Kommentar zur Bundestagswahl 2021 Veränderung? Bedingt. Versöhnung ist wichtiger.

Von Ralf Geisenhanslüke | 26.09.2021, 22:33 Uhr

Deutschland hat Veränderung gewählt, aber nicht um jeden Preis. Die Hälfte der 60 Millionen Wahlberechtigten hat ihre Stimme den traditionellen Volksparteien Union und SPD gegeben, merkt NOZ-Chefredakteur Ralf Geisenhanslüke an.

Das Ergebnis der Bundestagswahl ist ein Zeichen, dass viele Bürger den bisherigen Regierungsparteien doch noch einiges zutrauen. Aber es ist auch ein verantwortungsreicher Auftrag an Armin Laschet mit der CDU/CSU und Olaf Scholz mit der SPD, im Sinne einer guten Zukunft eine Regierung zu gestalten. Jeder sollte für sich die Möglichkeiten ausloten am besten allerdings ohne den jeweils anderen.

Neujahrsansprache noch von Merkel?

Der Scherz, dass Angela Merkel noch einmal die Neujahrsansprache halten wird, kann daher zur Realität mutieren: Denn auf jeden Fall werden äußerst schwierige und langwierige Koalitionsgespräche geführt werden. Ausgang – offen.

Im gefühlten Ergebnis haben die Sozialdemokraten trotz schlechter Regierungsarbeit in den letzten Monaten deutlich zugelegt, die Union ist dafür und mit einem nicht überzeugenden Kandidaten abgestraft worden.

Für die CDU ist es trotz des kleinen Endspurts in der Gesamtbetrachtung ein katastrophales Ergebnis, ein historisches Tief mit einem stark angezählten Parteichef. Ob Kanzleramt oder Oppositionsbank – die Union muss an ihrer Erneuerung in der Nach-Merkel-Ära intensiv arbeiten.

Der grüne Traum von der Kanzlerin Annalena Baerbock ist geplatzt, Euphorie politischer Nüchternheit gewichen. Dennoch: Für die Grünen ist es ein Erfolg, dass sie in fast allen realistischen Koalitionsmodellen eine wichtige Rolle spielen. Sie werden bestimmt ihre Kernthemen in eine neue Regierung einbringen können.

Christian Lindner hat es mit seiner FDP in geringerem Ausmaß geschafft, eine Lücke in der Mitte der Gesellschaft mit liberaler, wirtschaftsorientierter Politik zu füllen.

Risse kitten

Die Wahlkampf-Rhetorik muss ab heute Abend weichen und durch verlässliche Politik ersetzt werden. Klimaschutz, Bildung, Digitales und wirtschaftliche Stabilität nach der Corona-Krise werden die dringendsten Themen sein, die eine neue Koalition unverzüglich angehen muss.

Über allem steht aber das Einen und Versöhnen der Menschen in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Strömungen. Risse müssen gekittet werden.