Bilanz zum Weltkrebstag Folge von Corona: Höhere Krebssterblichkeit erwartet

Von Uwe Westdörp | 04.02.2022, 01:00 Uhr

Bittere Folge der Corona-Pandemie: Die Deutsche Krebshilfe erwartet, dass sich die eingeschränkte medizinische Versorgung schon bald in den Todesstatistiken niederschlagen wird.

Weil die Zahl der Krebsbehandlungen und Krebsoperationen in der Corona-Pandemie gesunken ist, erwartet die Deutsche Krebshilfe zum Jahreswechsel eine erhöhte Krebssterblichkeit. Der Vorstandsvorsitzende Gerd Nettekoven sagte unserer Redaktion: „Patienten mit Krebs stehen in der Pandemie oft hinten an. Wenn sich die Versorgung verschlechtert oder auch Diagnosen zu spät gestellt werden, schlägt sich das auch bei vielen Krebspatienten nieder, allerdings erst mit Verzögerung.“ Nettekoven geht nun davon aus, „dass sich die Folgen der Pandemie auf die Krebssterblichkeit ab Ende 2022 oder Anfang 2023 in den Todesstatistiken zeigen werden“.

Fünf Prozent weniger Krebsoperationen

Das Statistische Bundesamt hatte zuvor berichtet, die Zahl der stationären Krebsbehandlungen habe sich im ersten Corona-Jahr 2020 um sechs Prozent auf 1,45 Millionen verringert. Zugleich gab es fünf Prozent weniger Krebsoperationen, wie die Statistiker anlässlich des Weltkrebstages an diesem Freitag (4.2.) mitteilten.

Laut Nettekoven war auch die Krebsfrüherkennung insbesondere zu Beginn der Pandemie stark betroffen. „Beispielsweise wurde das Mammografie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs im April 2020 kurzzeitig gänzlich ausgesetzt, um Kontakte zu vermeiden.“

Auch im weiteren Verlauf der Pandemie sind Untersuchungen zur Früherkennung von Krebs nach Einschätzung von Nettekoven nur zurückhaltend wahrgenommen worden, aus Angst, sich in Kliniken oder Praxen mit dem Corona-Virus anzustecken. „Auch wollen viele Menschen das stark angespannte Gesundheitssystem nicht noch zusätzlich belasten und meiden deswegen den Klinik- oder Arztbesuch.“

Aufruf zur Krebsfrüherkennung

Starke Einschränkungen beobachtet die Krebshilfe nach den Worten des Vorstandsvorsitzenden weiterhin zudem in der Nachsorge. „Aktuell findet etwa jede fünfte Nachsorgeuntersuchung nicht statt.“

Nettekoven rief dazu auf, vorgesehene Früherkennungsuntersuchungen unbedingt wahrzunehmen. „Auch bei unklaren Symptomen sollte man keinesfalls warten, sondern den Arzt aufsuchen“, sagte er und versicherte: „Kliniken und Praxen treffen hohe Sicherheitsvorkehrungen und agieren sehr hygienebewusst.“

Rund 510.000 Menschen erhalten in Deutschland jährlich die Diagnose Krebs - das sind durchschnittlich 1400 Menschen pro Tag. Insgesamt ein Viertel aller Todesfälle hierzulande sind auf Krebs zurückzuführen. 2020 starben allein fast 44.800 Menschen an Lungenkrebs, rund 18.900 an Bauchspeicheldrüsenkrebs, fast 18.600 an Brustkrebs und knapp 15.700 an Dickdarmkrebs.

„Versorgungslücken schließen“

Der Weltkrebstag steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Versorgungslücken schließen“. Die Kampagne der Internationalen Vereinigung gegen Krebs (UICC) zielt darauf ab, für alle Menschen den gleichen Zugang zu Vorsorge und Behandlung zu schaffen

Auch in Deutschland gibt es laut Nettekoven Versorgungslücken: „Insbesondere in ländlichen Gebieten haben wir noch Defizite. Daten aus Krebsregistern zeigen beispielsweise, dass die Überlebensraten im Einzugsgebiet der großen Metropolen besser sind als im ländlichen Raum. Auch die psychoonkologische sowie die palliative Versorgung sind flächendeckend noch nicht gesichert.“

Zur Verbesserung der Situation setzt die Deutsche Krebshilfe unter anderem auf sogenannte Comprehensive Cancer Center. Nettekoven: „Diese Onkologischen Spitzenzentren haben mit unserer Förderung auch den Auftrag erhalten, eng mit umliegenden Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten zu kooperieren, damit auch diese Versorgungseinrichtungen von den wissenschaftlichen Entwicklungen und Erkenntnissen der Spitzenzentren unmittelbar profitieren.“ Nettekoven forderte, solche Kooperationen müssten unbedingt verstärkt werden

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