„Fehler 404 – nicht gefunden“ Anfeindungen junger Homosexueller in Russland

Von dpa | 11.08.2013, 18:16 Uhr

Von den Eltern verstoßen, von den Klassenkameraden verspottet und von Rechtsextremen verprügelt: Junge Homosexuelle in Russland treffen auf eine Mauer der Feindschaft. Es ist auch ihr Leid, das laute Rufe nach einem Boykott der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi auslöst.

Als Anastassija ihren Eltern erzählt, dass sie ein Mädchen liebt, kommt sie in die Psychiatrie. Wochenlang muss die 15-Jährige dort Tabletten nehmen, „damit Dein Gehirn wieder zurechtgerückt wird“, wie ihre Mutter meint. Als Iwans Mama herausfindet, dass er schwul ist, sagt sie: „Mein größter Wunsch ist, dass Du Aids bekommst und bald stirbst.“ Selbst in ihren Familien, so zeigen es diese Schilderungen junger Lesben und Schwuler, stoßen Homosexuelle in Russland auf Hass. Nun sammeln sich die ausgestoßenen Jugendlichen im Internet – als „Kinder 404“.

Der Name erinnert an den wohl bekanntesten Internetfehler: „404 – Seite nicht gefunden“. Jelena Klimowa hat das Projekt gegründet. „Unsere Gesellschaft denkt genauso: Dass es homosexuelle Jugendliche nicht gibt“, schreibt die Reporterin im sozialen Netzwerk VKontakte.

Umfragen zufolge stützt eine breite Mehrheit ein von Kremlchef Wladimir Putin unterzeichnetes Gesetz, das „zustimmende“ oder „positive“ Äußerungen über „nicht traditionelle sexuelle Orientierung“ im Beisein von Minderjährigen unter hohe Geldstrafen stellt. Das Gesetz gilt auch als Zugeständnis an die einflussreiche orthodoxe Kirche, eine Machtstütze Putins.

Im Ausland ist die Kritik dafür umso größer: Immer mehr Politiker fordern einen Boykott der Olympischen Winterspiele 2014 im russischen Schwarzmeerort Sotschi. Auch bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft derzeit in Moskau ist das Thema präsent.

„Vera geht in die Parallelklasse, wir sind seit mehr als einem Jahr zusammen“ – so beginnt der Brief einer 15-Jährigen an Klimowa. Seitenlang beklagt das Mädchen sein Leid als Lesbe in einem stramm konservativen Umfeld und berichtet von seinen Selbstmordabsichten. Daraufhin gründet die Journalistin die virtuelle Selbsthilfegruppe „Deti 404“ (Kinder 404) – und bekommt wäschekorbweise Post.

Fotos zeigen junge Gesichter, die sich auf Zetteln den Schriftzug „Kinder 404“ vor die Augen halten. „Uns gibt es!“, steht auf vielen Briefen. Es ist ein Aufschrei gegen die weit verbreitete Intoleranz. Selbst die Boulevardzeitung „Moskowski Komsomolez“ (MK) schreibt über „Die Kinder, die wir nicht kennen“ – ein Tabubruch.

Homosexuelle sind oft Freiwild im größten Land der Erde. In Wolgograd foltern Männer einen 23-Jährigen brutal zu Tode, nachdem er sich outet. Die zunehmende Zahl von Übergriffen sei Folge der homophoben Politik des Kreml, kritisiert der Schwulenaktivist Nikolai Alexejew. Bürgerrechtler beklagen, viele Russen setzten Homosexualität mit Pädophilie gleich.

Befürworter des Verbots von „Homo-Propaganda“ betonen stets, das Gesetz diene dem Kinderschutz. Doch Kommentatoren sehen darin vielmehr eine staatliche Kontrollwut über privateste Lebensbereiche. Das Gesetz mache Aufklärung über Aids unmöglich. So könnten Eltern aus Angst vor juristischen Konsequenzen Gespräche mit ihren Kindern über Homo-, Bi- und Transsexualität verweigern.

„Für die Lehrer ist es normal zu sagen, dass Homos in der Hölle brennen werden“, heißt es in einem Brief der „Kinder 404“. Im Internet hetzen Nationalisten: Auch sie haben eine Gruppe gegründet – die „Kinder 1488“, mit einem in Nazikreisen beliebten Zahlencode. „Jugendliche spielen im Internet Gestapo“, klagt die „MK“.

Doch es bleibt nicht bei Angriffen im Netz. Angestachelt von Rechtsextremen machen Jugendbanden Jagd auf gleichaltrige Schwule und Lesben. Unter Pseudonym verabreden sie sich mit ihren ahnungslosen Opfern, um sie vor laufender Kamera zu quälen. Die Videos laden sie im Internet hoch, wo Eltern und Klassenkameraden sie sehen.

„Manchmal möchte ich einfach laut schreien: „Nehmt mich doch so, wie ich bin!““, schreibt ein „404er“ an Klimowa. Doch die Zeit bis zum Coming-Out scheint dem 16-Jährigen noch fern. „Angst, Furcht und Einsamkeit sind meine täglichen Begleiter.“