Eskalationsgefahr Türkisch-russische Krise: Die Nato muss mäßigen

Meinung – Christian Schaudwet | 01.12.2015, 18:43 Uhr

Nach dem türkischen Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs über der syrisch-türkischen Grenze wird der Ton zwischen Moskau und Ankara täglich schärfer. Mit den Staatschefs Putin und Erdogan treffen zwei Persönlichkeiten aufeinander, die Betreuung brauchen, um ihren Konflikt beizulegen.

Recep Tayyip Erdogans Beteuerung, die Türkei kaufe Erdöl nur von legalen Anbietern, ist so wenig glaubwürdig wie Wladimir Putins Versicherung, der russische Bomber habe vor seinem Abschuss nicht türkischen Luftraum verletzt.

Die Präsidenten Russlands und der Türkei sind einander in mehrerlei Hinsicht ähnlich: Ihren Worten ist nicht zu trauen. Verdeckte Operationen, die ihren öffentlichen Äußerungen komplett zuwiderlaufen, sind für sie legitime Mittel. Ihre Politik ist überdurchschnittlich intransparent und entzieht sich demokratischer Kontrolle. Beide pflegen ein übersteigert chauvinistisch-nationalistisches Weltbild. Und sie müssen ebensolche Bedürfnisse bei ihren Anhängern befriedigen, um deren Gefolgschaft und damit ihre eigene Macht zu sichern.

Erdogan und Putin vereinen trotzige, bisweilen kindische Sturheit mit skrupellosem Pragmatismus. Militärische Drohgebärden zwischen diesen beiden Männern sind brandgefährlich.

Zu leicht können sie zu Schlimmerem eskalieren – besonders dann, wenn Erdogan die Nato in einen Schlagabtausch hineinzieht.

Diese hat jetzt eine großartige Gelegenheit, sich nützlich zu machen: nicht mit scharfen Worten und Machtdemonstrationen wie im Ukraine-Konflikt, sondern durch mäßigenden Einfluss auf ihr Mitglied Türkei und besonnene Moderation mit Russland.