Digitalisierung Industrie 4.0: Und wo bleibt der Mensch?

Von Uwe Westdörp | 27.02.2016, 06:00 Uhr

Und wo bleibt der Mensch? Werden immer intelligentere und besser vernetzte Roboter ihn verdrängen? Die Digitalisierung der industriellen Produktion und der Dienstleistungen wirft eine Fülle von Fragen auf. Zahlreiche Jobs werden entfallen, zugleich aber auch viele neue entstehen. Arbeitgeber und Gewerkschaften in Deutschland sehen mehr Chancen als Risiken.

Es geht um einen historischen Wandel. Für die industrielle Fabrikarbeit haben Experten das Schlagwort Industrie 4.0 ge- prägt („vierte industrielle Revolution“). Demnach folgt auf die Mechanisierung (Dampfmaschine), Industrialisierung (Fließband) und Automatisierung (Roboter) nun die digitale Vernetzung der Produktion. Soll heißen: Mensch, Maschine und Produkt kommunizieren entlang der Wertschöpfungskette in Echtzeit über das Internet miteinander.

Experten der Hans-Böckler-Stiftung erklären es so: „Das Produkt trägt in einem Speicher die individuellen Wünsche des Kunden mit sich. Der Auftrag soll sich so selbstständig steuern: Er bucht Kapazitäten bei verschiedenen Maschinen, ordert die notwendigen Teile und Rohstoffe und meldet Verzögerungen an den Kunden.“

McKinsey nennt Zahlen

„Maschinen und Softwareprogramme werden vor allem Routinetätigkeiten übernehmen“, prophezeit Henning Kagermann, langjähriger Chef des Software-Konzerns SAP und Präsident der Acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Betroffen sein werden laut Kagermann zum Beispiel Disponenten. Diese würden kaum mehr gebraucht, wenn sich Computerprogramme automatisch darüber austauschen, wann die Spedition eine Fracht vom Hafen in die Fabrik bringen soll. „In Bereichen wie Logistik oder Verwaltung werden deutlich weniger Menschen arbeiten.“

McKinsey nennt Zahlen. Durch fortschreitende Digitalisierung stehe in der westeuropäischen Versicherungswirtschaft in den nächsten zehn Jahren jeder vierte Arbeitsplatz auf der Kippe, heißt es in einer Studie der Unternehmensberatung. In der Schadensabwicklung könnten demnach sogar 30 Prozent der Vollzeitstellen entfallen. Allein in Deutschland arbeiten mehr als eine halbe Million Menschen bei Versicherungen. Unterm Strich könnte also Zehntausende von Jobs überflüssig werden.

Fachleute warnen vor Panik

Fachleute warnen dennoch vor Panik. So erinnerte Kagermann unlängst in der „Süddeutschen Zeitung“ daran, dass die Automatisierung zu ihrem Beginn den 1980er-Jahren als großer Jobkiller gegolten habe. Trotzdem gebe es in Deutschland heute mehr Beschäftigte als damals. Auch „Industrie 4.0“ kann nach Ansicht des Wissenschaftlers so große Impulse bringen, dass Arbeitsplatzverluste überkompensiert werden. In vielen Berufen würden die Menschen künftig mehr Zeit für anspruchsvollere Aufgaben haben. „Wenn Softwareprogramme zum Beispiel Verwaltungsaufgaben von Ärzten und Pflegern erledigen, haben diese mehr Zeit für Patientengespräche.“

Auch für Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer überwiegen die Chancen. „Jede industrielle Revolution, angefangen mit der ersten Dampfmaschine, hat am Anfang zum Wegfall ganz spezieller Arbeitsplätze geführt. In anderen Bereichen gab es aber schon wenig später stets sehr viele neue Arbeitsstellen, sodass die Jobbilanz unterm Strich überaus positiv war“, so Kramer gegenüber t unserer Redaktion.

Arbeitgeber optimistisch

Auch im Dienstleistungssektor hat es nach den Worten von Kramer positive Entwicklungen gegeben. So habe die Digitalisierung dazu geführt, „dass wir heute deutlich mehr Büroarbeitsplätze haben als vorher, weil jetzt Dienstleistungen möglich sind, die es vorher gar nicht gab“.

Und wie geht es weiter? Kramer ist optimistisch. „Es wird sehr viele Produkte geben, die preiswerter werden, und neue Produkte, die wir uns im Moment gar nicht vorstellen können. Denken Sie einmal 30 Jahre zurück. Da hat auch noch niemand eine Vorstellung von einem Smartphone gehabt.“

DGB-Chef Reiner Hoffmann sieht Licht und Schatten. „Die Digitalisierung bietet neue Chancen für mehr gute Arbeit, beinhaltet allerdings auch ein hohes Gefährdungspotenzial. Das gilt insbesondere für Routinejobs.“ Im Gespräch mit unserer Redaktion warnt Hoffmann vor zu großer Euphorie: „Nicht alles, was technologisch machbar ist, ist betriebswirtschaftlich sinnvoll oder gesellschaftlich gewünscht, zum Beispiel Pflege-Roboter. Das wird die Entwicklung beeinflussen.“

Eine besondere Herausforderung sieht Hoffmann im Schattenarbeitsmarkt über Internet-Plattformen. Insbesondere im Dienstleistungsbereich entstünden derzeit neue und sehr kritikwürdige Strukturen, kritisiert der DGB-Chef. Er fordert Regeln für neue Arbeitsformen wie Crowdworking, „um Wettbewerbsverzerrungen durch Lohn- und Sozialdumping, Scheinselbstständigkeit oder Steuerflucht zu vermeiden“. Bei Crowdworking werden Arbeitsaufträge im Internet angeboten und vollständig über das Netz abgewickelt. Jede Arbeit, die am Computer erledigt werden kann, kommt dafür infrage.

DGB fordert mehr Mitbestimmung“

Und was tun die Gewerkschaften, um Beschäftigung und Einkommen zu sichern? Hoffmann betont, eine erfolgreiche digitale Transformation der Unternehmen sei nur gemeinsam mit den Beschäftigten möglich. „Deshalb setzen wir auf eine Strategie mit mehr Beteiligung und Mitbestimmung, Qualifizierung und nicht zuletzt Datensicherheit für Betriebe sowie ausreichenden Datenschutz für Beschäftigte.“

Menschenleere Fabriken wird es nach Einschätzung des DGB-Chefs nicht geben. Die Gewerkschaften haben nach den Worten von Hoffmann klare Vorstellungen: „Unser Leitbild ist die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine, bei dem Roboter oder Software die Menschen in der Arbeit unterstützen. Der Mensch, nicht die Technik, muss im Mittelpunkt stehen. Dafür brauchen wir allerdings eine breite Qualifizierungsoffensive.“

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