Dabei wollte Merkel es schlicht – Alle feiern die Kanzlerin

Von Beate Tenfelde | 17.07.2014, 19:23 Uhr

Hundertfaches Händeschütteln, spontane „Happy-Birthday“-Hymnen und schon um Mitternacht erste Glückwünsche der EU-Staats- und Regierungschefs: So bescheiden wie gewünscht verlief der 60. Geburtstag von Angela Merkel dann doch nicht.

Alle feierten die Kanzlerin, die Emotionen gar nicht schätzt. Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann betitelte Merkel auf Twitter sogar als „unsere Fußball-Bundeskanzlerin“. Tatsächlich bekundet die Kanzlerin nirgendwo so offen Leidenschaft wie beim Fußball.

Nur Vorvorgänger Helmut Kohl kann einen feinen Nadelstich gegen Merkel nicht lassen. „Wenn Sie heute zurückblicken, können Sie dies in der Gewissheit tun, die Gelegenheiten genutzt zu haben, die sich Ihnen in Ihrem wechselvollen Leben boten“, schrieb Kohl in seinem Glückwunsch via „Bild“.

Er kann offenbar nicht vergessen, dass 1999 Merkel als CDU-Generalsekretärin die Loslösung der Partei von Kohl und damit eine Erneuerung vorangetrieben hat.Gestärkt und zupackend übernahm sie im Jahr 2000 den CDU-Vorsitz und 2005 das Kanzleramt. Nach ihrer zweiten Wiederwahl im letzten September, bei der sie die absolute Mehrheit knapp verpasste, steht Merkel in einer Reihe mit Konrad Adenauer, dem ersten und viel bewunderten Kanzler der Bundesrepublik.

Kurz nach der Wiedervereinigung 1990 war Kohl der politische Ziehvater der unerfahrenen und scheuen Physikerin aus der DDR, die durch Schlabberpullis und geblümte Röcke auffiel. Kohls „Mädchen“ wurde sie genannt. Heute gilt Angela Merkel vielen als Physikerin der Macht – eine Wissenschaftlerin, für die Politik eine Versuchsanordnung ist. Visionen haben in dieser rationalen Welt keinen Platz. Für andere ist Merkel die mächtigste Frau der Welt. Sie halten sie für die Königin des Kontinents Europa – und dessen Finanzchefin.

Tatsächlich hat die 60-Jährige sich bei der Euro-Rettung als Krisenkanzlerin weltweit profiliert. Sie hat das Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit und striktem Schuldenstopp in den Mittelpunkt ihres Handelns gestellt. Die Folge: Merkel ist beliebt wie selten ein Vorgänger vor ihr.

Was ist ihr Geheimnis? Sie weckt Vertrauen durch Normalität, uneitlen Auftritt und eine Sparsamkeit, die sie selbst einmal mit der einer schwäbischen Hausfrau verglichen hat. Fakt ist: Das 41,5-Prozent-Ergebnis für die Union bei der Bundestagswahl am 22. September geht auf ihr Konto. Das Wahlprogramm der Union war mit einem Wort zu fassen: Merkel.

Was soll nun noch kommen? Die ostdeutsche Pastorentochter, die erst mit 35 Jahren in die Politik fand und die männerdominierte, rheinisch-katholisch geprägte CDU umkrempelte, gab immer wieder Anlass zu Spekulationen. Will Merkel UN-Generalsekretärin werden, oder will sie einen hohen EU-Posten? Der 60. Geburtstag befeuerte Spekulationen. Die Kanzlerin und CDU-Chefin schweigt. Und ihre Partei verdrängt beunruhigende Nachfolge-Debatten.

„Wenn sie nicht mehr Bundeskanzlerin ist, dann wird die CDU am Boden liegen. Und das werfe ich ihr vor.“ So hadern die Kritiker in der Union. Andere sehen Zeichen, dass Merkel über 2017, das nächste Wahljahr, hinausdenkt. Mit der Benennung von Ursula von der Leyen zur Verteidigungsministerin lasse sie zu, dass sich eine Nachfolgerin profiliert. Allerdings ist von der Leyen in Teilen der Partei unbeliebt.

Bisher haftet der Regierungschefin der Ruch an, nicht nur den politischen Gegner zu „zerschreddern“ (die große Angst der SPD), sondern auch parteiinterne Konkurrenten wegzubeißen. Tatsächlich kann sie eiskalt handeln, wenn es um Machtsicherung geht – wie die Entlassung von Unionsminister Norbert Röttgen gezeigt hat.

um Geburtstag wünschte sich Merkel einen Vortrag des Historikers Jürgen Osterhammel über „Zeithorizonte der Geschichte“. Gestern Abend lauschte sie gebannt dessen Ausführungen. Dabei kann sie, so berichtet CSU-Weggefährte Michael Glos, auch sehr witzig sein. „Wenn sie im kleinen Kreis Politiker imitiert, erreicht sie locker die kabarettistische Qualität eines Dieter Hildebrandt. Und hinterher kann sie wie ein Teenager vor Vergnügen kichern“, schildert Glos eine unbekannte Kanzlerin.