Juristin Josipovic in Osnabrück Kroatiens Weg zum modernen Rechtsstaat

Von Melanie Heike Schmidt | 16.07.2014, 00:04 Uhr

Definiert sich ein Staat neu, etwa weil er sich von einem sozialistischen System in eine soziale Marktwirtschaft wandelt, muss die Rechtsordnung folgen. Was leicht klingt, ist ein ungeheuer komplexer Vorgang, der Experten braucht. Tatjana Josipovic ist eine solche, und der Vortrag, den die Professorin für Zivilrecht an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zagreb am Dienstagabend in Osnabrück hielt, umfasste folgerichtig den „Stoff eines ganzen Wintersemesters“.

So formulierte es Gastgeber Christian von Bar, der Josipovic ins European Legal Studies Institute der Universität Osnabrück eingeladen hatte, dessen Direktor er ist.

Kroatien, einst Teil Jugoslawiens und seit 1. Juli 2013 das 28. Mitglied der EU, stand vor diesem Wandel. Und Josipovic, zudem Ehefrau des kroatischen Präsidenten Ivo Josipovic, war an den Beitrittverhandlungen ihres Heimatlandes mit der EU beteiligt. Im Zuge seiner Entwicklung von einem System ins nächste brauchte Kroatien moderne Gesetze, die alte, schützenswerte Errungenschaften nicht ignorieren, und zugleich ganz neue, welche erst zu definierende Grundsätze formulieren. Auch die Integration in EU-Recht musste gelingen.

Plastisches Beispiel für die Komplexität des Problems ist der Begriff Eigentum. Gab es im sozialistischen Rechtskreis Privateigentum und gesellschaftliches Eigentum, musste für die Marktwirtschaft ein neues, individualistisches Konzept her. Vor allem für Grundbesitz und Liegenschaften mussten knifflige Fragen geklärt werden, etwa wer im Einzelfall das Nutzungsrecht inne hat. Oft seien diese Dinge „unklar“, sagte die Professorin. Die Liste an juristischen Herausforderungen ließe sich fortsetzen. Eine Zahl zeigt, wie umfangreich die Detailarbeit in der kroatischen Rechtsordnung ausfiel: Umfasste die alte Sachenrechtsordnung früher gerade mal rund 80 Artikel, sind es nun im modernen Kroatien rund 400.

Was Josipovic einen „sehr schwierigen Vorgang“ nennt, ist in Kroatien inzwischen zu vielen Teilen erreicht. Vieles aber werde noch „weiter diskutiert“, weiß die Juristin, die längst eine gefragte Expertin für derartige Wandlungsprozesse ist.

Und ihre Motivation? „Es würde mir nie genügen, nur die Frau des Präsidenten zu sein“, verriet die Ausnahme-Wissenschaftlerin später im persönlichen Gespräch. Übrigens in perfektem Deutsch. Dass dies keineswegs Koketterie ist, haben ihr tief gehendes Referat und die anschließende lebhafte Fragestunde auf höchstem wissenschaftlichen Niveau bewiesen.