Der Sommer 2001 war eine Übergangsphase mit noch unbekanntem Ziel Verschwommene Zeit

02.09.2011, 17:10 Uhr

Wie war das Leben eigentlich, als wir noch keine Angst hatten vor einer tödlichen Hass-Spirale zwischen den Kulturen?

Sommer 2001: Es gibt erst vier Harry-Potter-Bücher, sie stehen alle auf der Spiegel-Bestsellerliste (ganz oben steht allerdings Kommissar Wallander). „Harry Potter und der Feuerkelch“ kostet 44 Mark. Robbie Williams ist mit „Eternity“ in den Charts, aber der Sommerhit ist „Crying at the Discoteque“ von Alcazar. Kanzler Gerhard Schröder kämpft mit Popularitätsverlust. Und der „Spiegel“ berichtet von einem gewissen Ussama Ibn Ladin.

Die USA suchten ihn als „Chefterroristen“, heißt es da. Sie wollten mit den Taliban in Afghanistan über Ibn Ladins Auslieferung verhandeln und schickten eine Staatssekretärin ins Rennen, eine „Undersecretary for Global Affairs“. „Ich rede doch nicht mit Sekretärinnen“, soll Mullah Mohammed Omar gesagt haben. Eine kleine Meldung nur, neben der über die bevorstehende Hochzeit von Mette Marit und Kronprinz Haakon in Norwegen. Wenige Wochen vor dem 11. September.

Und noch ein Afghanistan-Thema schafft es in die Nachrichten: Christen sollen in dem Land missioniert haben, anstatt nur Entwicklungshilfe zu leisten. Acht ausländische Mitarbeiter der Organisation Shelter Now stehen in Kabul vor Gericht, ihnen droht die Todesstrafe. Nachrichten aus einer fremden, fernen, unheimlichen Welt. Gibt es Grund für die Deutschen, sich vor dieser Welt zu fürchten? Nein, denn sie ist nicht greifbar.

Anders als die Arbeitslosenzahlen – die sind im Sommer 2001 immer noch sehr hoch. Woran liegt’s: an Altlasten aus 16 Jahren Kohl-Regierung? Oder an den Sparmaßnahmen von Kanzler Schröder? Eine Emnid-Umfrage findet heraus: Ein Drittel der Deutschen gibt Kohl die Schuld, etwas weniger Schröder, der Rest weiß es nicht so recht. Uneiniges Land, aber fast 3,8 Millionen Arbeitslose: Was wird Schröder tun? Er wird viele von ihnen zu Hartz-IV-Empfängern machen, aber das weiß noch niemand. Hartz IV ist noch nicht erfunden.

Sommer 2001, das ist auch der G-8-Gipfel von Genua. Straßenkämpfe zwischen Globalisierungsgegnern und der italienischen Polizei – der Demonstrant Carlo Giuliani wird von einem Polizisten erschossen. Die Globalisierungskritik wabert als diffuse Angst auch durch das Leben vieler, die nicht demonstrieren gehen: Es ist eine Angst davor, dass langsam alles außer Kontrolle gerät, dass das Leben immer größer, schneller und unübersichtlicher wird – bis die Menschen auf der Strecke bleiben.

Angst vor Terroristen, die dem Koran Tötungsaufträge entnehmen? Nein. Warum auch? Es ist zwar bekannt, dass die USA und Israel in der arabischen Welt ihre Feinde haben, aber diesem Problem können die Deutschen als Zaungäste unbehelligt zusehen.

Im Sommer 2001 hat eine Zukunft, die den Menschen lange so weit weg schien, gerade erst begonnen. Die Zukunft mit der „2“ am Anfang der Jahreszahl. 21. Jahrhundert: Das hat immer nach Science Fiction geklungen, aber jetzt ist es tatsächlich da. Man kann sich über die Angst vor dem sogenannten Y2K-Problem lustig machen: Die Erinnerung an die Sorge ist noch frisch, dass die Weltam 1. Januar 2000 zurück-fällt in die Steinzeit, weildie Computer an der Jahreszahl zugrunde gehen würden.

Ohne Computer ist die Welt nichts mehr: Das haben manche erst kurz vor der Jahrtausendwende begriffen. Denn wer Mitte der 1990er-Jahre anfing zu studieren, konnte das problemlos noch ohne Internet, E-Mail-Adresse und gar ohne Computer tun. Die Zeitenwende lag irgendwo zwischen dem Ende des 20. und dem Beginn des 21. Jahrhunderts.

Computer also und Internet sind nun vor allem für junge Menschen Normalität. Aber Smartphones sind 2001 ferne Zukunft. Niemand fragt, wo er geht und steht, eben kurz Google nach Antworten. Niemand schickt seine Gedanken über Twitter in die Welt hinaus. Und niemand hat 590 Freunde auf Facebook. 2001 ist Übergangszeit – aber das Ziel ist noch unklar.

Das alte Jahrhundert hatte erst zum Ende hin die Spätfolgen des Zweiten Weltkrieges überwunden. Als wollte es noch etwas vollenden, bevor es sich verabschiedete. Jetzt kann sich immer noch niemand vorstellen, dass es jemals wieder einen Konflikt gibt, der die Welt so spalten würde wie der zwischen Ost und West. Auch, wenn im Jahr 2001 selbst den optimistischsten Menschen klar geworden ist, dass mit dem Ende des Kalten Krieges noch längst nicht alles gut wurde.

Die Wiedervereinigung knirscht und hakt, die Grenze in den Köpfen der Deutschen ist noch da, und der ehemalige Ostblock ist in unübersichtlich viele Länder mit Konfliktpotenzial zerfallen. Das ehemalige Jugoslawien ist schon zertrümmert. Tschetschenien wird zerrieben zwischen Russland und islamischen Separatisten. Auch das ist weit weg.

Der Blick auf die Welt ist seltsam verschwommen in dieser Zeit. Die berüchtigte Zukunft hat begonnen, aber sie zeigt noch nicht ihr ganzes Gesicht. Zwischendurch war mal eben die Dot.com-Blase geplatzt. Reich werden im Internet mit null Produktionsmitteln – für ein Minütchen der Menschheitsgeschichte möglich, nun vorerst passé: Für die meisten Menschen ist das rätselhaft. Im Rückblick kann es einem so vorkommen, als hätte die Welt auf etwas gewartet. Auf etwas, das ihr sagt, was jetzt ihre Ordnung sein soll.

Im Kino läuft 2001 Märchenhaftes. Der erste Harry Potter wird aufgeregt erwartet, Herr der Ringe auch, Shrek ist schon da und: Amélie. Geschichten, in denen das Gute siegt, und eine, die von Realitätsflucht erzählt. Die Menschen fliehen im Kino in Amélies fabelhafte Welt und zwischen Buchdeckeln in die von Harry Potter. Sie wollen die Zeichen nicht sehen, und dafür besteht ja auch keine Notwendigkeit. Bis zum 11. September. Dann wird unübersehbar werden, dass die Welt ein neues, großes Problem hat.