Osnabrücker Kognitionswissenschaftler erhält EU-Förderung in Millionenhöhe Auf der Suche nach dem sechsten Sinn

Von Karsten Grosser | 03.05.2011, 13:45 Uhr

Das Gehirn ist ein komplexes Organ. Oder doch nicht? Der Osnabrücker Kognitionswissenschaftler Peter König will gemeinsam mit Andreas Engel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf untersuchen, ob die Verarbeitung verschiedener Sinneseindrücke einem einfachen Grundprinzip unterliegt. Die EU fördert das Projekt mit 3,5 Millionen Euro.

Das menschliche Gehirn beherbergt mehr als 100 Milliarden Nervenzellen. Wird etwas Neues gelernt, ändern sich die Verbindungen zwischen diesen sogenannten Neuronen. Wie aber schafft es das Gehirn, die von Auge, Nase, Ohr, Zunge und Hand gelieferten Signale in einen Zusammenhang zu bringen? Die Professoren König und Engel vermuten, dass die Interaktion zwischen verschiedenen Sinnessystemen im Gehirn dadurch erfolgt, dass die beteiligten Nervenzellen ihre Aktivität in einen Gleichklang bringen. Das würde bedeuten, dass alle Sinneswahrnehmungen dem gleichen Grundprinzip unterworfen wären und damit eine Einheit bildeten. „Unsere Hoffnung ist, dass wir das Gehirn einfacher als bislang beschreiben können“, sagt König, der an der Universität Osnabrück als Direktor das Institut für Kognitionswissenschaften leitet.

Für ihre interdisziplinären Forschungen erhalten die beiden Wissenschaftler eine der höchstdotierten Förderungen in Europa, den sogenannten ERC-Grant des Europäischen Forschungsrats. Zum ersten Mal überhaupt erhält ein Forscher der Uni Osnabrück diese Unterstützung, die nur für exzellent bewertete Forschungsvorhaben ausgeschüttet wird. 3,5 Millionen Euro stehen in den kommenden fünf Jahren zur Verfügung. Ab Juni fließt das erste Geld, das vor allem in Personal investiert werden soll. Laut König ist geplant, in Osnabrück eine etwa fünfköpfige Arbeitsgruppe aufzubauen, die vor allem theoretisch forschen soll, etwa mittels Computersimulationen. Parallel würde in Hamburg eine etwa achtköpfige Gruppe um Neurowissenschaftler Engel klinische Untersuchungen vornehmen, bei denen die Interaktionen von verschiedenen Hirnarealen beobachtet werden sollen.

Als Resultat der Forschungen erwartet König auch eine Antwort auf die Frage, ob der Mensch mehr als fünf Sinne entwickeln kann. Nach Pilotversuchen mit einem vibrierenden Kompassgürtel am Osnabrücker Institut für Kognitionswissenschaften ist der zweifache Familienvater überzeugt davon. Der 50-Jährige will nicht ausschließen, dass Menschen einen durch den Gürtel hervorgerufenen Raumfühlsinn sogar dauerhaft erlernen könnten. „Bislang haben wir ausschließlich Versuche mit Erwachsenen gemacht“, erklärt König. Das Gehirn von Jugendlichen sei indes noch formbarer, setzt er Hoffnungen in eine Ausweitung der Experimente. Im Idealfall dürfen etwa Menschen, die aufgrund von Wahrnehmungsstörungen desorientiert sind, auf Hilfe hoffen.