Mit Energie und einer Lebenslust Ermordete Labour-Abgeordnete Cox setzte sich für Europa ein

Von afp | 17.06.2016, 16:50 Uhr

Im eigenen Wahlkreis wurde Jo Cox umgebracht. Der Mord an der 41-jährigen Labour-Abgeordneten hinterlässt in Großbritannien Entsetzen, Ratlosigkeit und Trauer.

„Bei jedem Gespräch mit ihr drangen das Mitgefühl in ihren Augen und die Hingabe in ihrer Seele durch“, sagt Ex-Premierminister Gordon Brown. Cox hat sich stets für die gute Sache engagiert – für Frauenrechte, gegen Hunger und Elend, für den Schutz von Flüchtlingen und für Toleranz gegenüber anderen Kulturen. Als überzeugte Europäerin kämpfte sie für den Verbleib in der EU.

Die Mordtat wurde den Augenzeugenberichten zufolge von einem Einzeltäter verübt, der „Britain First“ („Großbritannien zuerst“) und „Vorrang für das Vereinigte Königreich“ ausrief – es sind die Slogans der Befürworter eines EU-Austritts, die darauf hoffen, dass die britische Bevölkerung am kommenden Donnerstag einen Schlussstrich unter die ungeliebte EU-Mitgliedschaft zieht.

Schon vor Monaten „bösartige Mitteilungen“

Der Mord an der zierlichen Labour-Politikerin mit dem verschmitzten Lächeln ist am Tag darauf noch nicht restlos aufgeklärt . Inzwischen teilte die Polizei mit, dass sie schon vor Monaten „bösartige Mitteilungen“ erhalten habe. Die Ordnungshüter nahmen im März einen ungenannten Mann fest, verwarnten ihn, ließen ihn aber wieder laufen. Es war ein anderer Mann als der nun unter Mordverdacht festgenommene.

Cox‘ Einstellung zur EU war öffentlich einsehbar. Die EU sei „vielleicht nicht perfekt“, heißt es auf ihrer Website. „Es scheint mir aber nicht sehr patriotisch, alle Vorteile unserer Zugehörigkeit zu Europa aufs Spiel zu setzen, um in die Finsternis einzutauchen.“ Möglicherweise wurden ihr derartige Bekenntnisse zum Verhängnis, aber der Kampf für die EU-Mitgliedschaft war nur eine von Cox‘ Baustellen.

Cox stammt aus einfachen Verhältnissen

„Jo hat an eine bessere Welt geglaubt“, schrieb ihr Mann Brendan, nachdem sie an den Folgen des Angriffs von Birstall, bei dem der Täter mit einem Messer auf sie einstach und zudem auf sie schoss, gestorben war. Seine Frau habe „an jedem Tag ihres Lebens mit einer Energie und einer Lebenslust gekämpft, die bei den meisten Menschen zu völliger Erschöpfung führen würden.“

Cox stammte aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater arbeitete in einer Zahnpasta-Fabrik, ihre Mutter war Sekretärin an einer Schule. Die Familie lebte in Batley, einer alten Textilstadt in Nordengland. Die Stadt ist multikulturell, viele muslimische Einwanderer aus Südasien sind dort heimisch geworden.

In Konfliktgebieten im Einsatz

Nach der Schule schaffte Cox den Sprung an die Eliteuniversität Cambridge. Nach dem Studium arbeitete sie für die proeuropäische Kampagnengruppe Britain in Europe und war zwei Jahre lang im Büro einer britischen Europaabgeordneten in Brüssel und Straßburg beschäftigt.

Danach ging Cox für gut ein Jahrzehnt zu den internationalen Hilfsorganisationen Oxfam und Save the Childern. Sie war in New York, in Europa und auch in Konfliktgebieten im Einsatz. Zudem war sie vier Jahre Vorsitzende einer Frauenorganisation in der britischen Labour-Partei.

Stolz auf ethnische Vielfalt

Im vergangenen Jahr zog Cox als Abgeordnete ins britische Unterhaus ein. In ihrer ersten Rede im Plenum verwies sie mit Stolz auf die ethnische Vielfalt in ihrem Wahlkreis. „Unsere Gemeinden sind tief geprägt von Einwanderern – seien es irische Katholiken oder Muslime aus Gujarat in Indien oder aus Pakistan“, sagte sie. „Wir leben unsere Vielfältigkeit aus – und doch überrascht es mich immer wieder, dass es bei uns viel mehr Einendes und Gemeinsames gibt als Dinge, die uns trennen.“

Ihr Zuhause war zuletzt ein Hausboot auf der Themse, dort wohnte sie mit ihrem Mann Brendan und den beiden Kindern Lejla und Cuillin. In der Erklärung zum Tod seiner Frau schrieb Brendan Cox: „Es wäre ihr Wunsch gewesen, dass nun zwei Dinge geschehen: Dass unseren wertvollen Kindern viel Liebe zuteil wird, und dass wir uns gemeinsam gegen jenen Hass stellen, der sie jetzt umgebracht hat.“