Politik Kabarettistin Kroymann: ARD und ZDF haben geschlafen

31.07.2009, 08:33 Uhr

Die Schauspielerin und Kabarettistin Maren Kroymann übt scharfe Kritik an ARD und ZDF: „Die Öffentlich-Rechtlichen haben im ganzen Bereich Humor total geschlafen in einer Mischung aus Ignoranz und Arroganz. Lachen ist denen offenbar nicht wichtig und nicht feuilleton-kompatibel genug“, sagte die 60-Jährige unserer Zeitung (Samstagsausgabe).

Sie ist heiter, scharfsinnig, gelegentlich spitzzüngig – und gerade 60 geworden. Nächsten Freitag sehen wir Maren Kroymann in der „NDR Talkshow“ über dieses Alter reden, obwohl sie es bei der Aufzeichnung der Sendung noch gar nicht erreicht hatte. Allemal sehenswert und überaus komisch ist aber vor allem ihr neuer Kinofilm „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ nach dem Bestseller von Jan Weiler. Ein Gespräch übers Lachen und Lieben:

Frau Kroymann, haben Sie heute schon gelacht?

Heute noch nicht außer gerade bei unserer Begrüßung. Ich war etwas verkatert von der letzten Nacht. Wir hatten Gäste, weil im Fernsehen ein Film meiner Lebensgefährtin (der Dokumentarfilmerin Claudia Müller, Anm. d. Red.) gezeigt wurde. Die Gäste blieben bis drei... und ich habe nur vier oder fünf Stunden Schlaf gehabt. Bis jetzt bin ich nur mit dem Hund gejoggt, und dabei habe ich nicht gelacht.

Dauert es sonst morgens lange, bis Sie lachen können?

Eigentlich nicht. Sobald ich richtig wach bin, kann ich auch lachen. Prinzipiell bin ich sehr lachbereit und kann auch über doofe Sachen lachen.

Auch über sich selbst?

Na klar. Ich bin manchmal so dusselig, dass ich einfach lachen muss. Zurzeit habe ich etwas Probleme mit einem meiner Augen, das hatte gestern gewisse Probleme mit dem Eingießen des Champagners zur Folge. Das hat ja was von Slapstick.

Sie bringen gerne andere Menschen zum Lachen?

Das kann ich gar nicht so sagen, weil ich selber sehr gerne lache. Genauso wie ich gerne koche, aber auch gerne esse. Da bin ich schon extrem selbstsüchtig. Ich seh mir gern die Kollegen an und bin ein sehr gutes Publikum, das ist in Wirklichkeit meine größte Begabung (lacht). Ich kapiere schnell, bin extrem sympathisierend, sitze da und bin total glücklich. Ich bin ja auch genusssüchtig, freu mich gern über die anderen und genieße es, unterhalten zu werden.

Komik ist ja auch, andere zum Lachen zu bringen und dabei selbst nicht zu lachen – fällt Ihnen das manchmal schwer?

Manchmal schon. Ich habe gerade einen Film mit Hape Kerkeling gedreht, da war es wirklich schwer, weil ich über Hape immer so lachen musste. Wobei das Lachen beim Dreh keine Garantie dafür ist, dass es auch wirklich lustig wird. Es ist schon am besten, wenn man selbst todernst und furztrocken ist, das ist mir am liebsten. Ich werde gern unterschätzt und knall den Leuten dann richtig eins vor den Bug.

Gibt es Situationen, in denen Sie lachen müssen, obwohl es eigentlich unangebracht ist?

Ja, ich muss oft bei Peinlichkeiten lachen, manchmal auch in todernsten Situationen. Eigentlich ist das Lachen dann sogar am sinnvollsten, weil es den Ernst bricht. Ich lache aber auch überdimensional laut und häufig, wenn ich mich nicht ganz wohlfühle oder in Gegenwart von Menschen bin, die ich nicht so gut kenne. Da lockert mich das Lachen auf.

Lachen Sie über Ihren Hund?

Ja natürlich, Sie müssten mal sehen, wie der gucken kann. Man weiß genau, dass er ein Gespräch nicht verstanden haben kann, aber er guckt so, als hätte er es genau verstanden. Er hat manchmal auch eine Haltung wie Lady Di – dann legt er die Vorderpfoten ganz elegant übereinander, nimmt den Kopf etwas zurück und guckt nach oben. Er heißt zwar Anton, aber wir nennen ihn oft Sartre, weil er so eine intellektuelle Ausstrahlung hat. Er ist auch ein anti-klerikaler Hund – jedes Mal wenn er die Kirchenglocken läuten hört, fängt er an zu jaulen, ohne dass ich ihn dazu erzogen hätte. Das macht er allerdings auch, wenn er das Martinshorn von Polizei- oder Feuerwehrautos hört.

Was für ’ne Sorte Hund ist Anton eigentlich?

Ein Mischling, eine Art zu klein geratener Berner Sennenhund, schwarz-weiß mit ganz wenig braun. Sein Schwanz ist so kurz, dass alle Leute immer fragen, ob wir ihn abgehackt haben. Aber Anton ist so geboren.

In Berlin sind Hunde ja ein echtes Reizthema. Gehen Sie auch immer brav mit dem Tütchen fürs Häufchen Gassi?

Absolut. Ich habe eine Bauchtasche, in der immer drei Tüten drin sind. Wir haben von Anfang an demonstrativ und elegant seine Häufchen aufgesammelt. Am Anfang gab es immer noch ein paar Leute, die dann „Iiiiiiih“ sagten, wenn sie das gesehen haben – die habe ich dann gefragt, ob es ihnen lieber ist, wenn wir es liegen lassen. Ich habe ja schließlich auch 51 Jahre lang ohne Hund gelebt und fand die Hundekacke immer schon ekelhaft.

Wie sind Sie denn nach 51 Jahren auf den Hund gekommen?

Wir waren mal wieder im Urlaub in Italien, und der Hund des Hauses hatte gerade Welpen. Da gibt es einen kleinen Gemüsegarten mit Komposthaufen, daneben stand die Hütte mit den Welpen. Claudia ging auffällig oft los und sagte „Ich bring mal eben den Biomüll weg“. Und wenn sie dann zurückkam, hatte sie immer einen kleinen, extrem süßen Hund dabei. Als wir dann nach Hause fahren wollten, hatten wir quasi schon drei Wochen mit dem Hund zusammengelebt. Claudia sagte dann: „Wir nehmen den mit für unseren Freund Matthias, dessen Katze ist doch gerade gestorben.“ Als wir dann mit Anton bei ihm ankamen, hat Matthias natürlich gesagt: „Ick will doch keen Hund.“ Anton ist mir untergejubelt worden und hat ab diesem Tag unser Leben komplett verändert.

Wieso das denn?

Wir sind umgezogen in ein Haus mit Fahrstuhl, weil die Hundehüftgelenke das Treppensteigen nicht vertragen. Ich hatte gerade mein Auto abgeschafft, weil ich der Ansicht bin, dass man in Berlin keins braucht – nun haben wir wieder eins gekauft, um einmal am Tag mit Anton in den Grunewald zu fahren.

Wie lange sind Sie eigentlich mit Ihrer Lebensgefährtin zusammen?

Jetzt im August sind es 13 Jahre. Und nach fünf Jahren kam der Hund (lacht).

Als Lesbe geoutet hatten Sie sich vor 16 Jahren – hat es Ihnen jemals geschadet?

Finde ich nicht. Ich glaube, dass es mich stärker und souveräner gemacht und mir Freunde gebracht hat. Dieses Verstecken und Taktieren macht einen Menschen ja nur klein. Natürlich fanden es nicht alle toll, und für bestimmte Leute bin ich nach wie vor ein rotes Tuch: lesbisch, feministisch und provokant. Das ist für manch einen das Grauen.

An Mutterrollen hat es Ihnen vorher nicht gemangelt und nachher auch nicht.

Es gab mal eine kleine Flaute, und ich habe mich gefreut, als ich dann wieder eine heterosexuelle Mutter spielen konnte. Es wäre ja auch völlig absurd zu denken, ich könnte wegen meiner Vorliebe diese Rollen nicht mehr spielen. Das berührt meine Glaubwürdigkeit doch nicht. Ich bin ja noch nicht mal ein besonders burschikoser Typ, was man von Ulrike Folkerts sagen könnte. Wobei ich Ulrike ganz wunderbar finde. Für Lena Odenthal hat sie doch ein Denkmal verdient. Mit dieser Rolle hat sie tatsächlich das Frauenbild im deutschen Fernsehen verändert.

In „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ haben Sie mal wieder eine Mutterrolle – spielen Sie die gern?

Ja. Ich kenne mich mit Müttern gut aus. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich das jüngste von fünf Kindern war. Das jüngste kriegt die Mutter in ihrer Funktion als Mutter am stärksten mit. Meine Mutter hat vieles sehr gut gemacht. Sie hat mich nie betüddelt und mir nie den Hauch eines Vorwurfs gemacht – das muss eine Mutter erst mal nachmachen. Ich bin ihr sehr nah gewesen und habe viel von ihrem Wertesystem übernommen, das hat sie gut hingekriegt.

Zurück zu Ulrike Folkerts – der ist das Outing sehr schwergefallen – sind das vor allem berufliche Ängste?

Nein, privat hat man genauso Angst davor. Alle behaupten immer, sie seien total tolerant, aber dann soll man doch die Klappe halten, das ist der Familie und dem Freundeskreis am liebsten. Als ich mich geoutet habe, war das für meine Familie auch ein Schock. Zwar haben sich letztlich alle ganz okay verhalten, aber es gab auch die Ansicht: Ist schon schlimm genug, wenn man lesbisch ist, aber man muss es doch nicht auch noch sagen. Ich war aber stolz auf meine Freundin, und ich wollte sie nicht verstecken.

Wie war denn die Zeit vor Ihrem Outing? Ein Versteckspiel?

Nein, ich bin ja erst spät lesbisch geworden. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um mich öffentlich zu outen, nachdem ich gemerkt hatte, dass ich eine Frau liebe. Ich hatte eine ganze Reihe schwuler Freunde und hatte ihnen immer gesagt: Nicht verstecken. Wir müssen den Leuten ja die Chance geben, dass sie ihre Toleranz auch praktizieren können.

Hat sich durch das Outing von Promi-Lesben wie Ulrike Folkerts und Anne Will etwas geändert?

Ich glaube schon. Das sind Bezugspersonen, die anderen Lesben ein Signal senden. Wenn sich Frauen, die allgemein akzeptiert sind, dazu bekennen, dann gibt das Rückhalt. Und bei Anne Will und Miriam Meckel haben ja alle gejubelt, weil sie so Yellow-Press-tauglich und echte Schönheiten sind. Aber trotzdem ist es toll, dass sie es getan haben.

Wie erklären Sie sich, dass das Outing vielen Frauen noch immer sehr schwerfällt, während es für viele Männer fast eine Selbstverständlichkeit ist?

Männer sind in unserer Gesellschaft das wichtigere Geschlecht, deswegen ist ihre Homosexualität der größere Stein des Anstoßes. Sie sind diskriminierter, waren ja auch Gegenstand des Paragrafen 175. Frauen waren wohl zu unwichtig, um diskriminiert zu werden. Deswegen haben sie vielleicht weniger Übung im aufrechten Gang. Wenn man auch durchkommt, indem man sich wegduckt...

Ihre „Nachtschwester Kroymann“ wurde vor zwölf Jahren von der ARD aus dem Programm genommen, seitdem hat es keine Frau mehr mit einer eigenen Satire-Sendung ins Erste geschafft. Was war so schlimm?

Ich bin angeeckt, nicht unbedingt wegen Homosexualität, sondern wegen allgemeiner Frechheit: männerfeindlich, frauenfeindlich, lesbenkritisch, machokritisch. Es war die Zeit, als es langsam Richtung Comedy und größere Unverbindlichkeit ging. Plötzlich kriegte man Quote auch mit Humor, der nicht politisch war. Da hat man mir schon gesagt, ich bräuchte doch nicht immer so böse zu sein, die ARD-Beiräte seien alles ältere Herren zwischen 60 und 75, und die würden das nicht verstehen. Die kannten mich aus einer Serie und dachten: So ’ne blonde Frau wird schon okay sein. Und dann wurde ich auf einmal richtig böse, wie Satire das verlangt. Es gibt auch heute sehr gute satirische Frauen, aber die sind denen wohl zu spröde und zu wenig fernsehkompatibel.

Dabei schwächelt die ARD-Satire zurzeit ungemein.

Aber hallo. Und im ZDF sieht’s nur wenig besser aus. Die Öffentlich-Rechtlichen haben im ganzen Bereich Humor total geschlafen in einer Mischung aus Ignoranz und Arroganz. Lachen ist denen offenbar nicht wichtig und nicht feuilleton-kompatibel genug. Die sagen sich: „Wir haben ja unser schönes Korrespondentennetz, dafür steht die ARD.“ Man muss ja nicht gleich Ingolf Lück präsentieren. Dabei gehört es in einer Demokratie zur Grundversorgung, dass es Satire gibt. Aber Matthias Richling ist ja nun auch nicht der große Analytiker – der kommt da raus in seiner Verkleidung, und alle klatschen schon mal. Und der Unterschied zwischen Harald Schmidt und Dieter Hildebrandt ist: Schmidt ist Unterhaltungsprofi, und Hildebrandt hat ’ne Haltung.

Sie sind also kein Fan von Harald Schmidt?

Der ist schon sehr gut, der ist sehr schnell im Kopp und hat das politisch Inkorrekte salonfähig gemacht. Und er hat das Fernsehen für die Intellektuellen zugänglich gemacht. Man konnte auf einmal sagen: Ja, ich gucke fern, ich sehe Harald Schmidt. Aber ich finde ihn trotzdem ziemlich überschätzt und gehypt, und vor allem hat er eine totale Macho-Sendung gemacht. Das konnte man zeitweilig sehr gut an der Auswahl seiner weiblichen Gäste sehen – Models und MTV-Moderatorinnen. Das spricht einfach gegen ihn.

Maren Kroymann

wird am 19. Juli 1949 im niedersächsischen Walsrode geboren.

Nach vier Brüdern ist sie das jüngste Kind der Familie, ihr Vater ist Universitätsprofessor für klassische Philologie, ihre Mutter, ebenfalls promoviert, arbeitet als Hausfrau. In Tübingen besucht sie die Grundschule und macht ihr Abitur in Stuttgart absolviert sie von 1962 bis 1966 eine Tanzausbildung an der Ballettschule des Württembergischen Staatstheaters. Nach einem längeren USA-Aufenthalt, wo sie sich dem Schauspiel widmet, studiert Kroymann Anglistik, Amerikanistik und Romanistik in Tübingen, Paris und Berlin. Dort legt sie 1977 das Staatsexamen für das höhere Lehramt ab.

Neben dem Studium arbeitet sie am Tübinger Zimmertheater und an kleineren Bühnen in Berlin. Als Autorin und Sprecherin ist sie für die Berliner Sender SFB und RIAS tätig. 1982 startet Maren Kroymann ihr gefeiertes kabarettistisches Bühnenprogramm „Auf Du und Du mit dem Stöckelschuh“. Als Fernsehschauspielerin wird sie ab 1988 durch die ARD-Serie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ populär. Mit „Nachtschwester Kroymann“ bekommt sie 1993 als erste Frau im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine eigene Satiresendung, der die ARD aber trotz guter Quoten keinen festen Sendeplatz gibt. Bei RTL ist sie ab 2001 jahrelang in der Comedy-Serie „Mein Leben und ich“ zu sehen.

Mittlerweile neun Jahre lang präsentiert Maren Kroymann ihr erfolgreiches Bühnenprogramm „Gebrauchte Lieder“. Großartige Kritiken beschert ihr schließlich der Kinofilm „Verfolgt“ (2006), in dem sie eine 52-jährige Bewährungshelferin spielt, die sich auf eine sado-masochistische Beziehung mit einem 16-Jährigen einlässt.

Seit ihrem Outing 1993 im „stern“ hat sich Kroymann den Ruf einer engagierten Lesbe erworben, im Jahr 2005 wird sie bei den Gay-in-May-Kulturtagen in Osnabrück mit dem Rosa-Courage-Preis ausgezeichnet.

Die 60-Jährige lebt zusammen mit ihrer Lebensgefährtin, der Fernsehjournalistin Claudia Müller in Berlin.