Um Ihre Registrierung abzuschließen, gehen Sie in Ihr E-Mail-Postfach und folgen dem Link in der Bestätigungsmail. Danach können Sie den Artikel frei lesen. E-Mail erneut senden

Kolumne: „Was geht?!“ Gendern in den Medien – warum wir beim generischen Maskulinum bleiben

Eine Kolumne von Louisa Riepe | 23.11.2023, 09:00 Uhr

Im Berliner Politikpodcast „Lage der Nation“ kritisierte Moderator Ulf Buermeyer die Sprachregelungen unserer Zeitung. Unsere Autorin hätte sich dabei weniger Dogmatismus, dafür mehr Pragmatismus und Offenheit gewünscht.

Normalerweise versuche ich, Ihnen in diesem Newsletter konstruktive Lösungen vorzustellen, um die Probleme unserer Zeit zu bewältigen. Aber in dieser Ausgabe möchte ich Sie auf einen Ansatz hinweisen, der aus meiner Sicht gar nicht geht: nämlich Dogmatismus beim Umgang mit geschlechtergerechter Sprache – wie zuletzt zu hören in der „Lage der Nation“.

Dogmatismus bei geschlechtergerechter Sprache – geht garnicht!

Dabei handelt es sich um einen Politikpodcast aus Berlin, der nach eigenen Angaben 1,5 Millionen mal pro Monat heruntergeladen wird. In der letzten Folge erklärte Ulf Buermeyer, einer der Moderatoren und ein gebürtiger Osnabrücker, es kämen „skurrile Ergebnisse“ zustande, wenn man auf geschlechtergerechter Sprache verzichte (ab Minute 52:30). Als Beispiel führt er einen Podcast unserer Redaktion an: „Moin Osnabrück“, den wir seit Mitte Oktober stolz und durchaus erfolgreich sechsmal pro Woche veröffentlichen.

In der Folge, die er gehört habe, so Buermeyer, sei es um eine Klinik im Osnabrücker Land und die Arbeitsbedingungen vor Ort gegangen. „Ich bin absolut sicher, in dieser Klinik arbeiten nicht nur Männer“, so Buermeyer weiter, „und trotzdem haben die nur von Mitarbeitern gesprochen. Ich muss sagen, das ist mir richtig sauer aufgestoßen, weil es einfach die Unwahrheit ist.“

Mehr Informationen:

Fachkräftemangel und Klima-Krise, Inflation, Wohnungsnotstand und Polarisierung der Gesellschaft: Wir leben in einer Zeit der Sorgen und Nöte, Ängste und Probleme. Louisa Riepe sucht für Sie nach konstruktiven Ansätzen, damit umzugehen. Einmal pro Woche stellt sie in ihrer Kolumne „Was geht?!“ Ideen aus Politik, Wirtschaft und Forschung vor, die das Potenzial für eine bessere Zukunft haben. Sie wollen keine Ausgabe mehr verpassen? Dann abonnieren Sie hier den „Was geht?!“-Newsletter!

„Unwahre“ Berichterstattung? Der Vorwurf stimmt nicht!

Diese Unterstellung, „unwahr“ zu berichten, ist natürlich völlig abwegig. Moderator Bastian Rabeneck hat – ganz im Sinne unseren redaktionellen Richtlinien – das generische Maskulinum verwendet. Das bezeichnet die geschlechtsneutrale Verwendung maskuliner Substantive oder Pronomen, die die deutsche Rechtschreibung ausdrücklich zulässt. Man würde meinen, dass Buermeyer das wissen müsste.

Natürlich kennen auch wir bei der NOZ die feministische Kritik am generischen Maskulinum und die Forderung, alle Geschlechter und Identitäten gleichermaßen in die Sprache einzubeziehen. Und natürlich haben wir uns in der Redaktion, gemeinsam mit unseren Herausgebern, intensiv damit beschäftigt.

Redaktionelle Richtlinien geben Hinweise

Das Ergebnis lässt sich seit einiger Zeit auch im Impressum unserer Zeitung nachlesen: „Soweit die redaktionellen Inhalte in Bezug auf natürliche Personen das generische Maskulinum verwenden, ist dies der gültigen deutschen Grammatik und einer einheitlichen Lesbarkeit geschuldet“, heißt es da. Denn tatsächlich machen die gängigen Formen genderneutraler Sprache wie die Beidnennung („Kolleginnen und Kollegen“), substantivierte Partizipien („Studierende“) oder mehrgeschlechtliche Schreibweisen („Bürger:innen“) Texte unnötig lang und unleserlich, verfälschen den inhaltlichen Sinn, oder grenzen ihrerseits diverse Geschlechtsdefinitionen aus, die beim generischen Maskulinum dezidiert mitgemeint sind – eben weil es alle Geschlechter umfasst, im Zweifel auch mehr als zwei.

Entsprechend heißt es in unseren Richtlinien, dass „damit weibliche, männliche und intersexuelle/diverse Personen gemeint sind. Eine Benachteiligung im Sinne von § 1 AGG – gleich welcher Art – ist durch die Verwendung des generischen Maskulinums nicht beabsichtigt.“

Mehrheit der Deutschen will keine Gendersprache in den Medien

Tatsächlich lehnt die Mehrheit der Deutschen Gendersprache ab. Die Zustimmung war in den letzten Jahren sogar rückläufig, zeigte zuletzt ausgerechnet eine repräsentative Umfrage, die im September 2022 im Auftrag des WDR durchgeführt wurde. Demnach hielten 62 Prozent der Befragten gendergerechte Sprache für weniger oder gar nicht wichtig. 52 Prozent bewerteten geschlechterneutrale Formulierungen beim Lesen in Artikeln in Zeitungen oder Zeitschriften, im Internet oder in Apps als weniger oder gar nicht gut. Wenn in der Berichterstattung in den Medien innerhalb eines Wortes vor der weiblichen Endung eine kurze Pause gemacht wird, stört das sogar 69 Prozent der Befragten.

WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn ließ sich angesichts dieser Ergebnisse wie folgt zitieren: „Wenn wir feststellen, dass diese Sprechlücke abgelehnt wird, dann empfehlen wir auch, darauf zu verzichten.“ Derzeit verzichte man im Programm weitgehend auf den gesprochenen Gender-Gap. Einzelne Redaktionen könnten sich für die Nutzung entscheiden, wenn die Form beim Publikum eines speziellen Angebots überwiegend vertraut und gebräuchlich sei.

Ich hätte mir Toleranz und Reflexion gewünscht!

Genau diese pragmatische Offenheit hätte ich mir auch von der „Lage der Nation“ gewünscht. Wenn die Moderatoren in ihrem Podcast geschlechtergerechte Sprache einsetzen – bitteschön. Aber andere Medien ohne vorherige Recherche für ihren angeblich so naiven Umgang mit dem Gendern zu kritisieren, ihre Regelungen und Berichterstattung sogar als unwahr zu diffamieren, ist eben gerade nicht so tolerant und reflektierend, wie sich die Moderatoren selbst geben. Ein konstruktiver Umgang miteinander sieht anders aus – und das wollte ich an dieser Stelle einmal sagen.