Jom-Kippur-Krieg löst Energiekrise aus 1973: Autofreie Sonntage in Deutschland

Von Berthold Hamelmann | 20.02.2017, 04:30 Uhr

Angesichts einer drohenden Ölkrise, ausgelöst durch den israelisch-arabischen Konflikt im Nahen Osten, verhängt die Bundesregierung 1973 erstmals bundesweite Fahrverbote. Es ist eine symbolträchtige Aktion zum Energiesparen ohne durchschlagenden wirtschaftlichen Erfolg.

. Leergefegte Straßen, aber keine Katastrophenstimmung: Am 25. November 1973 ist Deutschland erstmals von einem bundesweiten Fahrverbot betroffen.

Insgesamt vier autofreie Sonntage im November und Dezember sowie Tempobeschränkungen von 80 Kilometern auf Landstraße und 100 auf Autobahnen sind Auswirkungen des von der Bundesregierung kurzfristig beschlossenen Energiesicherungsgesetzes, um die Folgen einer drohenden Erdölknappheit zu minimieren.

Plötzlich scheint vieles in Frage gestellt zu sein: Mancher beschwört gar das Ende der totalen Mobilität. Von wegen freie Fahrt für freie Bürger. Flapsig gesagt: Wenn der Scheich es will, stehen alle Räder still. Die düsteren Prognosen des Clubs of Rome, die Grenzen des Wachstums seien erreicht, scheinen Realität werden zu können.

Überraschender Angriff auf Israel

Auslöser der Ölkrise ist der Jom-Kippur-Krieg. Am 6. Oktober 1973, einem israelischen Feiertag, greifen Ägypten und Syrien Israel an. Ziel ist die Rückeroberung der 1967 im Sechstagekrieg von Israel okkupierten Gebiete.

Der überraschende Angriff bringt Israel und seine bis dahin als unbesiegbar geltende Armee an den Rand des Zusammenbruchs. Nur massive amerikanische Waffenlieferungen verhindern dies. Ende Oktober wird auf Drängen der USA, der Sowjetunion und der UNO ein Waffenstillstand vereinbart. Die Waffen schweigen. Aber die arabische Volksseele kocht.

Die zehn Mitglieder der OAPEC (Organization of Arabian Petroleum Exporting Countries) werfen den westlichen Industriestaaten einseitige Parteinahme zugunsten Israels vor und beschließen am 17. Oktober 1973 einen begrenzten Lieferboykott, bis die von Israel besetzten Gebiete „befreit“ und die „Rechte des palästinensichen Volkes“ wiederhergestellt seien. Die Neue Osnabrücker Zeitung titelt tags darauf: „Araber: Jeden Monat weniger Öl an den Westen“.

Erdöl als politische Waffe

Erdöl wird zur politischen Waffe. Bereits am 16. Oktober hatten sich die OPEC-Mitglieder(Organization of Petroleum Exporting Countries) auf eine Erhöhung des Listenpreises für das begehrte Rohöl „Arabian Light“ um 70 Prozent verständigt.

Die Drosselung der Öllieferungen und die Explosion der Preise zeigen kurz vor Winteranfang in Europa schnell Wirkung. Der Ölpreis steigt an einem Oktobertag von drei auf über fünf Dollar je Barrel (159 Liter). Im Verlauf des folgenden Jahres klettert er auf mehr als zwölf Dollar. Auch wenn sich zum Jahresende 1973 die Lage im Nahen Osten dank der Vermittlungsaktivitäten des amerikanischen Außenministers Henry Kissinger entspannt und die OAPEC-Staaten die Ölproduktion wieder steigern – das „schwarze Gold“ bleibt teuer. 1974 gibt allein Deutschland für Ölimporte 23 Milliarden D-Mark aus, ein Plus von über 150 Prozent.

Es ist der Preis der enormen Abhängigkeit. Deutschland bezieht 1973 drei Viertel seiner Rohöleinfuhren aus arabischen Ländern. Die Folgen sind dramatisch: Ohne ausreichenden Nachschub an bislang billigem Erdöl müssen Industrieunternehmen ihre Produktion einschränken, Kurzarbeit anmelden und Entlassungen vornehmen. Der wirtschaftliche Höhenflug Deutschlands wird ausgebremst. Die Arbeitslosenzahl überschreitet 1975 in Deutschland die Millionengrenze, 1973 hatte sie noch bei 273.00 gelegen.

Abhängigkeit von Importen

Die schmerzhaft bewusst gewordene Abhängigkeit der Industrienationen von Ölimporten löst eine Suche nach Alternativen aus, die bis heute anhält und politische Veränderungen bewirkte.

Beispielsweise lässt die Entscheidung der Bundesregierung in den 1970er Jahren, durch den Bau von 40 Kernkraftwerken energiepolitisch unabhängiger zu werden, die Anti-Akw-Bewegung entstehen, die 1980 zur Gründung der Öko-Partei „Die Grünen“ führt.

Für Saudi-Arabien, dem Land mit den größten Erdölvorkommen der Welt, aber auch andere Ölförderstaaten, rächt sich langfristig der Einsatz der Erdölwaffe. Während des Boykotts und der folgenden Wirtschaftskrise sinken nicht nur die Einnahmen aus dem Erdölverkauf deutlich. Das einträgliche Geschäftsmodell verliert an Bedeutung. Wie das Weihwasser den Teufel schreckt, bringt das neue Zauberwort „Energiesparen“ manchen Ölscheich ins Grübeln. Denn die ins Mark getroffenen Industrienationen machen sich mit ihrem technischen Know-how auf die Suche nach Alternativen. Angesichts des explodierten Ölpreises lohnt es sich plötzlich, große Ölvorkommen, etwa in der Nordsee oder im Golf von Mexiko, aufwändig zu erschließen.

Erdöl und Politik hängen weiter sehr eng zusammen. Durch die ökologisch höchst umstrittene, kostenintensive Fördertechnik Fracking etwa gewinnen die USA im eigenen Land derzeit so viel Öl wie seit den 1970ger Jahren nicht mehr und reduzieren ihre Abhängigkeit von Ölimporten.

Die OPEC-Staaten besitzen (auf hohem Niveau) nur begrenzte Spielräume für Preisanhebungen und Verknappung des „schwarzen Goldes“.

Explosives Gemisch

Prognosen sind schwierig: Ab 1973 milderte ausgerechnet der von den USA unterstützte Iran unter Schah Mohammad Reza Pahlavi die Folgen des Erdölembargos für die westlichen Industrienationen. Das damals zweitgrößte Förderland der OPEC schloss sich nicht dem Lieferboykott an. 1979 führte die Islamische Revolution zur Beendigung der Monarchie im Iran. Heute, nach Ende des Atomstreits 2015 und dem Ende der Wirtschafts- und Finanzsanktionen gegen den Iran, würden höhere Einkünfte aus dem Erdölgeschäft die ökonomische Entwicklung des Landes beflügeln – wenn nicht Saudi-Arabien aus einem hohen Eigeninteresse den Ölpreis möglichst niedrig halten möchte. Denn der Iran, Rivale um die regionale Vormachtstellung, soll nach dem Willen der Saudis durch zusätzliche Öl-Milliarden nicht noch stärker gemacht werden. Es bleibt ein explosives Gemisch. Denn der Iran, die selbst ernannte Schutzmacht aller Schiiten, versucht weiter, den eigenen Einfluss im Nahen Osten gegen die sunnitische Führungsmacht Saudi-Arabien zu festigen und auszuweiten. Der gegenwärtige Krieg in Syrien spricht Bände.