Kommentar zu Armenien Wie erbärmlich!

Meinung – Beate Tenfelde | 02.06.2016, 16:34 Uhr

Die türkische Regierung hat die Armenier-Resolution des Bundestags als „null und nichtig“ bezeichnet. Das deutsche Parlament habe die Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg auf der Grundlage „verzerrter und gegenstandsloser Unterstellungen“ als Völkermord eingestuft und damit einen „historischen Fehler“ gemacht. Die Türkei rief als Reaktion ihren Berliner Botschafter zu Konsultationen nach Ankara zurück. Ein Kommentar.

Zu zögerlich, zu halbherzig oder sogar zu feige? Die Vorgeschichte der Armenien-Resolution hätte schlechter nicht laufen können. Erst hatten die Taktiker in Regierung und Parlament gehofft, das der Türkei missliebige Thema in den Ausschüssen des Bundestags verklappen zu können. Dann hat langes Lavieren alles noch schlimmer gemacht. Die Resolution, die das Massaker an den Armeniern vor 101 Jahren klar als Völkermord benennt, kommt nun zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Derzeit nutzt der türkische Despot Erdogan, der das Menschheitsverbrechen an den Armeniern leugnet, jede Chance, aus seiner Unverzichtbarkeit bei der Lösung des Flüchtlingsproblems Kapital zu schlagen.

Vorsichtshalber fehlte gestern bei der Abstimmung neben Kanzlerin, ihrem Vize und dem Außenminister der Großteil des übrigen Kabinetts. Wie klein! Und es war dazu noch unnütz, wie die von Erdogan veranlasste Einbestellung des türkischen Botschafters aus Berlin zeigt. Erschreckend deutlich wurde damit allerdings, wie sehr auf die Befindlichkeiten dieses Präsidenten inzwischen Rücksicht genommen wird. Denn in der Sache zweifelt keiner an der Erklärung. Die Sorge gilt allein der Reaktion des Herrschers in Ankara, der sich keinen Deut um die Aufarbeitung des armenischen Völkermords schert.

So erbärmlich Erdogans Auftritt ist, so stark zeigt sich das deutsche Parlament: Der Bundestag hat mit einer einfühlsamen, sehr kundigen und weitsichtigen Debatte vieles zurechtgerückt. Auf Sachlichkeit und Nichtangriff der aktuellen türkischen Regierung bedacht, konzentrierten sich die Parlamentarier auch auf die Aufarbeitung der deutschen Rolle in der Armenien-Katastrophe. Denn Deutsche haben als Verbündete des Osmanischen Reichs durch Wegschauen dem Massenmord Vorschub geleistet. Jetzt sind die Abgeordneten des Bundestags zu Vorbildern geworden – hoffentlich auch für ihre Kollegen in der Türkei. Es wäre gut.