Imis-Chef Pott sieht „Festungspolitik“ Flüchtlingszahlen: Wissenschaft warnt vor Dramatisierung

Von Burkhard Ewert | 27.02.2015, 06:30 Uhr

Angesichts der hohen Flüchtlingszahlen warnt die Wissenschaft vor einer Dramatisierung. Im NOZ-Interview sagte der Direktor des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück (Imis), Andreas Pott: „Die Dramen und Katastrophen finden andernorts statt. Zum Beispiel im kleinen Libanon, der mit seinen vier Millionen Einwohnern alleine eine Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen hat.“ Die Politik kritisierte Pott im Rahmen der NOZ-Agenda zum Thema Migration und Integration scharf.

Herr Pott, das Flüchtlingsthema ist in aller Munde. Was sagen Sie als Migrationsforscher?

Folgt man den Medien und manch aufgeregten politischen Debatten oder Leserbriefen, entsteht der Eindruck einer „Flüchtlingskatastrophe“ auch in und für Deutschland. Berichtet wird – wieder einmal – vom „Ansturm“, von anwachsenden „Flüchtlingswellen“ oder von „überfüllten“ Flüchtlingsunterkünften „überforderter Kommunen“. Notquartiere werden eingerichtet, Krisensitzungen abgehalten oder neue Erstaufnahmeunterkünfte eingerichtet, wie gegenwärtig in Osnabrück. Maßnahmen, die auch deshalb nötig werden, weil die vergangenen zwanzig Jahre nicht zum Aus-, sondern vielerorts eher zum Rückbau der unterstützenden Infrastruktur genutzt wurden.

Die Zahlen sind nicht unbedingt höher als in der Vergangenheit …

Ja, im Vergleich zu den frühen 1990er Jahren, als schon einmal der Asylnotstand ausgerufen wurde, liegen die Zahlen trotz wachsender Tendenz bis heute deutlich niedriger. Während für 2014 zeitweise weit über 200000 Flüchtlinge prognostiziert wurden, lag die Zahl der Asylanträge durch hinzukommende Erstantragsteller am Jahresende bei 173 000. Dies entspricht nicht einmal 0,3 Prozent der Bevölkerung eines der reichsten Länder der Erde. Rechtfertigt dies eine Überforderungs- und Katastrophenrhetorik?

Immerhin sind weltweit so viele Menschen auf der Flucht wie noch nie.

Genau: weltweit. Aber nur ein Bruchteil der 51 Millionen Flüchtlinge schafft es nach Europa. Der Blick auf Deutschland ist deshalb extrem verengt. Während 90 Prozent aller Menschen auf der Flucht in Entwicklungsländern leben, sind es in Europa nicht einmal 5 Prozent. Die Dramen und Katastrophen finden andernorts statt. Zum Beispiel im kleinen Libanon, der mit seinen 4 Millionen Einwohnern alleine 1 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen hat. Oder im Mittelmeer, wo Flüchtlinge ertrinken oder gewaltsam abgewehrt werden. Flüchtlinge, denen von Deutschland und Europa bis heute keine halbwegs sicheren und legalen Fluchtrouten eröffnet werden. Oder in den Flüchtlingslagern an der europäischen Außengrenze. Sichtbar werden dort die Folgen einer ebenso schäbigen wie schändlichen europäischen Festungspolitik. Statt einer seit Jahren geforderten umfassenden und europäisch koordinierten Flüchtlingspolitik wird auf Abwehr und Abschreckung gesetzt – durchzusetzen von den ohnehin krisengebeutelten, „sicheren“ Dritt- und Randstaaten Europas.

Wie ist Deutschlands Rolle zu bewerten?

Eine Politik der Marginalisierung und Externalisierung kennzeichnet auch manchen Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland. Man denke an die zu lange Unterbringung in peripher gelegenen und unwürdigen Sammelunterkünften, an misshandelnde, nicht kontrollierte Wachleute oder an die viel zu geringe finanzielle Unterstützung der besonders betroffenen Städte. Wie viele Beispiele zeigen, werden Flüchtlinge anders behandelt und ausgegrenzt. Sie werden nicht integriert, sondern separiert. Viel zu oft werden sie künstlich schwach gehalten, statt gestärkt zu werden. All dies ist nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch migrationspolitisch kurzsichtig. Denn wir wissen: Deutschland braucht Einwanderung.

Aber brauchen die Zuwanderer Deutschland? Mit anderen Worten, wie steht es mit den Motiven und der Integrationsbereitschaft?

Es gehört zu den Binsenweisheiten der Migrationsforschung, dass sich Migranten und gerade Flüchtlinge nach besseren Lebensverhältnissen sehnen. Dafür strengen sie sich an und nehmen vieles auf sich. Die meisten wollen Deutsch lernen, arbeiten und neue Freundschaften knüpfen. Stattdessen werden viele von ihnen gesetzlich zum Warten und Nichtstun verdammt, ihre Qualifikationen und Potenziale liegen brach. Aufgrund der sogenannten Residenzpflicht, dürfen sie sich nicht frei bewegen. Hat Deutschland sich nicht vor wenigen Jahren erst als Einwanderungsland erkannt? Bezieht sich die oft bemühte Willkommenskultur nicht auch auf Flüchtlinge? Sind Niedersachsen und Deutschland durch die Millionen Flüchtlinge, die seit dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen wurden, etwa schwächer geworden?

Akademisch betrachtet mag das stimmen, aber nicht nur bei Pegida zeigt sich emotional eine erhebliche Skepsis.

Die verbreitete Katastrophenrhetorik schürt Angst. Sie verknüpft Flucht mit außergewöhnlichen Belastungen, nicht mit Wandel oder Chancen. Außerdem erscheint Flucht in der Katastrophenoptik als Ausnahmeereignis. Die Migrationsgeschichte und die Krisenhaftigkeit unserer globalisierten Welt hingegen lehren, dass Flucht etwas ist, das immer wieder geschieht. Flucht ist erwartbar. Wir sollten auch in Zukunft mit Fluchtbewegungen rechnen und uns auf sie einstellen. Wir sollten erkennen, dass Flüchtlinge Migranten – und Migranten Menschen und potenzielle Neubürger sind. Nicht alle werden bleiben, aber doch viele. Statt nur zu reagieren, sollte vorgesorgt werden, in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen. So gilt es, neuen und verteilten Wohnraum zu schaffen, die lokale Wohnbevölkerung mitzunehmen, Schulmaterialien für Flüchtlingskinder zu entwickeln und vieles mehr. Die Hilfsbereitschaft vieler Bürger weckt dabei Hoffnung. Unterstützende soziale Bewegungen und die innovativen Konzepte einiger Städte deuten ebenfalls auf einen möglichen Wandel hin. Dennoch ist der Weg zu einer Migrationsgesellschaft, die mit Flüchtlingen gelassen umgeht, noch lang.