Jüdische Gemeinden in Niedersachsen Michael Fürst: „Muslimischer Antisemitismus ist bedeutsam“

Von Stefanie Witte | 22.02.2017, 06:06 Uhr

Rechtspopulisten kritisieren immer wieder den Umgang der Deutschen mit dem Nationalsozialismus. Warum Besuche in Gedenkstätten weiterhin notwendig sind, wie es um die Sicherheit der Jüdischen Gemeinde bestellt ist und warum ein Staatsvertrag mit der Ditib problematisch ist, erklärt Michael Fürst, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Niedersachsen im Interview.

 Herr Fürst, der AfD-Vorsitzende Meuthen empfiehlt, Schüler nicht mehr zu Gedenkstätten nationalsozialistischer Verbrechen fahren zu lassen. Der niedersächsische AfD-Vorsitzende Armin-Paul Hampel sagt, im Geschichtsunterricht werde nicht das ganze Spektrum deutscher Geschichte gezeigt. Was halten Sie davon? 

Das sind rechtspopulistische Aussagen. Ich gehe nicht davon aus, dass die überwiegende Mehrheit unserer demokratischen Gesellschaft diesen Vorschlägen positiv gegenüber steht. Selbstverständlich wird es dabei bleiben, dass junge Menschen mit den Erfahrungen der Vergangenheit leben und sich an diesen Erfahrungen ausrichten müssen. Das heißt: Besuche in den Gedenkstätten sind dringend notwendig. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern weltweit. Gedenkstätten sind Orte des Lernens und nicht Orte, an denen man büßen soll. Es geht doch nicht darum, dass unsere jungen Menschen für etwas büßen, was sie nicht getan haben, sondern darum, dass sie etwas lernen sollen. Und lernen kann man vor allem aus Fehlern.

 Der niedersächsische AfD-Vorsitzende Hampel sagte vor kurzem in einem Deutschlandfunk-Interview, zwölf Jahre unter den Nationalsozialisten seien nur ein Teil der deutschen Geschichte und wir seien nicht gelassen genug, diese einzuordnen. 

Er hat völlig Recht, dass es sich dabei nur um einen Teil der Geschichte handelt. Natürlich war das nur ein Teil der deutschen Geschichte, aber der schlimme Teil der deutschen Geschichte. Wir haben auch ganz, ganz viele positive Teile deutscher Geschichte, die weit über die 12 Jahre hinausgehen. Aber wir haben 12 Jahre, in denen Deutschland leider diese positiven Teile vergessen hat. Und deswegen müssen wir immer wieder daran erinnern. Die Gedenkstätten sind Lernorte. Gedenktage sind nicht nur Gedenktage, sondern auch Lerntage. Die Aufforderung ,Denk mal darüber nach´ ist dabei der entscheidende Punkt.

 Inwieweit hat die Polarisierung in der Gesellschaft Auswirkungen auf die jüdischen Gemeindemitglieder in Niedersachsen? 

Natürlich betrachten wir mit einer gewissen Sorge, was da gerade artikuliert wird und welche Ressentiments rüberkommen. Aber das stellt aus unserer Sicht keine Gefahr für die Demokratie unserer Gesellschaft und damit die jüdischen Gemeinden dar. Wir müssen aber am Ball bleiben, damit das nicht Überhand gewinnt, müssen immer wieder deutlich machen, in was für einer demokratischen Kultur wir leben und was durch solche Brandstifter kaputt gemacht werden kann.

 Wie ist es um die Sicherheit der jüdischen Gemeinden bestellt? Stehen zum Schabat Polizeiautos vor der Synagoge? 

Es gibt derzeit keine Bedrohungslage in Niedersachsen. Wir stehen in ständigem Kontakt mit Innenministerium und Polizeipräsidien in den Städten. Aber wir können derzeit nirgends sagen, dass wir gefährdeter wären als andere. Natürlich gehören Synagogen zu den Sicherheitsobjekten, die bei Routine-Streifenfahrten alle paar Stunden auch abgefahren werden. Da steht aber keiner vor der Tür und hält Wache – wir fühlen uns auch nicht bedroht. Nur zu den Feiertagen haben wir tatsächlich einen Polizeiwagen vor der Tür stehen, aber da geht es mehr um Präsenz.

 Sobald man mit einer E-Mail-Adresse oder Telefonnummer im Internet steht, gibt es Leute die das für Anfeindungen nutzen. Was kommt bei Ihnen an? 

Ich bin seit 37 Jahren Vorsitzender der jüdischen Gemeinden und damit sicher der bekannteste Jude in Niedersachsen. Ich habe damit null Probleme. Natürlich gibt’s hin und wieder einen Verrückten, der mir mal eine blöde Mail schreibt, aber das passiert ausgesprochen selten. Das ist auch in den Gemeinden so. Wir können mit Fug und Recht sagen: Wir fühlen uns in diesem Lande sehr wohl und sehr sicher.

  Beim Religions-Kongress in Osnabrück werden Vertreter unterschiedlicher Religionen miteinander diskutieren. Inwiefern kann ein Dialog der Religionen, der in Niedersachsen schon vielfach stattfindet, helfen? 

Wenn sich die Religionen untereinander verstehen, führt das dazu, dass wir gemeinsam mit Menschen wie AfD-Chef Hampel streiten können. Wir müssen versuchen, eine Basis für den Dialog zu finden. Das ist in Deutschland möglich. Auf der anderen Seite bin ich aber durchaus sehr kritisch gegenüber einem Staatsvertrag mit der Ditib. Das habe ich schon gesagt, bevor die Politik es überhaupt gewagt hat, die Abhängigkeit der Ditib von der Türkei zu kritisieren. Ich halte es für sehr problematisch, wenn mit einer Religionsgemeinschaft ein Vertrag geschlossen wird, die von einem anderen Land abhängig ist. Das hat die Gesellschaft nun begriffen. Jetzt arbeitet man daran, dass sich Ditib von dem türkischen Religionsministerium abgrenzt.

 Wobei das ja nicht zu funktionieren scheint – vor kurzem wurde ein Imam in den niedersächsischen Ditib-Vorstand gewählt, der bei der türkischen Regierung angestellt ist. 

Das ist das Problem dieser Gruppe. Und solange sie dieses Problem nicht selbst in den Griff bekommt bin ich weiterhin der Auffassung, dass man mit der Ditib keinen Staatsvertrag abschließen kann. Aber das heißt nicht, dass wir Probleme mit den Muslimen haben. Wir kommen seit Jahrzehnten sehr gut miteinander aus. Aber auch da muss man sagen: Der muslimische Antisemitismus ist bedeutsam, den kann man nicht wegreden. Und da müssen die muslimischen Gesellschaften viel tun, damit sich ihre Grundwerte ändern.