Berichte über Straftaten Täter: „Südländer“! – Presserat diskutiert Diskriminierungsrichtlinie

Von Jörg Sanders | 26.01.2016, 14:19 Uhr

Der Deutsche Presserat will sich am 9. März mit der Richtlinie 12 seines Pressekodex‘ beschäftigen. Sie besagt, dass die Nationalität in der Berichterstattung über Straftaten nicht zu nennen ist, sofern sie mit der Tat nichts zu tun hat.

Exakt heißt es in der Richtline 12.1:

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.

Sachbezug bedeutet: Klaut ein Niederländer einem Discobesucher das Smartphone, so ist die Nationalität irrelevant – und darf dem Pressekodex zufolge von Medien nicht genannt werden. Anders verhält es sich bei sogenannten Ehrenmorden, bei den der kulturelle Hintergrund für die Tat relevant ist. Mit der Richtlinie sollen Medien Vorurteile gegenüber (ethnischen) Minderheiten nicht unnötig schüren.

Ziffer 12 polarisiert schon lange

Nicht erst seit den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht ist diese Richtlinie in der Kritik. Medien werden zur „Lügenpresse“, wenn sie die Nationalität eines mutmaßlichen Straftäters nicht nennen, selbst wenn diese für die Tat irrelevant ist. „Die Ziffer 12 polarisiert schon lange“, sagte Edda Eick, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Presserat, unserer Redaktion. Zwar habe der Paragraf seine Berechtigung, dennoch werde sich der Verein am 9. März „ergebnisoffen“ mit ihm beschäftigen. Da sei unabhängig von der Kölner Ereignissen geplant gewesen, sagte Eick.

Lesen Sie hier, warum die Herkunft bei Straftaten in der Berichterstattung in der Regel nichts zu suchen hat

Auch im laufenden Jahr verzeichnete der Presserat viele Beschwerden wegen der Ziffer 12. Die Medienberichte über die Ereignisse der Kölner Silvesternacht dominieren. Bislang seien es etwa 25 gewesen, sagte Eick. Kritik gebe es sowohl für die Nennung der Nationalitäten der mutmaßlichen Täter wie auch für das Nicht-Erwähnen. Einige Beschwerden richteten sich gegen das Titelbild des „Focus“-Magazins vom 8. Januar, das eine nackte, weiße Frau mit zahlreichen schwarzen Händeabdrücken auf ihrer Haut gezeigt hatte.

2350 Beschwerden – 35 Rügen

Indes verzeichnete der Deutsche Presserat im vergangenen Jahr mit 2350 Beschwerden einen Rekord. „Das zeigt, dass die Leser einen Wunsch nach Qualität haben“, sagt Eick. Dass der Presserat in lediglich 35 Fällen eine Rüge aussprach, zeige aber auch, „dass die Presse nicht schlecht berichtet“.

Die Zunahme der Beschwerden führt der Presserat auf die Online-Berichterstattung zurück. Seit 2009 ist der Verein auch dafür zuständig.

430 Beschwerden gingen im vergangenen Jahr allein zur Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine – so viele wie nie zuvor zu einem Themenkomplex. Der Copilot einer Germanwings-Maschine hatte das Flugzeug absichtlich in Frankreich zum Absturz gebracht. Die Identifikation samt Namen und Foto des Piloten sowie die Veröffentlichung von Fotos der Opfer waren die Gründe der Beschwerden. Der Presserat urteilte: Die Namensnennung sowie das Abbilden des Fotos waren legitim, das Zeigen der Opfer hingegen nicht.

Schockierende Fotos toter Flüchtlinge

19 Beschwerden erhielt der Presserat wegen der Veröffentlichung von Fotos des ertrunkenen Aylan, einem dreijährigen Jungen, der mit seinen syrischen Eltern auf der Flucht nach Europa gewesen war. Das Foto des toten Jungen an einem Strand in der Türkei schockierte die Welt. Obgleich das Abbilden von Toten in der Regel nicht legitim ist, urteilte der Presserat in diesem Fall anders. Das Foto sei ein Dokument der Zeitgeschichte, es sei weder unangemessen sensationell noch entwürdigend. Vielmehr stehe es symbolisch für Leid und Gefahren der Flüchtlinge auf ihrem gefährlichen Weg nach Europa. Da der Junge nicht direkt zu erkennen war, seien Persönlichkeitsrechte nicht verletzt worden.Über „Bild online“ beschwerten sich viele, weil sie die 71 toten Flüchtlinge gezeigt hatte, die qualvoll in einem Schleuser-Lkw erstickt waren.

Nicht zuletzt störten sich viele Beschwerdeführer an der Berichterstattung über die Terroranschläge von Paris. 75 Beschwerden verzeichnete der Presserat bis zum 19. November. Davon richteten sich allein 60 gegen Fotos, die die Opfer in der Halle Bataclan zeigten. Dort erschossen IS-Terroristen 90 Menschen.

21 Rügen in 2014

2014 hatte der Presserat 2009 Beschwerden erhalten. In etwa 90 Prozent der Fälle beschwerten sich Privatpersonen bei dem Verein. Ansonsten waren es Vereine, Parteien und Firmen. 21 Rügen sprach der Presserat 2014 aus.

Die vollständige Statistik des Presserats für das Jahr 2015 veröffentlicht der Verein voraussichtlich Ende dieses Monats.