Lange Tage des Verzichts Deutsche Flüchtlingsunterkünfte stellen sich auf Ramadan ein

Von dpa | 06.06.2016, 07:30 Uhr

Berlin/Neumünster/Hamburg. Mit dem Beginn des Ramadan fasten wieder gläubige Muslime vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang – auch in deutschen Flüchtlingsunterkünften. Viele Einrichtungen haben sich darauf eingestellt, es gibt aber auch Probleme.

Im islamischen Fastenmonat Ramadan stehen den Küchenteams deutscher Flüchtlingsunterkünfte Spätschichten bevor. „Wir werden von 21.30 bis 22.30 Uhr unsere Kantine extra öffnen, das Mittagessen noch einmal kochen und Lebensmittelpakete mitgeben fürs Essen vor Sonnenaufgang“, sagt der Koch Ole Heldberg (28). „Viele muslimische Flüchtlinge sind dafür sehr dankbar“, berichtet der stellvertretende Küchenchef der zentralen Erstaufnahme Schleswig-Holsteins in Neumünster.

Zeitweise war die Einrichtung mit 5500 Menschen eine der größten in Deutschland. Jetzt, kurz vor Beginn des Ramadans in Deutschland an diesem Montag, sind nur rund 450 Menschen in der ehemaligen Kaserne aus der Kaiserzeit untergebracht. Wer Fasten will, kann sich in seinen Hausausweis einen entsprechenden Vermerk machen lassen und darf dann spätabends in der Kantine essen. An Türen und Wände geklebte Zettel weisen darauf hin.

Fasten zwischen 5 und 22 Uhr

„Praktisch alle unsere 490 Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland mit 140.000 Flüchtlingen stellen sich auf irgendeine Weise auf den Fastenmonat ein“, sagt der Pressesprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Dieter Schütz in Berlin. „Personell und organisatorisch ist der Aufwand dann höher.“ Schleswig-Holstein habe für Einrichtungsbetreiber entsprechende Flexibilität zur Auflage gemacht, betont Magdalena Drywa vom Landesamt für Ausländerangelegenheiten.

Muslime dürfen in der Zeit von Sonnenaufgang bis -untergang – derzeit etwa 5 bis 22 Uhr – nichts essen und trinken, nicht rauchen, keinen Sex haben. Abends nach dem Essen beten üblicherweise Männer und Frauen getrennt in Moscheen. In Neumünster können Flüchtlinge eine der drei Moscheen der Stadt aufsuchen.

Kreislaufkollaps droht

„Eigentlich müssten Flüchtlinge nicht fasten, denn sie sind quasi Reisende und für solche gilt die Fastenpflicht nicht“, erklärt Orhan Kilic, selber Muslim und Leiter der DRK-Hausbetreuung in Neumünster. Erfahrungsgemäß faste etwa ein Drittel der Flüchtlinge, sagt der Deutschtürke, der seit 15 Jahren für das DRK arbeitet.

Auf die Frage, ob es Probleme gibt, antwortet Kilic: „Eigentlich nicht unter den Menschen, aber wegen der Abläufe. Normalerweise nutzen die Fastenden im Ramadan tagsüber jede Minute, um zu schlafen und bis zum Abend durchzuhalten. Aber in der Erstaufnahme gibt es feste Behörden- oder Arzttermine, da müssen die Flüchtlinge dann hin. Immer wieder mal bekommen Fastende einen Kreislaufkollaps.“

Große Solidarität

Wegen des Hungerns und Flüssigkeitsverlustes seien manche auch dünnhäutiger und nervöser, ergänzt Schütz. So werden in Berliner Einrichtungen im Ramadan extra bis Mitternacht Sozialarbeiter eingesetzt: „Sie können Streit schlichten und stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. Sonst sind unsere Sozialarbeiter nur bis 20 Uhr da.“ Und es würden extra auch Gemeinschaftsräume zur Verfügung gestellt, für das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang, wenn Familien und Freunde gemeinsam essen.

Konflikte oder Streit zwischen Fastenden und nicht Fastenden sind laut Kilic sehr selten. Nizar Almakkawi (39), vor einem Jahr als muslimischer Flüchtling aus Syrien nach Deutschland gekommen und inzwischen DRK-Ehrenamtler in Neumünster, sagt: „Jeder fastet für sich.“ Er habe große Toleranz und gegenseitigen religiösen Respekt erlebt. In seiner Heimatstadt Damaskus hätten Christen und Muslime als Nachbarn aus Solidarität die jeweilige Fastenzeit der anderen Religion jeweils sogar mitgemacht.

Längere Tage in Deutschland

Drei junge kurdische Flüchtlinge aus dem Nordirak versichern beim Mittagessen in der Kantine in Neumünster, dass sie den Ramadan (bis 4. Juli) konsequent mitmachen wollen. Zikoo Kareem (23), Dabin Rashid (20) und Skhar Mohammad (18) zeigen aber auch Humor. Lachend erklären sie, dass sogar flirten mit Mädchen tagsüber verboten sei.

Wegen der deutlich längeren Tage in Deutschland als im arabischen Raum, sieht Kilic den Ramadan in diesem Jahr als eine besondere Herausforderung für die Fastenden: „Das wird eine harte Nummer.“

Getrocknete Datteln und Wasser

Manche fangen an, geben dann aber wieder auf, weil sie mit den langen Tagen hier im Sommer nicht zurechtkommen, berichtet die Sprecherin des städtischen Unternehmens „Fördern und Wohnen“, Susanne Schwendtke, in Hamburg.

Das späte Essen wird vom Caterer Alsterfood vorbereitet und in Aluschalen verpackt. Die fertiggegarten Mahlzeiten könnten dann nahezu gleichzeitig ausgegeben werden. „Vor dem Essen gibt es getrocknete Datteln und Wasser, damit sich der Magen daran gewöhnt, dass es jetzt gleich etwas zu essen gibt“, sagt Geschäftsführer Amedeus Hajek. Und das Frühstück vor Sonnenaufgang? Dafür bekommen die Menschen ein Paket mit Brot, Käse, Geflügelwurst und natürlich auch Datteln.

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