Interview mit Zentralrats-Sprecher Deutsche Jesiden berichten von Massaker im Nord-Irak

Von Burkhard Ewert | 15.08.2014, 17:51 Uhr

Deutsche Waffen wollen die Jesiden gar nicht, sagt Holger Geisler als Sprecher ihres Zentralrats in Deutschland im Interview mit der NOZ. Eher solle die EU Flüchtlinge aufnehmen. Im Irak drohten weiterhin Massaker.

Herr Geisler, wie bewerten Sie die Position der Bundesregierung? Soll Deutschland den Kurden Waffen liefern?

Mit Blick auf Waffenlieferungen erkenne ich kein Umdenken, finde das aber auch nicht schlimm. Andere Länder liefern ja Waffen. Wenn die sich abstimmen und Deutschland anderweitig hilft, soll uns das recht sein. Insofern haben wir keinen Grund zur Kritik am Engagement der Bundesregierung. Im Gegenteil, sie bringt sich sehr ein. Wichtig ist jedoch, dass eine koordinierte Hilfe gibt, und dass das schnell geschieht. Die Zeit rinnt uns durch die Hände.

Haben Sie nicht die Sorge, dass Waffen dort auf Märkte und zu terroristischen Gruppen gelangen und sich irgendwann gegen Minderheiten wie die Jesiden wenden können?

Diese Gefahr besteht immer, ändert aber nichts an der gegenwärtigen Situation. Später braucht es einmal eine Analyse, was schief gelaufen ist: Sind die richtigen Leute zur richtigen Zeit bewaffnet worden, ist für genügend Stabilität in der Region gesorgt worden? Aber aktuell muss es darum gehen zu helfen.

Kann man die Kurden in der Region als vertrauenswürdige Kraft des Friedens bezeichnen?

Immerhin haben sie, bis die IS kam, für Sicherheit in dem Teil des Iraks gestanden, den sie kontrolliert haben. Bei der Stabilisierung der Region haben sie eine wichtige, wenn nicht entscheidendere Rolle als die Amerikaner gespielt. Aber, schon richtig, auch sie haben in unsicheren Zeiten versucht, ihre Interessen bestmöglich durchzusetzen.

Was muss als Nächstes geschehen?

Die Jesiden der Region leben unter entsetzlichen Bedingungen. Die Grenze zwischen den kurdischen Regionen des Iraks und der Türkei muss geöffnet werden. Dass die Türkei hier zurückhaltend ist, verstehe ich. Die Weltgemeinschaft ist deshalb gefordert, das Land zu unterstützen, zum Beispiel um Lager einzurichten und indem Flüchtlinge von der Türkei aus in die EU oder in sichere Drittstaaten gelangen. Auch eine internationale Schutzzone im Nordirak für alle religiösen Minderheiten wäre wichtig. Eine weitere wichtige Möglichkeit der Hilfe sind Spenden.

Was wissen Sie von der Lage vor Ort?

Es gab drei Dörfer, deren Bewohner zuletzt die Wahl hatten, zwangsweise zu konvertieren oder zu sterben. Zwei konnten befreit werden. Am Freitag allerdings sind neue IS-Kräfte im dritten Dorf eingetroffen und haben weitere Gefangene mitgebracht. Nach aktuellen Informationen von einem Augenzeugen, der uns persönlich bekannt ist und der fliehen konnte, sind in dem Dorf Tel Kujo an diesem Nachmittag wenigstens hundert Männer erschossen worden. Die Frauen werden in Bussen in die benachbarte Ortschaft Tel Afre gebracht. Wir wissen nicht, wozu.