Israels Politik in Bedrängnis Geheimdienstler packen aus: Folter und gezielte Tötungen

Von Joachim Schmitz | 05.03.2013, 05:30 Uhr

„Natürlich war ich enttäuscht, dass ich den Oscar nicht gewonnen habe, das ist doch ganz normal“, sagt Dror Moreh. Doch der israelische Regisseur kann sicher sein: Sein Film „Töte zuerst“ (Originaltitel „The Gatekeeper“) ist die spektakulärste Dokumentation des letzten Jahres. Sechs frühere Chefs des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet packen mit verblüffender Offenheit aus und rechnen mit dem Staat ab, dem sie gedient haben. Nachdem der Film in israelischen und amerikanischen Kinos für Furore sorgte, kommt er nun ins deutsche Fernsehen.

Wenn ein Israeli die Soldaten seines Landes als eine „brutale Besatzungsarmee“ bezeichnet, „die den deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg ähnelt“, mag das nicht nur in den Ohren vieler Landsleute wie empörender Vaterlandsverrat klingen. Wenn dieser Israeli aber Avraham Shalom heißt und von 1980 bis 1986 Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet war, dann sind seine Worte verbaler Sprengstoff.

Shaloms verblüffende Ansicht ist am Ende der großartigen Dokumentation zu vernehmen, die Arte an diesem Dienstag zu bester Sendezeit (20.15 Uhr) und die ARD als NDR-Ko-Produktion am Mittwoch zu gewohnt später Doku-Stunde (22.45 Uhr) ausstrahlt. Es klingt bitter, wenn der Mann berichtet, er sei begeistert gewesen von der Idee eines palästinensischen Staates, doch: „Alle Premierminister von Israel haben das palästinensische Volk nicht ernst genommen – weder innerhalb noch außerhalb der Grenzen von 1967.“

Mit solchen Ansichten steht der Mann keineswegs allein: Regisseur Dror Moreh ist es als Erstem gelungen, alle sechs bisherigen Schin-Bet-Chefs zu extrem interessanten und aufschlussreichen Interviews zu bewegen. Und die Männer, die von 1980 bis 2011 die vielleicht mächtigste Institution des Landes führten, sind sich einig: Es ist etwas faul im Staate Israel.

„Es war extrem wichtig, nicht nur einen, sondern alle sechs früheren Schin-Bet-Chefs vor die Kamera zu bekommen“, sagt Dror Moreh im Gespräch mit unserer Zeitung. Denn so könne „kein Politiker behaupten, da habe jemand etwas nur gesagt, weil er frustriert oder ahnungslos ist Am Ende sagen alle sechs übereinstimmend: Wir müssen eine politische Lösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt herbeiführen, wir brauchen eine Zweistaaten-Lösung.“.

Ami Ayalon (Schin-Bet-Chef von 1996 bis 2000) etwa ist zu der Erkenntnis gekommen: „Wir gewinnen jede Schlacht, aber wir verlieren den Krieg.“ Er hadert mit dem Vorgehen seines Dienstes: „Wir haben einen Terroristen getötet, dessen Hände gefesselt waren, der für uns keine Bedrohung mehr war – mit welchem Recht?“ Und sein Nachfolger Avi Dichter (2000–2005) weiß heute: „Man kann keinen Frieden mit militärischen Mitteln schaffen.“ Carmi Gillon (1994–1996) hat eingesehen: „Wir machen das Leben von Millionen Menschen unerträglich.“ Und Yaakov Peri (1988–1994) denkt über die Palästinenser: „Die wollen genau wie du ihren Frieden und ihre Ruhe.“ Yuval Diskin (2005-2011) schließlich weiß mittlerweile, dass sich die Israelis „zu sehr auf unsere Muskeln als auf den Verstand verlassen haben“.

Doch die Ex-Geheimdienstler hadern nicht nur mit Staat und Politikern, sondern packen auch bedenkliche Details ihres eigenen Handelns aus: „Sie haben sich nicht gescheut, auch über problematische Aspekte wie Folter, gezielte Tötung und die moralischen Konsequenzen zu sprechen“, sagt Dror Moreh.

Sein Film habe eine Welle der Zustimmung über E-Mails, Facebook und Telefonate ausgelöst, berichtet der Regisseur. Nur einen scheint er nicht zu interessieren: den Regierungschef. Doch, so Moreh: „Wenn Premierminister Netanjahu sagt, er werde sich ,The Gatekeeper‘ nicht ansehen, ist es sein Problem und nicht meins. Wenn er sich nicht für einen Film interessiert, in dem sich sechs ehemalige Geheimdienstchefs seines Landes äußern, sagt das mehr über ihn als über den Film aus.“ Er sei überzeugt davon, dass sein Film einiges in Israel verändern könne, sagt der Regisseur: „Ich hoffe, dass die internationale Gemeinschaft jetzt mehr Druck auf Israelis wie Palästinenser ausüben wird. Es ist ja in Israels ureigenstem Sinne, die Probleme zu lösen - es sind nicht Obamas Probleme, Merkels Probleme, Camerons oder Hollandes Probleme, sondern die der Israelis und der Palästinenser.“

Auch die Bundeskanzlerin sollte nach Morehs Überzeugung ihre Zurückhaltung aufgeben: „Angela Merkel kann und sollte Druck auf Israel ausüben, auch wenn sie meint, es wegen der Vergangenheit nicht tun zu können. Dasselbe gilt für Obama und die Europäische Union, sie können die wirtschaftlich abhängigen Israelis und Palästinenser dazu zwingen, sich zu einer Lösung durchzuringen. Aber wenn die internationale Gemeinschaft es den beiden Konfliktparteien überlässt, wird nichts passieren, gar nichts.“

Die Fernsehausstrahlung in Deutschland ist für den Regisseur nur die zweitbeste Variante: „Ich glaube auch, dass man ihn auch in Deutschland gut im Kino statt im Fernsehen hätte zeigen können. In amerikanischen Kinos läuft er hervorragend, in israelischen Kinos ist er die meistgesehene Dokumentation seit der Staatsgründung, und auch in England und Australien wird man ihn im Kino sehen können.“

Töte zuerst – Arte, Dienstag, 20.15; ARD, Mittwoch, 22.45 Uhr