Kontroverse um Rentenalter Länger arbeiten, um die Inflation zu dämpfen? DGB empört

Von Uwe Westdörp | 19.05.2022, 01:00 Uhr | 2 Leserkommentare

Länger arbeiten bis zur Rente? Bekämpft man so die Inflation? Darüber ist heftiger Streit entbrannt. Die Gewerkschaften zeigen sich empört.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat in scharfer Form auf den Vorschlag von Ökonomen reagiert, zur Bekämpfung der Inflation und des Fachkräftemangels das Rentenalter heraufzusetzen. Das DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel sagte unserer Redaktion, ein höheres Rentenalter heiße real mehr Arbeitslose. „Das ist nichts weiter als mutlose Leistungskürzung auf dem Rücken der Beschäftigten. Die Inflation bekämpft man damit aber nicht.“

Piel betonte, schon heute könnten Beschäftigte freiwillig über das 67. Lebensjahr hinaus arbeiten. Auch Ökonomen sollten aber wissen: „Das schaffen nur die wenigsten. Rund jeder Siebte scheidet früher aus dem Erwerbsleben aus – wegen Krankheit, fehlender altersgerechter Arbeitsplätze oder krankmachender Arbeitsbedingungen.“ Viele Menschen werden nach den Worten der Gewerkschafterin auch vor Erreichen der Rente arbeitslos, weil Arbeitgeber sich trotz Fachkräftemangels immer noch gerne ihrer älteren Beschäftigten entledigten.

Piel verwies zugleich auf andere Vorschläge, wie Staatsverschuldung und Energiewende in Deutschland sozial gegenfinanziert werden könnten. Sie forderte, große Vermögen und Erbschaften müssten endlich angemessen besteuert werden. Zudem müsse prekäre Beschäftigung eingedämmt werden, „statt sie durch Anheben der Minijobgrenze auszuweiten“. Die Gewerkschafterin drängte außerdem darauf, „dass mehr Arbeitgeber gute Löhne mit den Gewerkschaften aushandeln, statt aus der Tarifbindung zu fliehen, denn gute Löhne bedeuten ein Plus bei den Einnahmen der Rentenversicherung und sie stärken die Kaufkraft“.

Ökonomen: Renteneintrittsalter muss steigen

Der Leipziger Wirtschaftswissenschaftler Gunther Schnabl hatte zuvor gegenüber „Bild“ gefordert: „Das Renteneintrittsalter muss steigen. Deutschland hat schon heute ein riesiges Fachkräfteproblem, Hunderttausende Stellen sind unbesetzt.“ Das führe dazu, dass unter anderem die Löhne in den nächsten Jahren kräftig steigen müssten und damit Waren noch viel teurer würden.

Der Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Stefan Kooths, sagte der Zeitung: „Der Mix aus alternder Gesellschaft, hoher Verschuldung und Energiewende wird in den nächsten Jahren zu einer steigenden Gefahr für die Preisstabilität.“ Immer mehr Rentnern stünden immer weniger Beschäftigte gegenüber. Das könne zu weiter steigenden Preisen führen.

Der Freiburger Ökonom Bernd Raffelhüschen ergänzte, die Rentenpolitik der vergangenen Jahre wie etwa die Einführung der Rente mit 63, sei „mit immer neuen Schulden“ finanziert worden. Er plädierte dafür, den Renteneintritt an die steigende Lebenserwartung zu koppeln.

Schon Ruf nach Rente mit 68 hatte für Streit gesorgt

Nach geltender Rechtslage wird die Altersgrenze für die Rente ohne Abschläge bis 2029 schrittweise von vormals 65 auf 67 Jahre angehoben. Im vergangenen Jahr hatte der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsminister eine Anhebung auf 68 Jahre vorgeschlagen, was bei Gewerkschaften und Sozialverbänden ebenfalls auf heftige Kritik gestoßen war.

2 Kommentare
Lars Göhlinghorst
Sie haben recht Herr Winter, mit Angela wäre das nicht passiert. Da hätte Putins Armee in den Donbas und nach Luhansk marschieren können, Mariupol und alle andern Küstenstädte heim ins Reich holen können und Mutti hätte uns gesagt, dass das alles so richtig ist, man müsse halt für einen Augleich sorgen. Der Weizen liegt im übrigen nicht in Russland und kann wegern der Sanktionen nicht ausgeliefer...