Gewissheit nach 16 Jahren Der Fall Trudel Ulmen: Wie ein Bonner Journalist half, einen Mord aufzuklären

23.06.2012, 04:00 Uhr

Eigentlich war es nur ein Versehen. Plötzlich hatte Wolfgang Kaes diese Anzeige vor sich liegen, die eine Auszubildende fälschlicherweise auf seinem Redaktionsschreibtisch abgelegt hatte. Genau genommen war es eine öffentliche Bekanntmachung des Amtsgerichtes Rheinbach, in der eine gewisse Trudel Ulmen aufgefordert wurde, sich zu melden. Ansonsten werde sie für tot erklärt. Kaes begann zu recherchieren und wenige Wochen später war der Fall gelöst: Der Ehemann hatte seine Frau vor 16 Jahren mit einem Kopfkissen erstickt.

Kaes, Chefreporter beim „Bonner Generalanzeiger“, hat die Geschichte schon oft erzählt. Wie die Anzeige auf seinem Tisch landete, wie er über die holprigen Formulierungen stolperte und sich wunderte, warum er den Fall Trudel Ulmen aus dem Jahr 1996 nicht kannte, obwohl er sich doch in seinem Heimatort abgespielt hatte. Doch wenn er so ins Erzählen kommt, merkt man schnell, dass der Fall den Journalisten immer noch nicht losgelassen hat. „Spätestens beim Prozessbeginn“, sagt er, „wird das mit den Anfragen wieder losgehen.“

Es klingt wie im Film: Diese berufstypische Reporterneugier packte Kaes am 5. Dezember 2011. „Wie kann es passieren, dass Menschen einfach so verschwinden“, fragte er sich mit Blick auf die Bekanntmachung. Er begann zu recherchieren und kam in Kontakt mit dem Bruder der damals 41-jährigen Arzthelferin aus Rheinbach in Nordrhein-Westfalen. „Bisher hat sich noch niemand für das Verschwinden meiner Schwester interessiert – nicht einmal die Polizei“, habe er Kaes erzählt.

Der bohrte nach, machte sich ein Bild von der Frau, die im März 1996 einfach so verschwand. „Ich wollte sie kennenlernen“, sagt der Chefreporter, der bis heute über 50 Menschen zu dem Fall interviewt hat – die meisten nach Feierabend. Durch die Gespräche mit Bekannten keimte der Verdacht, dass da irgendetwas nicht stimmt: „Ich hatte immer diese Zweifel im Hinterkopf. Einfach so verschwinden? Trudel UImen war nicht der Typ Mensch, der einfach so sein bürgerliches Leben hinschmeißt.“

Kaes versuchte, Kontakt mit dem Ehemann aufzunehmen. Doch der wollte nicht reden. Eine Kollegin hatte seine Frau als vermisst gemeldet. Der Mann war es dann, der wenige Tage später bei der Polizei anrief: Seine Frau habe sich per Telefon gemeldet und ihm erklärt, sie sei mit einem Liebhaber ins Ausland durchgebrannt. Für die Polizei war der Fall damit nach vier Tagen geklärt. „Die Akte wurde einfach zugeklappt.“

In der Heimatstadt machten die Gerüchte die Runde. Trudel Ulmen habe schon immer ein ausschweifendes Leben geführt, sagten die einen. Sie habe unter schweren Depressionen gelitten, wollten die anderen wissen . Alles schien möglich. Und die Familie? Tag für Tag zündete die Mutter eine Kerze vor einem Porträtfoto ihrer Tochter an – um Gott um ein Lebenszeichen zu bitten. Auch dann noch, als Kaes 16 Jahre nach dem Verschwinden an ihrer Tür klopfte.

Am 9. Januar 2012 veröffentlichte der Chefreporter den ersten Artikel über Trudel UImen. Der Titel: „Vermisst. Verschollen. Und beinahe vergessen.“ Der Ehrgeiz der Kriminalpolizei in Bonn war da längst durch die Anfragen von Kaes geweckt. Hatten die Beamten vor 16 Jahren irgendetwas übersehen oder gar geschlampt? Zeugen wurden verhört, DNA-Proben genommen. Plötzlich war Trudel Ulmen wieder allgegenwärtig.

Eher zufällig stieß die Polizei in einem Krankenhaus auf eine DNA-Probe der Vermissten, die sie einst dort hinterlassen hatte. Von da aus war es nur noch ein Knopfdruck an einem Computer bis zur traurigen Gewissheit: Die Vermisste war nicht durchgebrannt, sie war vor gut 16 Jahren Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. „Die Leiche wurde im 30 bis 40 Kilometer entfernten Siebengebirge gefunden“, sagt Kaes. Vier Monate vor der Entdeckung der Leiche war die Arzthelferin verschwunden.

„Eine Arbeitskollegin rief damals sogar bei der Polizei an und wies daraufhin, dass es sich bei der unbekannten Leiche doch um die Vermisste handeln könnte.“ Doch die Beamten wandten sich an den Falschen: Der Ehemann verneinte einen Zusammenhang, erzählt Kaes. „Doch beim erneuten Verhör nach dem DNA-Abgleich brach sein Lügengerüst nach mehrstündigem Verhör zusammen. Er legte ein Geständnis ab.“ Damit war auch endlich klar, wie Trudel Ulmen starb: Erstickt von ihrem Ehemann, der ihre Leiche im Kofferraum des Autos in den Wald fuhr und dort notdürftig verscharrte.

Als die Polizei der Familie die Todesnachricht überbrachte, war Kaes dabei. „Man hatte mich gefragt, ob ich mitwolle. Wir haben viel Kontakt in dieser Zeit gehabt. Immer wieder hat die Familie mich angerufen und gefragt, ob ich neue Informationen habe.“ Wie ein Schatten habe Trudel immer über ihren Verwandten geschwebt. Erst jetzt konnten sie Abschied nehmen von ihr.

Vor der Beerdigung musste der Leichnam umgebettet werden: Von einer anonymen Grabstätte in das Grab der Familie. Auf dem Stein steht die Frau mit ihrem Mädchennamen – und nicht dem Nachnamen des Mannes, der sie erstickte. Die Beerdigung fand im engsten Familienkreis statt. Nur Wolfgang Kaes war eingeladen. Der Chefreporter, dessen Neugier half, ein Verbrechen zu klären.

Hobbymäßig verfasst er Krimis. Ob er über den Fall Trudel Ulmen ein Buch schreiben wird? „Ich weiß nicht. Das Ganze hat mich emotional sehr mitgenommen.“ Die Familie der Verstorbenen aber ermuntere ihn. „Sie wollen, dass etwas Bleibendes geschaffen wird.“

Auf dem Grabstein der Toten steht: „Lange haben wir nach Dir gesucht. Ruhe sanft in unserer Mitte.“ Letztlich war es der Zufall, der half, Trudel Ulmen zu finden. Der Zufall und Wolfgang Kaes.