Rohstoffe Im Rausch der Tiefe - maritimer Bergbau zwischen Chance und Risiko

Von Thomas Ludwig | 21.10.2019, 20:15 Uhr

Nach dem vorläufigen Scheitern eines Pilotprojekts im Pazifik verzögert sich der Abbau von Manganknollen in tausenden Metern Tiefe.

Für die Einen war der Ernteausfall ein herber Rückschlag, für Andere eine willkommene Verzögerung – im Frühjahr scheiterte der erste Pilotversuch, in größerem Stil Manganknollen vom Meeresboden in 4000 Metern Tiefe zu klauben.

Die belgische Bergbautechnikfirma DEME - GRS hatte den Einsatz des 25-Tonnen schweren Knollenkollektors "Patania II" wegen eines kaputten Kabels zur Energieversorgung, Steuerung und Kommunikation abblasen müssen. Und nun? „Derzeit sieht es so aus, als würde der Test in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres stattfinden“, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. Man arbeite an einem neuen Zeitplan.

Umweltschützer sind gar nicht traurig darüber; für sie ist jeder Tag, der die Ernte von Manganknollen verzögert, ein guter Tag. „Tiefseebergbau birgt das Risiko katastrophaler und möglicherweise irreversibler Umweltschäden, sowohl an den Abbaustandorten als auch darüber hinaus“, mahnt Greenpeace-Meeresbiologe Christian Bussau.

Einer Umfrage der Umweltschutzorganisation zufolge lehnen 80 Prozent der Bundesbürger den Abbau von Metallen und Mineralien in der Tiefsee ab."Deutschland muss sich auf internationaler Ebene deutlich stärker dafür einsetzen, dass die Vereinten Nationen mindestens 30 Prozent der Hohen See bis spätestens 2030 unter Schutz stellen", fordert der Greenpeace-Experte.

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Nein. Bislang gibt es für den international verwalteten Meeresboden, das heißt jenseits der 200-Meilen-Zonen vor den Staaten, lediglich Lizenzen, die einzelnen Länder zur Erkundung und Forschung berechtigen, nicht aber zum industriellen Abbau.

Tatsächlich laufen die Erkundungen in der Tiefsee zum Abbau möglicher Rohstoffe weltweit auf Hochtouren. Denn es lagern dort viele Milliarden Tonnen wertvoller Bodenschätze.

Schätzungen gehen davon aus, dass in nicht allzu ferner Zukunft jährlich fünf bis zwölf Milliarden Euro an Umsätzen global in diesem neu entstehenden Geschäftsfeld zu erwarten sind – Tendenz steigend. Die Bundesregierung geht allein bei Manganknollen von einer potenziellen Fördermenge von zwei Millionen Tonnen pro Jahr für die nächsten zwei Jahrzehnte aus.

Auch Deutschland hat sich über die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) zehntausende Quadratkilometer große Lizenzgebiete im Pazifischen und Indischen Ozean zur Erkundung gesichert. In der Clarion-Clipperton-Zone zwischen Mexiko und Hawai, das weiß man inzwischen, ist der Meeresboden in mehreren tausend Metern Tiefe an manchen Stellen mit Manganknollen geradezu übersät; diese enthalten neben Mangan auch Kupfer, Nickel, Kobalt und Seltene Erden.

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Laut dem Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung gibt es drei Arten: 1. Manganknollen:Sie lagern oftmals in 4000 bis 5000 Metern Tiefe. Entstanden sind die schwarzen, Blumenkohl großen Knollen über Jahrmillionen, indem sich um einen Kern herum Mineralien abgelagert haben. Manganknollen sind reich an Kupfer, Kobalt, Nickel aber auch Lithium und Seltenen Erden. Der Anteil der Erze liegt bei rund drei Prozent - etwa ein Prozent mehr als bei den Lagerstätten an Land.2.Massivsulfide:Auf ihrem Weg durch das Erdinnere waschen stark erhitzte Flüssigkeiten an heißen Quellen Minerale aus dem Gestein. Treten die Flüssigkeiten aus dem Meeresboden aus, so lagern sich die Mineralien ab. 3. Mangankrusten: Diese Krusten sind besonders reich an Kobalt und haben sich über Millionen Jahre an den Hängen von Unterwasservulkanen angesammelt.

Im Indischen Ozean wurden zuletzt drei große Vorkommen an Metallerzen entdeckt. In den bis zu 60 Meter hohen Sulfiderzhügeln stecke ein Potenzial von über zehn Millionen Tonnen goldreicher Kupfer, Zink und Bleierze sowie weiterer für die Wirtschaft strategisch wichtiger Metalle wie zum Beispiel Indium, Gallium, Selen oder Tellur, teilte die BGR mit.

Für die deutsche Industrie sind das gute Nachrichten. Denn sie ist nahezu komplett auf den Import solcher Metallrohstoffe angewiesen. Schon heute gibt es immer wieder Engpässe. Der eigenständige Abbau im Meer könnte langfristig die Versorgungssicherheit mit diesen Rohstoffen verbessern. Ähnliches gilt für Seltene Erden, ohne die im Bereich der Elektronik und High-Tech nichts mehr geht.

Der Bund der deutschen Industrie (BDI) fordert vor diesem Hintergrund eine "offen und frei von ideologischen Vorfestlegungen geführte Debatte über die ökologischen, ökonomischen und technischen Herausforderungen des Tiefseebergbaus, keine Angstmacherei“.

So wäre denn auch der Kollektortest „Patania II“ unter zweierlei Gesichtspunkten wichtig gewesen – erstens sollte das Pilotprojekt die Machbarkeit der Knollenaufnahme unter Tiefseebedingungen mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und extrem hohen Druck prüfen. Zudem sollte der Test Aufschluss geben über die möglichen Auswirkungen eines Abbaus auf die Unterwasserwelt unter realitätsnahen Bedingungen.

Als unabhängige Beobachter mit dabei: Forscher von "Geomar - Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung" in Kiel. In dem von Deutschland und anderen europäischen Staaten geförderten Beobachtungsprojekt "Mining Impact" sammeln und analysieren sie Meeresdaten, um mögliche Folgen einer Manganknollenernte abschätzen zu können.

"Ohne Risiko ist Tiefseebergbau nicht zu haben, soviel wissen wir inzwischen" sagt Projektleiter Matthias Haeckel. 100 Tage war er im Frühjahr im Pazifik auf See. "Natürlich waren wir enttäuscht, als es hieß, Patania II könne nicht starten. Schließlich waren wir mit allem Gerät schon vor Ort". Langweilig wurde es den Geomar-Forschern trotzdem nicht.

"Wir hatten ein Alternativprogramm vorbereitet", erzählt Projektleiter Haeckel. Schließlich koste ein Tag mit dem Geomar-Forschungsschiff "Sonne" rund 40.000 Euro. Da darf nichts dem Zufall überlassen bleiben.

Bei den Experimenten an Bord geht es unter anderem darum, Informationen über die Artenzusammensetzung und Besiedlungsdichte der Bodenfauna zu sammeln. Auf Grundlage der Daten sollen die Auswirkungen potentzieller Abbauaktivitäten noch vor dem Eingriff in den Lebensraum Tiefsee abgeschätzt und beurteilt werden. Die Bundesregierung fördert das Projekt. Deren Koordinator für die Maritime Wirtschaft, Norbert Brackmann, sagt:

„Wir wollen einen umweltverträglichen, nachhaltigen und entwicklungspolitisch gerechten Tiefseebergbau. Als Mitgliedstaat bei der Internationalen Meeresbodenbehörde arbeiten wir daran, dass die zukünftigen Abbauregularien diesen Zielen entsprechen.“

Dass die Ernte der Kohl großen schwarzen Manganknollen Auswirkungen auf die Umwelt haben wird, darüber besteht inzwischen weitgehend Einigkeit, zum Beispiel durch das Aufwirbeln des Meeresbodens und die „Verdriftung dieser Suspensionswolken“.

Viele Organismen leben in den oberen fünf bis zehn Zentimetern des Meeresbodens, die beim Tiefseebergbau abgetragen werden. Zudem bilden Manganknollen auf dem ansonsten weichen Meeresboden die einzigen festen Untergründe auf denen sich Anemonen, Weichkorallen oder Schwämme entwickeln können. Werden sie entfernt, ist die Möglichkeit für diese Arten, das Gebiet neu zu besiedeln, stark eingeschränkt.

Pro Firma und Abbaugebiet drohen rund 200 Quadratkilometer Meeresboden geschädigt zu werden - jährlich; das ist ein Gebiets so groß etwa wie München.

Geomar bemerkt dazu mit Blick auf die Erkenntnisse des mehrjährigen Forschungsprojekts MiningImpact I:

„Ein zerstörter Tiefseeboden bleibt für viele Jahrzehnte, wahrscheinlich mehrere Jahrhunderte bis Jahrtausende beeinträchtigt. “

Lassen sich die ökonomischen Interessen also überhaupt in Einklang bringen mit den ökologischen Erfordernissen?

Dringend nötig sei ein „starker globaler Ozeanvertrag, der den Umgang der Regierungen mit dem Meer konsequent definiert und dabei den Schutz und nicht die Ausbeutung der Ozeane in den Mittelpunkt stellt“, lautet die Forderung von Greenpeace.

Hier kommen die Vereinten Nationen ins Spiel.Die UN will die Zerstörung der Ökosysteme verhindern und sicherstellen, dass alle Staaten gleichermaßen von den maritimen Reichtümern profitieren.

Derzeit laufen die Verhandlungen bei der Internationalen Meeresbodenbehörde ISA für ein globales Abkommen, das den Schutz der Meere jenseits der 200-Meilen-Zone regeln soll. Denn jenseits dieser Zone gibt es keine staatlichen Hoheitsgebiete, das Meer gehört hier also niemandem. Das weckt Begehrlichkeiten.

Länder wie China, Südkorea, Großbritannien, Frankreich, Russland und Deutschland planen in den Bergbau am Meeresboden einzusteigen. Laut Greenpeace hat die ISA inzwischen 29 Lizenzen für eine Fläche von rund einer Million Quadratkilometer erteilt. Das ist zwar rund doppelt so groß wie Spanien - aber immer noch nur 0,1 Prozent der weltweiten Tiefseeflächen.

Grundsätzlich hat die ISA den Auftrag, Bodenschätze der Tiefsee als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ zu verwalten; seit dem Jahr 2000 gibt es einen entsprechenden Kodex für Prospektion und Exploration.

Im Laufe des kommenden Jahres soll das Weltozeanabkommen fertig sein. Noch aber hakt es. Inzwischen liegt der 3. Entwurf auf dem Tisch. Doch vor allem Deutschland und Frankreich ist er in entscheidenden Passagen immer noch zu unkonkret. Rechtlich bindend wird das Abkommen ohnehin erst ein paar Jahre später, dann nämlich wenn es genügend Staaten ratifiziert haben.