Perspektiven schaffen Minister Müller zieht im Kosovo ernüchternde Bilanz

Von Franziska Kückmann | 29.05.2015, 17:00 Uhr

Seit 15 Jahren fließen deutsche Hilfsgelder in das Kosovo. Der jüngste Staat Europas kämpft mit wirtschaftlichen Problemen und der Abwanderung seiner Bewohner. Diese versuchen meist vergeblich, in Deutschland Asyl zu bekommen. Deshalb hat Entwicklungsminister Müller nun ein Programm angekündigt, um Rückkehrern eine Chance in der alten Heimat zu bieten.

Ein wenig spannt der blaue Arbeitskittel an seinen Schultern. Der junge Mann wirft einen fachmännischen Blick unter die Motorhaube des VW-Golf, dreht an einer Schraube. „Und wie tauscht man die Ölpumpe aus?“, fragt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und lacht. Er beugt sich neben dem jungen Kosovaren über das Innenleben des Wagens. In diesem Moment ist Müller ein bisschen mehr Autoliebhaber als Politiker.

Der Bundesminister steht in der Kfz-Werkstatt einer Berufsschule in der kosovarischen Hauptstadt Pristina. Vor 15 Jahren hat Deutschland die Entwicklungszusammenarbeit mit dem Kosovo aufgenommen. 1999 endete der verlustreiche Krieg im damaligen Jugoslawien-Konflikt. Auch die Bundeswehr hatte sich am Nato-Einsatz gegen Belgrad beteiligt. Seitdem sind fast eine halbe Milliarde Euro deutsche Mittel in das Balkanland geflossen, das sich 2008 von Serbien lossagte und den Schritt in die Unabhängigkeit wagte.

30 Millionen aus Deutschland

Deutschland ist nach den USA größter bilateraler Geldgeber. Für 2015 hat Berlin knapp 30 Millionen Euro zugesagt. Das Kosovo hängt am Tropf internationaler Finanzhilfen. Zudem stellt die Bundeswehr mit 680 Soldaten das größte Kontingent in der Nato-Mission KFOR, die seit 1999 mit einem UN-Mandat für Stabilität im Kosovo sorgt.

Weil der Bildungssektor zu den Schwerpunkten deutscher Hilfe im Kosovo gehört, ist Entwicklungsminister Müller in der Berufsschule in Pristina zu Gast. Hier werden nicht nur Kfz-Mechaniker ausgebildet, sondern auch andere Handwerker wie Schneider, Schweißer und Heizungsinstallateure. Mehr als 1000 Schüler lernen in dem grauen Gebäude, darunter einige Hundert Mädchen.

Handwerkskammer schickt Ausbilder

Mit deutscher Unterstützung wurden in den vergangenen Jahren praktische Elemente in den Unterricht integriert. Vor allem die Handwerkskammer Dortmund engagiert sich und hat einen Ausbilder vor Ort. Inzwischen gibt es eine gut ausgerüstete Auto-Werkstatt – ein Novum im Kosovo: Eigentlich besteht eine Berufsausbildung hierzulande vor allem aus Theorie, ohne Kontakte zu Unternehmen und Praxis. Das soll sich ändern.

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„Ihr seid die Zukunft eures Landes“, ruft Müller den Schülern auf dem Hof der Berufsschule zu. Die Worte mögen stimmen. Sie werden den angehenden Handwerkern aber nicht darüber hinweghelfen, dass die Jobaussichten für sie im Kosovo miserabel sind. Mehr als die Hälfte der 1,8 Millionen Kosovaren ist unter 25 Jahre alt, zwei Drittel von ihnen ist arbeitslos. Die Wirtschaft liegt brach. Weil eine Berufsausbildung noch lange nicht zu Beschäftigung führt, schließen viele Absolventen ein Hochschulstudium an – und stehen danach meist immer noch ohne Perspektive dar.

Neue Chancen schaffen

Müller will das ändern, auch aus deutschem Interesse heraus: Allein von Januar bis April 2015 kam ein Viertel der Asylbewerber aus dem Kosovo. Im vergangenen Jahr erfasste gar eine riesige Fluchtwelle das Land, zeitweise zählten die deutschen Behörden 1400 Asylanträge pro Tag. Von einem Massenexodus aus dem Kosovo war damals die Rede. Noch immer gilt, dass mehr als 99 Prozent der Anträge abgelehnt werden. Für die Reise verkaufen die meisten Kosovaren ihr Hab und Gut: Wenn sie in ihre alte Heimat zurückkehren, stehen sie vor dem Nichts.

Ohne Perspektive im eigenen Land sehen vor allem junge Kosovaren keine Zukunft und suchen ihr Glück anderswo. Zum Schwerpunkt der deutschen Hilfe zählen deshalb nicht nur der Bildungssektor, sondern auch der Ausbau der Infrastruktur und die Wirtschaftsförderung. Noch haben sich erst wenige deutsche Unternehmen im Kosovo angesiedelt. Viele zögern. Zu schlecht ist die Infrastruktur, zu häufig fällt die Stromversorgung aus, zu kompliziert sind Behördengänge, zu sehr grassiert Korruption.

Weiter Weg

Bei seinem Besuch spricht Müller mit Blick auf die vergangenen 15 Jahre der Entwicklungszusammenarbeit von einer „ernüchternden Bilanz“. Das Kosovo habe noch einen weiten Weg vor sich, sagt er und betont, Hilfe konditionieren zu wollen, wenn Fortschritte ausbleiben oder zu mager ausfallen. Gleichwohl hebt der Bundesminister hervor, wie wichtig es sei, das Kosovo in Europa zu integrieren. Noch werden zwar keine EU-Beitrittsgespräche mit Pristina geführt. Doch die Perspektive besteht – irgendwann.

Um abgelehnten Asylbewerbern die Rückkehr schmackhaft zu machen, will Deutschland mit kosovarischer Unterstützung ein Rückkehrerprogramm auflegen. Starthilfen im wirtschaftlichen Bereich sollen künftig jenen im Kosovo helfen, die alles darauf gesetzt hatten, in Deutschland ein neues Leben beginnen zu können. Details dieses Programms stehen noch aus. Müller kündigt in Pristina einen Runden Tisch an. Er betont: „Das Kosovo hat nur eine Chance, wenn die Menschen hier eine Chance für sich sehen.“

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