Nach der Bluttat von Orlando Trump versus Clinton: Gelobt sei, was Wähler bringt

Von dpa | 14.06.2016, 21:16 Uhr

Eigentlich wollte Donald Trump über alte Skandale seiner Rivalin Hillary Clinton herziehen. Schön ausbreiten, was Clinton und Ehemann Bill alles angestellt haben in den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren. Doch Trump fand ein besseres Fressen: das Massaker in Orlando, bei dem 49 Menschen in einem Schwulenclub einem Attentäter mit afghanischen Eltern zum Opfer gefallen waren.

Schon kurz nach dem Massaker in Florida bestimmte das Thema den Wahlkampf. „Ich will sie nicht in unserem Land haben“, sagte Trump über radikale Islamisten. Trump erneuerte damit de facto nicht nur seine umstrittene Forderung nach einem Muslim-Bann. Er versuchte auch, bei der Homosexuellen-Community zu punkten.

Über das Fischen nach neuen Wählerschichten hatte er anfangs sogar vergessen, den Hinterbliebenen zu kondolieren. Am Montag holte er das mit einer Schweigeminute nach. Dass Innenminister Jeh Johnson das Einreiseverbot für nicht machbaren Kokolores hält, für „über die Maßen vereinfachend“, wie er sagte – für Trump eine Nebensache.

Trump stellte wie so oft Einwanderer aus muslimischen Ländern unter Generalverdacht und schlug den Bogen zu seinen politischen Gegnern. Präsident Barack Obama sei unfähig und wisse nicht, was er tue. Er müsse zurücktreten. Hillary Clinton, mutmaßliche Trump-Kontrahentin im Rennen um das Weiße Haus, wolle die Zuwanderung von Syrien-Flüchtlingen um 500 Prozent erhöhen. „Größer, furchtbarer, als das legendäre Trojanische Pferd jemals war.“ Auch Clinton solle ihre Präsidentschaftsbewerbung zurückziehen.

Die ehemalige Außenministerin stellt dem Kontrahenten ihrerseits ein Bein. Nach dem Terror von 2001 hätten alle politischen Lager zusammengearbeitet, ausdrücklich lobte die damalige New Yorker Senatorin Ex-Präsident George W. Bush – ein Tritt vor das Schienbein für Trump, der das von Bush verkörperte republikanische Establishment hasst.

Wie weit Trump von der Realität entfernt liegt, zeigen die Zahlen: Die USA haben seit 2015 rund 3800 Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen – ein verschwindend geringer Bruchteil dessen, was weit kleinere Länder in Europa aufgenommen haben. Weit weniger auch als das Kontingent von 10000 Bürgerkriegsflüchtlingen, das Präsident Obama in internationalen Gesprächen zugesichert hatte.

Die liberale Seite um Hillary Clinton und Obama sieht sich in ihrer Ansicht bestätigt, dass die Waffengesetze dringend reformiert und verschärft werden müssen. Schließlich hatte der Attentäter die Waffen völlig legal im Geschäft kaufen können – obwohl er noch vor zwei Jahren im Visier des FBI war.

Die Demokraten beharren damit auf einer Linie, die sie seit Jahrzehnten verfolgen, aber im parlamentarischen Prozess nicht entscheidend voranbringen. Eine Debatte im Kongress endete erneut ohne greifbares Ergebnis, Demokraten-Fraktionschefin Nancy Pelosi gibt sich resigniert: „Wir haben genug von Schweigeminuten.“ Die konservative Seite will mehr Waffen – getreu dem etwas nach Wildwest klingenden Motto: „Das beste Mittel gegen einen Bösen mit Waffe ist ein Guter mit Waffe.“

Gut, dass es noch das FBI gibt: Die Ermittler bringen in die hitzige und mit Halbwahrheiten gefütterte politische Debatte ein wenig Sachlichkeit. Der Attentäter von Orlando war nicht von einer Terrororganisation gesteuert, seine Angaben, er stehe dem IS nahe, stehen eher auf wackeligen Beinen, weil er angeblich auch Organisationen nahe steht, die mit dem IS aufs Tiefste verfeindet sind. War er vielleicht selbst heimlich schwul? Welche Rolle spielt der medienaffine Vater? Offene Fragen gibt es noch eine ganze Reihe.