Facebook-Post geht um die Welt Terror-Überlebende in Paris: „Stellte mich eine Stunde tot“

Von Meike Baars | 16.11.2015, 10:54 Uhr

Das Foto eines blutigen T-Shirts geht um die Welt: Isobel Bowdery (22) hat das Massaker im Bataclan überlebt. Eine Stunde lang stellte sie sich in dem Pariser Konzertsaal tot, während Terroristen in die Menschenmenge schossen. Ihre Worte sind dennoch ein Appell an die Liebe.

Isobel Bowdery dachte, es müsse ein Albtraum sein. Bewaffnete Menschen, die ohne zu zögern auf eine zusammengepferchte, wehrlose Menge schießen: „Das fühlte sich nicht real an“, schreibt die 22-jährige Studentin auf Facebook. Doch was sie erlebte, war kein böser Traum. Es gab kein Erwachen. Isobel Bowdery hat das Massaker in dem Pariser Musikclub Bataclan überlebt. Auf Facebook berichtet sie in einem emotionalen Post, was sie in den dunklen Stunden des Terrors fühlte – und warum sie noch immer an das Gute im Menschen glaubt. (Aktuelle Informationen im Newsticker: Was geschieht nach den Anschlägen von Paris?) 

Es sei ein normaler Freitagabend auf einem Rockkonzert gewesen, schreibt die 22-Jährige. Alle hätten getanzt und gelacht. Dann gab es die ersten Schüsse. Dutzende Menschen seien direkt vor ihren Augen getroffen worden, berichtet die junge Frau. Sie warf sich auf den Boden, der voller Blut war, und stellte sich tot – mehr als eine Stunde lang. „Ich hielt die Luft an, versuchte, mich nicht zu bewegen, nicht zu weinen, diesen Männern nicht die Furcht zu zeigen, die sie sehen wollten.“

Helden in der Konzerthalle

Isobel Bowdery kam mit dem Leben davon. Die brutalen Bilder aus dem Konzertsaal wird sie nie vergessen können, schreibt sie. Doch was sie in Erinnerung behalten wird, sind auch Szenen voller Liebe. Sie lauschte den letzten liebevollen Worten eines Paares. Helden habe sie erlebt, sagt die Studentin. Einen Mann, der ihren Kopf mit seinem Körper bedeckte, als sie ein Wimmern nicht mehr unterdrücken konnte. Polizisten, die Hunderte Menschen retteten. Fremde, die sie auf der Straße vor dem Club auflasen und eine gefühlte Ewigkeit trösteten, in der die Studentin dachte, auch sie habe ihren Freund verloren. (Anschlagszeugen bei Jauch: „Weg gepflastert von toten Körpern“) 

Eine Freundin brachte Isobel Bowdery ein neues T-Shirt, damit sie ihr blutbeflecktes Top nicht länger tragen musste. Ein Foto des weißen Oberteils mit den rot-verschmierten Flecken stellte die 22-Jährige zu ihrem Facebook-Post. Mehr als 2,5 Millionen Mal wurde ihr Beitrag geliked, mehr als 700.000 Nutzer teilten ihn – unter ihnen auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Gedanken an vertraute Menschen

In den Minuten, in denen die junge Frau davon ausging, es würden ihre letzten sein, dachte sie nicht an die „Schweine, die das Unheil verbrochen haben“, schreibt sie. „Als ich da lag, in dem Blut von Fremden, und darauf wartete, dass eine Kugel mein 22 Jahre junges Leben beenden würde, vergegenwärtigte ich mir die Gesichter der Menschen, die ich liebe, und flüsterte ‚Ich liebe dich‘. Immer und immer wieder.“ Ihre Gedanken galten der Hoffnung, dass ihre Familie weiter an das Gute in den Menschen glauben würde – egal was passiert. Die Attentäter und ihr Hass sollten nicht gewinnen, schreibt Isobel Bowdery. (Weiterlesen: Frankreich holt nach Terrorserie zum Gegenschlag aus) 

„Ihr werdet nie vergessen.“

„Letzte Nacht wurde das Leben vieler Menschen für immer verändert“, beendet die Studentin ihren Beitrag. Er schließt in einem Appell: „Jetzt ist es an uns, das Leben zu führen, von dem die unschuldigen Opfer dieser Tragödie träumten, aber das sie sich nicht erfüllen können. Ihr werdet nie vergessen.“