Politik Pur-Sänger Engler: Wenn mein Bruder auf die Welt gekommen wäre, gäbe es mich wahrscheinlich nicht

11.09.2009, 09:44 Uhr

Er ist der Frontmann einer der erfolgreichsten deutschen Popbands – und trotzdem wird „Pur“ von vielen Radiosendern nicht gespielt. Diese Ignoranz lässt Hartmut Engler aber schon lange nicht mehr verzweifeln. NOZ-Redakteur Stefan Alberti spricht mit dem 47-Jährigen in München über die Ignoranten, vielmehr aber über seine gerade erst verarbeiteten privaten und gesundheitlichen Probleme und das neue Album „Wünsche“.

Herr Engler, eines müssen Sie uns vorweg erklären: Wo haben Sie Ihre neue Freundin Katrin kennengelernt?

Bei einem Konzert.

Von „Pur“?

Nein, nein. Das war bei einem relativ kleinen Konzert bei mir in der Ecke. Ich musste mal wieder unter Menschen.

Wer hat gespielt?

David Hanselmann, früherer Backing-Vokalist von „Pur“, mit dem wir auch zehn Jahre lang unterwegs waren. David hatte nun mit seiner Band ein Konzert gegeben. Da habe ich Katrin getroffen.

Und es hat sofort gefunkt?

Ich habe sie erst einmal zum Essen eingeladen. Es ging schon langsam los. Wenn man eine Krise durchlebt hat, wie ich im vergangenen Jahr, dann stürzt man sich nicht so da rein.

Dafür haben sich aber sofort die Boulevardmedien für Ihre neue Freundin oder Ihre Lebenskrise und Ihren Klinikaufenthalt interessiert. Vor vier Jahren hatten Sie mir im Interview erzählt, dass Sie kein Mensch für den Boulevard sein wollten.

Das ist einfach erklärt. Es passieren einem Dinge, die bei anderen Leuten privat bleiben. Und in meinem Fall ist es wohl so, dass irgendwelche Menschen sich berufen fühlen, bei einer Zeitung anzurufen, um mitzuteilen, dass sie mich zum Beispiel in einer Klinik gesehen hätten. Daraus stricken sich dann Vermutungen, die man mitgeteilt bekommt. Das kann man entweder unkommentiert stehen lassen, oder man versucht es geradezurücken und ein bisschen wahrer zu machen. In dem Moment fängt man an, Dinge zu erklären, die man eigentlich niemandem erklären muss. Offensichtlich sind meine privaten Lebensumstände von öffentlichem Interesse.

Womit Ihre Privatsphäre stark eingeschränkt ist.

Ja, so ist es. Das ist auf der einen Seite eine Last, auf der anderen Seite zeigt es aber den Stellenwert der Band „Pur“. Man kann nicht auf der einen Seite sagen, wir seien berühmte Musiker. Und auf der anderen Seite wollen wir die negativen Seiten nicht wahrhaben. Also halte ich den Kopf hin.

Wie finden Ihre Bandkollegen Ihre Schlagzeilen? Sind die nicht möglicherweise wütend, weil Sie dem Image von „Pur“ schaden?

Also erst mal ist der Mensch innerhalb der Gruppe wichtig. Den anderen ging es zunächst einfach nur darum, dass es mir wieder gut geht. Ich bin auf der einen Seite jemand, der der Band extrem guttut und sie als Gesicht nach vorne bringt. Dafür fordere ich dann auch Solidarität ein, wenn ich die anderen hinter mir brauche. So funktioniert das, wenn man Mitglied in einer Band ist.

Aber es hat doch in den vielen Jahren in der Band bestimmt schon mal richtig geknallt.

Knallen tut es bei uns nicht. Das habe ich in all den Jahren noch nie erlebt, weil es keinen Choleriker bei uns gibt. Natürlich gibt es Enttäuschungen und Meinungsverschiedenheiten, aber kein Rumgebrüll.

Noch mal zurück ins vergangene Jahr. Können Sie uns noch mal Ihre Lebenskrise mit Depressionen und Alkoholproblemen beschreiben?

Möchte ich eigentlich nicht. Das stand doch auch nun ausführlich in so vielen Boulevardzeitungen.

Aber in unserer Zeitung noch nicht. War es denn wirklich so, dass Sie rund 14 Tage niemanden an sich ranlassen wollten?

Ja. Man hat keine Lust, sich die Leviten lesen zu lassen. Man geht nicht ans Telefon, man kann nicht schlafen. Anstatt zu schlafen, geht man an den Kühlschrank und holt sich ein Bier, damit man weiterschlafen kann. Morgens ist man gerädert, hat keine Lust aufzustehen. Man weiß auch nicht, warum man aufstehen soll. Man wälzt sich im eigenen Selbstmitleid. Und dann klopft und klingelt es – und man macht trotzdem nicht auf. Das ging einige Tage so. Dann haben mir meine Freunde aus dem Umfeld Gott sei Dank begreiflich gemacht, dass ich dringend etwas tun muss.

Sie sind ja dann 14 Tage lang in eine Spezialklinik gegangen. Als Mann des öffentlichen Lebens werden Sie erkannt, wie funktioniert dann eine Therapie?

Nach gut zwei Wochen hatten die Leute mitbekommen, dass ich da bin. Wenn man dann die ersten Autogramme gibt, dann weiß man auch, dass es besser ist, die Therapie zu Hause zu Ende zu bringen.

Und wie haben Sie die 14 Tage in der Klinik empfunden?

Ich habe interessante Menschen kennengelernt. Da war eine Lehrerin, die Angst hatte, vor ihre Schüler zu treten. Dann gab es Leute, die einfach ausgebrannt waren. Man hat sich in Gesprächsrunden ausgetauscht. Natürlich wussten sie dann, wer ich bin. Aber bei denen hatte ich keine Angst, dass sie das nach außen tragen. Da entsteht eine Gemeinschaft. Das war eine extrem gute Erfahrung für mich, mit „normalen“ Leuten zu sprechen, die alle ihr Päckchen zu tragen haben. Aber das alles waren nur zwei Wochen meines Lebens, lassen Sie uns doch über das neue Album sprechen.

Sofort. Nur noch eine Frage zu diesen 14 Tagen: Haben Ihre Söhne Philip und Felix diese Zeit mitbekommen?

Die waren in der Zeit im Urlaub und mit ihrer Mutter unterwegs. Diese Phase haben sie praktisch so nicht mitbekommen. Aber ich habe alles mit ihnen besprochen. Und so, wie Kinder in dem Alter begreifen können, haben sie es auch begriffen.

Zum neuen Album „Wünsche“. Vielleicht erst einmal vorweg: Wie textet ein Hartmut Engler, gibt es da bestimmte Rituale?

Ich habe einen wunderschönen großen Garten, in dem ein Holzpavillon steht. In diesem Pavillon ist kein Telefon, aber alles, was ich sonst zum Arbeiten brauche, also eine Stereoanlage, ein Schreibblock und ein Kugelschreiber. Und ich mache mit mir feste Arbeitszeiten aus – zum Beispiel, dass ich ab 14 Uhr im Pavillon sitze.

Und das funktioniert immer?

Anders geht es nicht. Dann kann es natürlich schon mal sein, dass einem zwischen 14 und 16 Uhr nichts einfällt. Aber gerade für das neue Album habe ich erlebnismäßig aus dem Vollen schöpfen können.

Zum Beispiel Ihre Begegnung mit der an Demenz erkrankten Frau Schneider...

Der Song gehört zu den Lieblingsliedern der Band. Entstanden ist das Ganze aus unserem Benefizkonzert im vergangenen Jahr in Bietigheim-Bissingen. Da haben wir acht Organisationen bedacht. Dabei war auch die Diakonie-Station. Wir haben uns dann auch alle Örtlichkeiten persönlich angeschaut – und waren auch beim Nachmittag für Demenzpatienten dabei. Da wurde gesungen, gespielt, spazieren gegangen und Kaffee getrunken. Und da ich im Herbst Zeit hatte, bin ich anschließend öfter hingegangen, um mit den Patienten Zeit zu verbringen. Dabei habe ich dann Frau Schneider kennengelernt und mit ihr Halma gespielt. Die hat mich tatsächlich dauernd geschlagen, obwohl ich eigentlich gut Halma spielen kann. Das hat mich erstaunt, Frau Schneider hat mich dauernd zugestellt und mit einer fiesen Taktik gespielt (lacht). Das Lied, was daraus entstanden ist, habe ich der Familie und auch Frau Schneider vorgespielt – sie fanden es klasse. Frau Schneider bekommt demnächst die CD von mir persönlich überreicht.

Aus dieser Begegnung ist auch das Lied „Wünsche“ entstanden, in dem Sie sich „mehr Lohn und mehr Dankbarkeit für die Krankenschwester“ wünschen.

Das ist ja ein generelles Problem. Es gibt Leute, die für eine bestimmte Arbeit zu viel Geld bekommen. Und es gibt andere, zum Beispiel in den sozialen Diensten, die viel zu wenig kriegen. Und deswegen sollen die Leute über so ein Lied einfach mal sensibilisiert werden und Verständnis für die vorbeihetzende Krankenschwester bekommen, die zu viel arbeitet und unterbezahlt ist.

Den Song „Winter 59“ haben Sie Ihrem Bruder gewidmet, der 1959 vor der Geburt gestorben war und nie das Licht der Welt erblickte.

Als meine Mutter das Lied gehört hat, war sie einverstanden. Sie kommt eben aus einer Generation, in der man so etwas eher als Makel empfunden hat. So etwas wurde unter den Teppich gekehrt. Und es ist Fakt, dass bei uns in der Familie wohl die Familienplanung abgeschlossen gewesen wäre, wenn mein Bruder auf die Welt gekommen wäre. Mich gäbe es dann wahrscheinlich nicht. Das war ein interessanter Ansatz für ein neues Lied.

Das neue Album ist meines Erachtens nach „Abenteuerland“ das stärkste, das „Pur“ veröffentlicht hat – trotzdem werden Sie weiterhin von vielen Radiostationen boykottiert.

Einige Radiosender waren mittlerweile doch mutig und haben unsere erste Singleauskopplung „Irgendwo“ gespielt. Flächendeckend haben wir es nicht hinbekommen. Aber das ist nichts Neues für uns, damit müssen wir schon lange kämpfen.

Was sagen Sie, wenn die „Frankfurter Allgemeine“ über „Pur“ schreibt, „dass die Band schlagerpopt wie eine routinierte Dorfkapelle“?

Das ärgert mich, aber ich kann es nicht verhindern. Das ist dumm und Blödsinn. Wer ein bisschen Ahnung von Musik hat, kann so etwas nicht akzeptieren.