Europa Nach Brexit: Washington sucht Ansprechpartner

Von John Dyer, John Dyer | 27.06.2016, 20:05 Uhr

Seit dem Zweiten Weltkrieg war London für Washington der wichtigste Ansprechpartner in Europa. Über den Partner in der „speziellen Beziehung“ konnten die USA auch auf die EU Einfluss nehmen. Es ist kein Ersatz in Sicht, auch nicht in Berlin.

Großbritanniens Entscheidung, sich von der Union auf dem „Kontinent“ zu trennen, wie Europa auf der Insel gern genannt wird, bereitet den Diplomaten in Washington Kopfzerbrechen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist zwischen den Regierungen dort und London eine Verbindung entstanden, die „special relationship“ oder die ganz „besonderen Beziehungen“.

Diese leiden doppelt: Zum einen, weil ein wirtschaftlich isoliertes Großbritannien nicht nur in Europa, sondern in der Welt weniger wichtig wird. Und zum anderen, weil den Amerikanern jetzt ihr Statthalter in der Europäischen Union verloren geht. Denn diese Rolle hatte London seit Jahren inne.

Weniger US-Einfluss in Europa

„In Zukunft werden wir nicht so viel Einfluss in Europa haben, wenn auf Putins Übergriffe, Irans Atomambitionen oder die Außen- und Sicherheitspolitik der EU reagiert werden muss. Und wir werden weniger in der Lage sein, diese USA-freundlich zu gestalten“, sagt Peter Westmacott. Bis Anfang des Jahres war er US-Botschafter in London.

Außenminister John Kerry machte am Sonntag in Rom, vor der Weiterreise nach Brüssel und London, klar, dass er nach Europa reise, um die Verbindungen mit den EU-Vertretern zu festigen. „Ich will hier hervorheben, wie wichtig die Beziehungen zu Europa, zur EU für die USA und die Welt sind“, sagte Kerry. „Ein Land hat eine Entscheidung getroffen. Offensichtlich ist es eine, die sich die Vereinigten Staaten anders herum gewünscht hätten.“

Beziehungen nicht mehr so speziell

Die USA und das Vereinigte Königreich sind eng miteinander verflochten. Die USA stellen Großbritannien wichtigen Nachschub und technische Hilfe zum Erhalt seiner Nuklearwaffen zur Verfügung. Gemeinsam mit Kanada, Australien und Neuseeland bilden diese englischsprachigen Länder das „Five Eyes“ genannte Netzwerk für Spionage und Austausch von Geheiminformationen. Und: das Versprechen, sich gegenseitig nicht zu bespitzeln.

Die engen Beziehungen werden sich nun verändern. Bei seinem Besuch in London im April, als er offen für das Verbleiben der Briten in der EU warb, sagte Präsident Barack Obama, bei einem Brexit wäre das Land außen vor beim Freihandelsabkommen TTIP mit der EU. Das könnte die „speziell“ mit den USA verbundenen Briten in eine schlechtere Handelsposition bringen, als die EU-Mitglieder Deutschland und Frankreich.

Berlin – ein sperriger Partner

Manche Außenpolitiker erwarten nach dem Brexit eine Annäherung zwischen Washington und Berlin sowie Paris. Für Nicolas Burns, der früher im US-Außenministerium tätig war, steht das fest. Heute sei die berühmte Frage von Henry Kissinger, wen er denn anrufen solle, wenn er „mit Europa“ sprechen wolle, längst geklärt. Burns: „Wir rufen im deutschen Bundeskanzleramt an.“

Die USA und Deutschland sind zwar Verbündete. Aber es gibt Differenzen. Und nicht nur, weil die USA in Deutschland alle Welt abgehört und sogar das Handy von Kanzlerin Angela Merkel angezapft haben. Berlin ist nicht bereit, ähnlich wie bisher London, seine Truppen auf US-Bitte weltweit einzusetzen. Und Deutschland setzt langfristig auf Zusammenarbeit mit Russland, seinem Haupt-Energielieferanten.

Prüfung in der Nato

Auch Frankreich zögert, die USA in militärische Abenteuer zu begleiten. Manchmal laufen Einsätze parallel, aber nicht koordiniert. Und die französische Wirtschaft ist nicht stark genug, um sich für Amerikas Interessen einzusetzen. Dasselbe gilt für Italien, Niederlande, Polen oder Spanien.

Eine wichtige Rolle können die Briten aus US-Sicht nur noch in der Nato spielen. Ex-Nato-Kommandeur James Stavridis, heute an der Tufts University, schrieb im Fachmagazin „Foreign Policy“, London müsse in der Nato beweisen, dass es die „besonderen Beziehungen“ noch wert sei.