Experten befürchten Entwertung Was Einser im Abitur taugen

Von Anika Becker | 17.07.2014, 10:01 Uhr

Wenn keiner mehr eine Vier im Abitur hat und sich stattdessen die Einser-Durchschnitte häufen, was sagt das über die Schullandschaft aus? Dass die Schüler klüger werden? Ihre Ausbildung besser? Die Noten gerechter? Oder muss die Aussagekraft des Abiturs infrage gestellt werden? Experten streiten darüber.

Bei der Zeugnisübergabe können die Abiturienten dieser Tage jubeln, sie schneiden im Schnitt besser ab als der Jahrgang vor ihnen. Mit diesem Effekt stehen die Niedersachsen in guter Gesellschaft: Nur in Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sank die durchschnittliche Abiturnote innerhalb des erfassten Zeitraums. In den anderen Ländern zeichnet sich eine kontinuierliche Verbesserung ab. Und das, obwohl Lehrer, Hochschuldozenten und Unternehmer seit Jahrzenten über die schwindenden Fähigkeiten der Schüler klagen. Wie passt das zusammen?

„Der Trend zur Verbesserung ist schon da, man muss das aber differenziert betrachten und kann nicht pauschal von einer Noteninflation sprechen“, sagt Ulrich Kober, Leiter des Programms Integration und Bildung der Bertelsmann Stiftung. Im Gegenteil: Er findet es fatal, aufgrund von Quotenlisten das Leistungsniveau zu zerreden und hält diese Thesen für unbewiesen. Stattdessen argumentiert er mit einer besseren Planbarkeit durch das Zentralabitur für Schüler und Lehrer: Die zielgerichtete Vorbereitung führe zu besseren Noten.

Natürlich müsse man sich die Noten sehr genau ansehen, sagt auch Paul Wöste. Als stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums Leoninum Handrup im Emsland und Prüfungskomissionsvorsitzender habe er bereits mit seinen Abiturienten gesprochen: „Schüler, die jetzt sehr gut abgeschlossen haben, werden im Augenblick diskreditiert. Die Leistung des Einzelnen darf man nicht gering schätzen.“ In der aktuellen Debatte könne leicht der Eindruck entstehen, mit guten Noten werde geradezu um sich geworfen. Dem sei jedoch nicht so.

Er sagt aber auch: „Es fehlt den Schülern durch die Schulzeitverkürzung eine gewisse Erfahrung und Reife.“ Das wiederum mache sich an den Hochschulen bemerkbar, sagt zumindest Jürgen Hesselbach. Der Präsident der Technischen Universität Braunschweig und Vorsitzende der Landeshochschulkonferenz Niedersachsen trifft in Vorlesungen und Seminaren regelmäßig auf Neu-Abiturienten.

Er verweist auf jüngste Ergebnisse der Uni Potsdam, die bundesweit die Mathematik- und Physikkenntnisse beim Studieneingang getestet hat: „Die Ergebnisse sind katastrophal“, lautet Hesselbachs ernüchternde Bilanz. Er verwendet bewusst das Wort Noteninflation, um die Entwicklung zu beschreiben. Weil mehr hoch qualifizierte junge Leute in der Gesellschaft benötigt werden, beobachtet Hesselbach die Anpassung der Anforderungen an die Leistungen der Schüler. Dies habe die Noteninflation zur Folge.

„Jede Anhebung von Leistung ist ein Grund zur Freude“, sagt Roland Neßler, ehemaliger langjähriger Vorsitzender des Philologenverbands Niedersachsen. Aber er sagt auch klar, was er in den Jahren als Rektor eines Gymnasiums nahe Hannover beobachtet hat: „Wir geben in stärkerem Maße bessere Noten als früher. Die Noten verheißen vielfach nicht das, was sie versprechen.“ Abiturnoten würden Hochschulen und Arbeitgebern Leistung vorgaukeln.Spürbar werde dieser Umstand auch an der gestiegenen Zahl der Abiturienten mit der Note 1,0 . Die Statistik der KMK weist in Niedersachsen im Jahr 2002 bei 80 Schülern von 20535 eine 1,0 aus. Die Zahl der Einer-Abiturienten stieg in der Folge im Jahr 2012 auf 178 Schüler. Was einen Anteil von 0,41 Prozent im Vergleich zu 0,54 Prozent bedeutet. In manchen Schulen macht gar jeder vierte Schüler sein Abitur mit einer Eins.

Und an Hochschulen setzt sich dieser Trend fort.