Kommentar Schottland und die Unabhängigkeit: Erst denken, dann abstimmen

Meinung – Melanie Heike Schmidt | 26.06.2016, 17:52 Uhr

Geschockt vom Brexit planen die Schotten ein zweites Unabhängigkeitsvotum, um doch noch in der EU verbleiben zu können. Das ist verständlich. Allerdings sollten sie gründlich nachdenken, ob sie mit den Konsequenzen wirklich leben wollen.

Es war ein Schlag ins Gesicht für viele Schotten: Erst zwei Jahre ist es her, dass sie mit knapper Mehrheit für den Verbleib im Vereinigten Königreich votiert haben. Die Entscheidung für Großbritannien war damals für viele Schotten zugleich ein klares Ja zur EU. Und nun das: Das Großbritannien, für das sich die Schotten entschieden hatten, gibt es nicht mehr. Der Brexit ändert alles. Es ist also verständlich, ja geradezu unumgänglich, dass die Schotten nun erneut über eine Loslösung von Großbritannien abstimmen.

Doch sie sollten nichts übereilen. Seit 2014 hat sich viel getan, vor allem wirtschaftlich. So konnten die Schotten vor zwei Jahren noch auf eine sichere Einnahmequelle durch ihre Ölvorkommen bauen. Der Ölpreisverfall hat einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Auch entstünde durch ein unabhängiges Schottland, das Teil der EU wäre, eine neue Grenze mitten durch die Insel. Eine Grenze, die nicht nur Handelswege durchschneidet, sondern auch Familien und kulturelle Gemeinsamkeiten.

Denn auch in Schottland gibt es regionale Unterschiede. So stehen etwa die Schotten an der südlichen Grenze ihren nächsten Nachbarn, den Engländern, nicht nur geografisch vielfach nahe. Über die Jahre ist man zusammengewachsen, auch wenn viele Schotten im Norden das anders sehen. Und wer sich an die innerschottischen Debatten von 2014 zum Für und Wider des Verbleibs im Königreich erinnert, weiß, wie heftig damals darum gestritten wurde. Ein Streit, der längst nicht ausgefochten ist.

Das Brexit-Votum ist erst wenige Tage alt, der Schock darüber sitzt noch tief. Wäre die Abstimmung über eine Loslösung Schottlands schon nächste Woche, könnten sich die Befürworter der Unabhängigkeit garantiert über eine überwältigende Mehrheit freuen. Dieses Good-bye zu Großbritannien wäre allerdings rein emotional begründet. Doch Gefühle sind kein guter Ratgeber, wenn es um Politik geht. Deshalb: Stimmt ab, ihr Schotten. Aber denkt vorher genau nach, was euer Votum bedeutet und ob ihr mit den Konsequenzen leben wollt. Und lasst euch um Gotteswillen Zeit dafür.

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