Kommentar Nichts am System Auschwitz kann je unschuldig sein

Meinung – Melanie Heike Schmidt | 17.06.2016, 20:34 Uhr

Fünf Jahre Haft, so lautet die Strafe für den ehemaliegen SS-Wachmann Reinhold Hanning. Er habe sich in Ausschwitz der Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen schuldig gemacht, begründeten die Richter des Detmolder Landgerichts ihre Entscheidung. Das Urteil kommt Jahrzehnte zu spät. Und doch ist es von immenser Bedeutung.

Darf ein Gericht einen 94-jährigen Mann wie Reinhold Hanning ins Gefängnis schicken? Es darf nicht nur, es muss. Vor mehr als 70 Jahren sorgte er als SS-Wachmann in Auschwitz dafür, dass die systematische Ausrottung von Menschenleben reibungslos funktionierte. Auch wenn Hanning – wie sein Anwalt betonte – selbst nie geschlagen oder getötet hat, so hat er sich dennoch mitschuldig gemacht an diesem wohl schlimmsten Verbrechen, das Menschen je begangen haben.

Jedes noch so kleine Rädchen dieser Tötungsmaschinerie hat diese am Laufen gehalten und dafür gesorgt, dass Millionen Menschen vergast, erschossen, zu Tode gequält werden konnten. Ohne Menschen wie Hanning, der jung und geradezu einfältig seinen Dienst inmitten des Grauens tat, wäre ein Ort wie Auschwitz nicht denkbar. Mord verjährt nicht, und nichts am System Auschwitz kann je unschuldig sein. Das Urteil ist daher richtig und angemessen.

Dass Männer wie er allerdings erst Jahrzehnte nach der Tat zur Verantwortung gezogen werden, ist ein Skandal. Zu lange haben die alten Seilschaften in Justiz und Politik funktioniert, zu viele Täter konnten nach dem Krieg ihr Leben leben, ohne dass sie einen Prozess hätten fürchten müssen. Denn für eine Verurteilung mussten jedem Angeklagten konkrete Taten nachgewiesen werden. Wer etwa an der Rampe von Auschwitz nur passiv dabeistand, galt formal als unschuldig am folgenden Massenmord in den Gaskammern. Auch die Ausrede, doch nur Befehle befolgt zu haben, stieß vor Gerichten jahrzehntelang auf Verständnis. Die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Deutschland war schlichtweg eine Schande.

Zum Glück hat sich die Rechtsprechung gewandelt. Seit Kurzem kann allein die Anwesenheit in Auschwitz für eine Verurteilung ausreichen. Deswegen können Täter wie Hanning jetzt bestraft werden. Endlich. Für die wenigen Menschen, die das Grauen von Auschwitz überlebt haben und die heute noch davon erzählen können, dürfte das Urteil gegen Hanning eine Genugtuung sein. Allerdings eine sehr, sehr späte.