Menschen im Nahost-Konflikt Am Gazastreifen: Ein Leben in ständiger Angst

Von Franziska Kückmann | 10.07.2014, 12:39 Uhr

Raketenangriffe der Hamas, israelische Luftschläge: An der Grenze zu Gaza leiden die Menschen auf beiden Seiten. Eindrücke aus Gaza und ein Besuch im israelischen Grenzgebiet.

15 Sekunden sind nicht viel. Nur ein paar Atemzüge. 15 Sekunden, länger darf sie nicht brauchen bis zum nächsten Bunker. Wenn Raketenalarm ertönt, muss Tamara Cohen schnell sein. Das kennt sie nicht anders. 15 Sekunden, länger braucht sie nicht.

Tamara Cohen lebt im Bezirk Eschkol, einer Region im Südwesten Israels, am Rand der Negev-Wüste. Weit und grün präsentiert sich die Landschaft, mit Wiesen und Kornfeldern, eine fruchtbare Oase dank eines ausgeklügelten Bewässerungssystems. 60 Prozent der israelischen Agrarproduktion werden hier erwirtschaftet. Die Werbemappen der Bezirksverwaltung zeigen fleißige Bauern, gepflegte Nutzpflanzen und glückliche Kinder.

Doch die Menschen in Eschkol leben in einer gefährlichen Nachbarschaft. Eine 40 Kilometer lange Grenze teilt sich die Region mit dem Gazastreifen, jenem abgeschotteten Küstenlandstrich, der seit 2007 von der radikalen Palästinenserorganisation Hamas beherrscht wird. Und deshalb weiß Tamara Cohen, wie sie es in 15 Sekunden bis zum nächsten Bunker schafft. Dies gehört zum Alltag in Eschkol wie Essen und Schlafen. Die Angst vor der nächsten Rakete aus dem Gazastreifen ist allgegenwärtig.

Sobald sich die Konfrontation zwischen Hamas und Israel zuspitzt, gehören die Menschen hier zu den Ersten, die dies zu spüren bekommen. So wie in diesen Tagen. Nach der Entführung und Ermordung dreier israelischer Jugendlicher vor vier Wochen und dem mutmaßlichen Rachemord an einem palästinensischen Teenager eskaliert die Gewalt.

Zugespitzte Lage

Das israelische Militär ging auf der Suche nach den verschwundenen jungen Männern gewaltsam gegen die Strukturen der Hamas im Westjordanland vor, verhaftete zahlreiche Palästinenser. Die Hamas im Gazastreifen reagierte ihrerseits mit zunehmendem Raketenbeschuss. Also fliegt nun die israelische Luftwaffe Angriffe auf Gaza, um den Beschuss einzudämmen. Die Antwort sind noch mehr Raketen. Für Menschen wie Tamara Cohen heißt das, stets auf dem Sprung zu sein, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Ihre Töchter, sagt die 40-Jährige, habe sie inzwischen zu ihrer Mutter geschickt, die nördlich von Tel Aviv lebt. Raus aus der direkten Gefahrenzone. Drei Wochen haben ihre Mädchen, sieben und zehn Jahre alt, im Bunker geschlafen, um nachts in Sicherheit zu sein. Jedes Haus in Eschkol hat einen eigenen Bunker. Jede öffentliche Einrichtung auch. Wegen der 15-Sekunden-Regel.

Besonders stolz ist die Regionalverwaltung auf die örtliche Highschool, die 2009 neu errichtet wurde. Eine weitläufige Anlage mit akkurat gestutzten Rasenflächen und blühenden Rabatten. Fehl am Platz wirken dazwischen die vielen kleinen Bunker, die überall auf dem Gelände verteilt stehen. Die ganze Schule ist aus diesem raketen- und granatensicheren Material gebaut. Was in ruhigen Zeiten übertrieben vorsichtig anmutet, bekommt in Krisenzeiten plötzlich seine Berechtigung. 2,7 Kilometer liegt die Einrichtung von der Grenze zum Gazastreifen entfernt. Der Blick über die Schulmauer reicht bis zur Skyline von Gaza-Stadt.

Getroffen worden sei die Schule bisher zum Glück noch nie, sagt Tamara Cohen, die für die Regionalverwaltung arbeitet. Dass bisher nur wenige Menschen in Eschkol durch Hamas-Raketen verletzt wurden, begründet sie damit, dass sie sich an die Situation angepasst hätten. „Wir verhalten uns so, dass wir überleben“, sagt sie. Das heißt: Im Bunker oder zumindest in der Nähe von einem bleiben, schnell reagieren, aufmerksam sein. Raketenalarm niemals unterschätzen.

Kaum erträglich

Ständige Anspannung prägt das Leben in diesem Grenzgebiet. Immer kann eine Rakete kommen. Kaum mehr erträglich wird es, wenn mehrmals täglich der Alarm ertönt, der einen Beschuss ankündigt. Im Bunker wartend, bleibt nur die Hoffnung, dass die Rakete ins Leere geht oder vielleicht vom israelischen Abwehrsystem abgefangen wird.

Auf der anderen Seite der Grenze gibt es weder Schutzbunker für Zivilisten noch ein Alarm- oder Abwehrsystem gegen israelische Luftangriffe. An den breitesten Stellen misst der 40 Kilometer lange Gazastreifen 14 Kilometer – ein einziges Grenzgebiet. Dicht gedrängt leben hier 1,7 Millionen Menschen.

Im Kurznachrichtendienst Twitter überschlagen sich seit Tagen die Tweets über die Ereignisse in dem abgeschotteten Landstrich. Ihr Wahrheitsgehalt lässt sich nur schwer prüfen. Die BBC warnt bereits davor, dass einige bei Twitter verbreitete Fotos von den angeblichen Folgen israelischer Angriffe nicht authentisch seien, sondern aus vorherigen Kriegen oder sogar aus Syrien oder dem Irak stammten.

Doch auch die verifizierten Bilder, die Fotografen aus dem Küstenstreifen an internationale Nachrichtenagenturen schicken, schockieren mit zerstörten Häusern, blutenden Kindern, unter Trümmern begrabenen Leichen. Die Deutsche Presse Agentur zitiert einen Einwohner Gazas mit den Worten: „Nur wer Glück hat, überlebt.“

Bomben auf Gaza, Raketen auf Israel – die Menschen auf beiden Seiten der Grenze sind diejenigen, die darunter am meisten leiden.