

Doch die „Leeze“, wie die Münsteraner das Fahrrad nennen, wurde nicht verbannt. Im Gegenteil: Münster hat heute doppelt so viele Fahrräder wie Einwohner, und vor seinem Hauptbahnhof steht das größte Fahrrad-Parkhaus Deutschlands. Die westfälische Stadt ist Spitzenreiter im Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) und hält diese Position in der Kategorie der Städte ab 200.000 Einwohner seit Langem. Für den Test befragte der Verein im vergangenen Jahr mehr als 100.000 Menschen. Die Fragen drehten sich um Themen wie Radfahrsicherheit, die Erreichbarkeit von Zielen, Ampelschaltungen, Baustellen und Autos auf Radwegen.

Osnabrück im Mittelfeld

Karlsruhe und Freiburg folgen auf den Plätzen zwei und drei. Erlangen siegte vor Oldenburg in der Kategorie 100.000 bis 200.000 Einwohner - Osnabrück lag dort mit Platz 23 im unteren Mittelfeld. Weitere Städte im Nordwesten, die auffielen: Nordhorn, Ibbenbüren und Lingen (Platz zwei, vier und zehn in der Kategorie 50.000 bis 100.000 Einwohner). Papenburg schaffte es auf Platz zehn der Städte mit weniger als 50.000 Einwohnern.

Das Bundesverkehrsministerium fördert den Test im Rahmen seines Nationalen Radverkehrsplans 2020 . Fahrradfreundlichkeit sei ein „guter Gradmesser für die Lebensqualität einer Stadt“, sagte der Staatssekretär Rainer Bomba Anfang 2015, als er den Bestplatzierten ihre Urkunden überreichte.

Superstars unter den Fahrradstädten

Doch im Vergleich mit den Superstars der europäischen Fahrradstädte fallen die deutschen Spitzenreiter ab: Kopenhagen – wenn Fahrrad-Aktivisten diesen Namen hören, verklärt sich ihr Blick. In der dänischen Hauptstadt fahren 45 Prozent der Berufstätigen und Schüler mit dem Rad zur Arbeit oder zum Unterricht. Damit vermeiden sie nach Angaben des internationalen „Earth Day“-Netzwerks jährlich rund 90.000 Tonnen des klimaschädlichen Gases CO2.

Kopenhagen: Grüne Welle für Radfahrer

Die Stadt will ihre Infrastruktur nun so ausweiten, dass der Vielradler-Anteil auf 50 Prozent steigt. Sie baut dazu exklusive Fahrradbrücken, zusätzliche und breitere Radwege und mehr Parkraum für Fahrräder. Grüne LED-Lichter im Boden zeigen Radfahrern im Vorfeld an, dass sie die nächste Ampel ohne Stopp passieren können, wenn sie konstant mit 20 Stundenkilometern weiterfahren. In schräg gestellte Abfalleimer an den Radwegen lässt sich Müll während der Fahrt einwerfen.

Die dänische Hauptstadt genießt ihren Pionierstatus. Eine örtliche Beratungsagentur erstellt jährlich den „Copenhagenize Index“, eine internationale Rangliste der fahrradfreundlichsten Großstädte, in dem – was Wunder – Kopenhagen an der Spitze steht. Eine deutsche Stadt taucht im Ranking von 2015 mit Berlin erst auf Platz zwölf auf, Hamburg liegt an 19. Position.

Spitzenreiter Münster: „Der Putz bröckelt“

In Deutschland steht voraussichtlich 2016 die nächste Fahrradklima-Umfrage des ADFC an. Dass Münster unter den Großstädten wieder den Titel holt, ist nicht ausgemacht. Denn „der Putz bröckelt“, schrieb der auf Mobilität spezialisierte Nachhaltigkeitsberater Michael Adler in einer Präsentation für eine Konferenz des Deutschen Instituts für Urbanistik. Münsters Infrastruktur sei an vielen Stellen nicht mehr zeitgemäß. Die Stadt habe die Kombination von Fahrradverkehr und öffentlichem Nahverkehr vernachlässigt und damit ihre Chance verpasst, „multimodale Hauptstadt“ zu werden. „Münster hat sich zu lange darauf ausgeruht so weit vorne zu liegen“, zitierten die „Westfälischen Nachrichten“ kürzlich den Grünen- Politiker und Vorsitzenden des Verkehrsausschusses im Europaparlament, Michael Cramer. Radschnellwege etwa, die das Fahrradfahren unter anderem sicherer machen könnten, sind seit Langem im Gespräch, aber beschlossen ist nichts.

Münster ragt auch in einer weniger rühmlichen Disziplin heraus: bei Zahl der gemeldeten Fahrradunfällen pro 100.000 Einwohner. Hier liegt Münster deutlich vor den beiden größten Städten Nordrhein-Westfalens, Köln und Düsseldorf.