Konflikte und Unsicherheiten Was in Deutschland sterbende Muslime brauchen

Von Thomas Achenbach | 11.06.2016, 08:00 Uhr

Über vier Millionen Menschen in Deutschland sind Muslime, ergab eine Studie im Jahr 2008. Sie werden hier krank – und sie sterben auch hier. Doch das kann zu Konflikten und Unsicherheiten führen. Dies zeigte sich jetzt bei der Messe „ Leben und Tod 2016 “ in Bremen, die diesmal unter dem Oberthema stand: „Leben ist Vielfalt – Sterben auch?“

Etwa fünf Prozent der in Deutschland lebenden Menschen sind Muslime, sagen die offiziellen Statistiken des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Wenn es für diese Menschen ans Sterben geht, stoßen unter Umständen althergebrachte Traditionen mit deutschen Strukturen zusammen. Die Vorträge eines Gesundheitsexperten der Evangelischen Akademie Loccum, eines Mitglieds des Zentralrats der Muslime (gleichzeitig Mediziner) sowie der Leiterin eines Berliner Palliativ- und Pflegedienstes auf der Messe „Leben und Tod“ machten deutlich, an welchen Stellen es Konfliktpotenzial gibt, wenn muslimische Mitbürger mit dem deutschen Gesundheitssystem zu tun haben.

Aus 17 Jahren eigenen Erfahrungen mit türkischen Patienten in Deutschland berichtete beispielsweise Nare Yesilyurt. Die Berlinerin leitet den von ihr gegründeten kulturspezifischen Pflegedienst Detamed, der sich sowohl um deutsche als auch um türkische Patienten kümmert – auch in der sterbebegleitenden Palliativpflege.

Die folgenden Probleme tauchen den Vortragenden zufolge am häufigsten auf:

„Der Islam“ existiert gar nicht:

„Auch der Islam ist eine unglaublich pluralistische Religion“, betonte der evangelische Pastor Dr. Michael Coors , der als Theologischer Referent am Zentrum für Gesundheitsethik in Hannover arbeitet. Ob Sunniten oder Schiiten oder Aleviten (immerhin die zweitgrößte Gruppe in Deutschland) – die verschiedenen Strömungen mit ihren jeweils unterschiedlichen Tendenzen sind nicht in allen Lebensfragen übereinstimmend. Und es gibt Reibereien untereinander: „Sunnitische Pflegekräfte wollen keine Sterbebegleitung bei Aleviten durchführen“, hat beispielsweise Nare Yesilyurt beobachtet.

Es gibt keine kompetenten Übersetzer:

Meist sind es Söhne, Töchter oder andere Angehörige, die für ihre kaum Deutsch sprechenden Eltern das übersetzen, was Ärzte und Experten ihnen mitteilen. „Das ist höchst problematisch“, sagt der Theologe Michael Coors. „Es braucht professionell ausgebildete Dolmetscher.“ Er erhielt Rückendeckung von dem in Deutschland arbeitenden syrischen Mediziner Dr. Muhammad Zouhair Safar Al-Halabi vom Zentralrat der Muslime (ZRM) : „Ich hatte schon die Situation: Der Dolmetscher hat nicht alles übersetzt, was der Arzt gesagt hat. Er hat vor allem die schlechte Prognose rausgelassen“. Als die Familie dann nach dem baldigen Tod des Angehörigen schwere Vorwürfe gegen den Arzt erhob, stellte sich heraus, dass sie gar nicht so aufgeklärt waren, wie es die Situation erfordert hätte. „Die Trivialitäten des Alltags sind hierbei nicht zu unterschätzen“, sagte Michael Coors.

Den Patienten schonen;

Das Weglassen von schlechten Nachrichten, vor allem bei einem nahenden Tod, scheint indes eine Tradition zu haben, ist dies doch kein Einzelfall, wie die Experten berichteten. „Das hat mit islamischer Lehre aber nichts zu tun“, sagte Muhammad Zouhair Safar Al-Halabi . Vielmehr sei es eine im arabischen Raum verbreitete Kultur, die nicht aus religiösen Traditionen entspringt. Manchmal kann die Motivation dahinter schlicht die Angst sein, die deutschen Mediziner könnten die schlechten Nachrichten nicht mitfühlend genug vermitteln, hat Michael Coors erfahren. In dem von ihm geschilderten Fall war es schließlich das Gespräch mit einem Ethikberater, das die Gründe für das Weglassen der relevanten Informationen ans Licht brachte.

Krankenbesuch als religiöse Pflicht:

Weil der Koran vorschreibt, dass der Besuch eines kranken Menschen religiöse Verpflichtung ist, und weil es im Islam andererseits darum geht, gute Taten auf dieser Welt zu sammeln, sind die Krankenzimmer oft vollgestopft von Besuch. „Das führt zu einer Überforderung des Patienten“, sagt Nare Yesilyurt . In der Sterbebegleitung fehlt dann meist der Raum, „das Leben introspektiv zu betrachten“. Das weiß auch Safar Al-Halabi: „Wir haben uns als Mediziner oft über so viel Besuch im Krankenzimmer geärgert“, sagte er. „Der Besuch muss kurz und freundlich sein, dann ist es aus muslimischer Sicht okay“, sagt der Mediziner. Den Erfahrungen von Nare Yesilyurt zufolge gibt es weniger Besucher, sobald der Kranke oder Sterbende zu Hause liegt. „Oft werden wir als Pflegedienst als Grund dafür vorgeschoben.“ Nach dem Motto: Die haben das ja verboten.

Leiden als religiöse Motivation:

„Je mehr Schmerzen man erfährt, desto gereinigter wird man von den Sünden.“ Dass diese Überzeugung bei muslimischen Patienten existiert, hat Nare Yesilyurt oft erlebt. Für die Pflegekräfte ist das ein Problem: Denn selbst, wenn der Patient an sich Schmerzmittel haben möchte, verhindern die Angehörigen das oft. Dazu kommen Unsicherheiten, was die Medikamente angeht: Sind Opiate als Drogen anzusehen? Ist es okay, Medikamente mit Inhalten aus Schweinefleisch oder mit Alkohol zu nehmen? „Die Mehrheit der Muslime sagt Ja, wenn es keine Alternative gibt“, hat Muhammad Zouhair Safar Al-Halabi oft erlebt. Aber es bleiben Unsicherheiten.

Unkenntnis und Unsicherheiten:

Dürfen Muslime überhaupt Palliativpflege in Anspruch nehmen? Diese Frage war lange Zeit unklar. Denn laut muslimischer Tradition soll das Sterben unbeeinflusst geschehen. Erst eine Fatwa (also eine von muslimischen Autoritäten verfasste Rechtsauskunft) des Zentralrats der Muslime im Jahr 2000 stellte klar: „Ein Patient darf selbst entscheiden, ob er Palliativpflege annimmt oder nicht.“ Und: „Die Gefahr, dass die Schmerzbehandlung das Sterben beschleunigen könnte, gilt nicht als Sünde.“ Aktive Sterbehilfe indes gilt als Sünde. Nicht allen Muslimen sind diese Entscheidungen bekannt, sagt Nare Yesilyurt.

Den Patienten betreuen oder die Angehörigen?

„Bei deutschen Patienten richtet sich Palliativpflege alleine an den Patienten, bei türkischen Patienten haben wir es mit den Angehörigen zu tun“, formuliert es Nare Yesilyurt. Denn die seien fast immer mit im Raum, wenn die Pflegekraft kommt. Je nach Zustand des Sterbenden sind sie aufgelöst oder wütend oder bewegt – und müssen entsprechend mitbetreut werden. Hier sieht die Pflege-Expertin einen der größten Unterschiede zu deutschen Familien, die zu mehr Abstand und Distanz neigen.

Gewalt und Aggressivität:

Auch kann es vorkommen, dass die Pflegekräfte mit verbaler oder körperlicher Gewalt angegriffen werden. Dies sei jedoch keine Frage der religiösen bzw. kulturellen Zugehörigkeit, sondern des Bildungsniveaus, betont Nare Yesilyurt. Ein geringes Bildungsniveau führe oft zu Übergriffen – ob bei deutschen oder nicht-deutschen Patienten. „Gerade in der Palliativpflege gibt es einen Stau an Gewalt“, klagt die Berlinerin. Das Thema werde jedoch tabuisiert. Hier sieht die Pflegedienstleiterin die Türkei als Vorbild. Dort gebe es eine offene Debatte über Gewalt im Gesundheitswesen, außerdem sei es oftmals Standard, dass Krankenhäuser über Sicherheitspersonal verfügten.

Nacktheit als Sünde:

Was für einen nicht-muslimischen Patienten gang und gäbe ist, kann bei muslimischen Bürgern ein Problem darstellen: sich nackt zu zeigen für eine Untersuchung. „Scham ist ein Teil der Frömmigkeit, sagt der Prophet“, zitierte Muhammad Zouhair Safar Al-Halabi in seinem Vortrag. Sein Tipp als Mediziner: „Das Ausziehen sollte auf das Nötigste beschränkt werden.“ Ein bemerkenswerter Randaspekt: Deutsche Ärzte werden nach Beobachtungen von Nare Yesilyurt zwar als die besseren angesehen, aber auch mit Skepsis beobachtet. Vor allem die Kommunikation ist eine andere. „Der deutsche Arzt will immer wissen, was ich habe, der türkische Arzt sagt mir sofort, was ich habe“, habe ihr ein Patient einmal gesagt, schilderte die Berlinerin.

Bei allen Konflikten gelte aber auch eines, betonte Yesilyurt: „Die Unterschiede sind – auch, was das Religiöse angeht, – nicht so groß, wie Sie sich das vielleicht vorstellen.“ Denn auch mit den nicht-muslimischen Patienten sei durchaus nicht alles reibungsfrei. Kein Wunder. Geht es doch in der Sterbebegleitung um die großen Themen des Lebens.