NOZ-Produktionsleiter überragend Wie es der Brandt-Rücktritt noch in der Zeitung schaffte

Von Berthold Hamelmann | 27.02.2017, 08:02 Uhr

Die Nachricht vom Rücktritt des Bundeskanzlers Willy Brandt kam 1974 erst nach Mitternacht. Und doch erhielten Zehntausende Leserinnen und Leser am 7. Mai ihre Tageszeitung mit dieser Top-Story, weil in Osnabrück der Produktionsleiter Hermann Dransmann das unmögliche Scheinende doch noch möglich machte.

Es war die Nacht von Montag auf Dienstag, den 7. Mai 1974. Um 00.01 Uhr schickte die Nachrichtenagentur dpa die Eilmeldung um den Globus: „ndr: brandt soll rücktritt eingereicht haben“. Zur nachtschlafender Zeit platzte in Deutschland eine politische Bombe. Viele deutsche Zeitungen waren schon produziert. Auch der Druck der aktuellen Printtitel aus dem Verlag Neue Osnabrücker Zeitung lief um diese Zeit an den beiden Produktionsstandorten der Verlage Fromm und Meinders & Elstermann längst auf Hochtouren.

„Die Ems Zeitung war gerade ausgedruckt“, erinnert sich Hermann Dransmann. Der 84-jährige ehemalige „Produktionsleiter Zeitung“ hat diesen historischen Tag bis heute nicht vergessen. Seit seinem Eintritt ins Druckhaus Fromm 1960 hatte er bereits viele mediale Stürme miterlebt – der Brandt-Rücktritt ist aber schon aus Produktionssicht für ihn etwas ganz Besonderes geblieben.

„Da war sonst keiner mehr“

Denn die Redaktion war bis auf zwei, drei Redakteure längst im wohlverdienten Feierabend. Und auch die Mettage, damals zentrale Einheit der Zeitungsproduktion, war menschenleer. Bis auf Hermann Dransmann, der zusammen mit einem Schriftsetzer, der gleichzeitig als Korrektor fungierte, die Stellung hielt. „ im Laden“.

Hermann Dransmann, ein Zeitungsmann aus Leidenschaft, packte der Ehrgeiz. „So eine Nachricht, da muss doch was zu machen sein. Ich wollte beweisen, dass das fast Unmögliche möglich gemacht werden kann“. Denn dass die Nachricht vom Brandt-Rücktritt tatsächlich das Potential für eine aktualisierte Zeitung hatte, war jedem klar. Die Redaktion stand schnell Gewehr bei Fuß, der laufende Druck der Zeitungen wurde gestoppt, der Vertrieb über die neue Situation informiert. Nur - ohne technisches Personal bei der Herstellung der Seite(n) war Hängen im Schacht. Wo heute wenige Klicks mit der Computermaus reichen, um Texte zu verarbeiten und Seiten zu belichten, waren 1974 noch mehrere Arbeitsschritte und verschiedene Spezialisten notwendig. Und die waren alle weg.

Die Kollegen aus der Kneipe geholt

„Wir waren aber schon ein eingeschworener Haufen und kannten uns gut“. Folglich wusste ein Produktionsleiter wie Hermann Dransmann, in welcher Kneipe seine „Jungs“ das Feierabendbier tranken. Etwa im Blauen Dragoner in der Osnabrücker Innenstadt oder in einer Eckkneipe in der Buerschen Straße.

 50 Jahre NOZ – 50 Jahre Zeitgeschichte: Die Serie 

Hermann Dransmann stürmte zu seinem Privatwagen und fuhr los. Schnell waren zwei, drei Kollegen ausfindig gemacht: „Bezahlt euer Bier und ab zur Firma – wir machen eine neue Zeitung“. Zwischenzeitlich waren auch zwei Mitarbeiterinnen aus den Betten geholt, die die Steuerlochstreifen für die automatische Setzmaschine schrieben.

„Soweit ich es in Erinnerung habe, bekamen die Neue Osnabrücker Zeitung und mehrere Bezirksausgaben noch eine komplett aktualisierte Titelseite“, so Dransmann. Die frische Schlagzeile der Dienstagsausgabe lautete „Dramatische Entwicklung in Bonn: Bundeskanzler Brandt zurückgetreten“.

Plötzlich Kurierfahrer

Doch diese besondere Nachtschicht ging noch weiter. Damals wie heute versorgte die Neue Osnabrücker Zeitung kleinere Zeitungen mit überregionalen (Mantel-)Seiten. Und die aktualisierte Titelseite mit dem Brandt-Aufmacher war in den damaligen Internetfreien Zeiten noch echtes „Lesegold“ mit einem extrem hohen Nachrichtenwert. „Aktualität ist doch bis heute ein Merkmal einer guten Tageszeitung geblieben“, findet Dransmann.

Und so wurde aus dem Produktionsleiter Hermann Dransmann noch ein Kurierfahrer. Zusammen mit einem gebürtigen Papenburger Metteur, der sich bestens im nördlichen Verbreitungsgebiet auskannte, sauste ein goldfarbener K70 über menschenleere Straßen bis hoch nach Aurich und Norden – eine 200 Kilometer-Tour. Im Kofferraum die kostbaren Zeitungsmatern, die Gießformen der Seiten, die damals noch für den Zeitungsdruck von Nöten waren. Und so erschien selbst die Norderneyer Badezeitung mit der Nachricht des Tages auf der Titelseite.

Frau in Sorge

Entspannt, mit angepasster Geschwindigkeit, ging es zurück nach Osnabrück. „Endlich Schlafen…“ Doch bevor es soweit war, musste noch ein familiäres Drama entschärft werden. Tränenüberströmt erwartete Ehefrau Helga ihren erschöpften Ehemann, den sie seit langen Stunden vermisste. Anrufe in den Osnabrücker Kliniken und der Polizei waren erfolglos geblieben und hatten die Furcht nur noch gesteigert.

Warum er denn nicht angerufen habe? Dransmanns verschmitzte Antwort im Jahr 2017: „Hätte ich nachts angerufen, hätte es lange gedauert, bis meine Frau wach geworden wäre. Und die Zeit war nicht da…“.

Ein typische Zeitungsmann-Antwort? Auf jeden Fall freute sich Hermann Dransmann über das Dankeschön seines Verlegers Leo Victor Fromm und des Verlagsdirektors Willi Genz für ein herausragende Engagement.