Bedford-Strohm: Gläubige bedroht EKD befürchtet Verschwinden aller Christen in Nahost

Von Christof Haverkamp | 04.04.2015, 09:25 Uhr

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) befürchtet, dass im Nahen Osten bald keine Christen mehr leben werden. Im Interview mit unserer Redaktion sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm, diese Gefahr sei „sehr real“.

Im Interview äußert sich Bedford-Strohm auch zu Karfreitag und Ostern, zu Facebook und Twitter, zum Tod und zur Sterbehilfe.

Herr Bedford-Strohm, folgt man Umfragen, wissen immer weniger Menschen, was Ostern bedeutet. Wie wollen Sie gegensteuern?

Das Thema von Karfreitag und Ostern hat im Herzen der Menschen große Bedeutung. Wir müssen nur die Verbindung unserer Erfahrungen heute zu Jesu Leben deutlich machen.  An Karfreitag gedenken wir des Leidens Jesu. Er ist am Kreuz gestorben mit dem Schrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Diese Gottverlassenheit erleben viele Menschen – zum Beispiel Opfer von Gewalt, die verzweifelt sind. Wir Christen glauben, dass die Gewalt nicht das letzte Wort ist und feiern an Ostern Auferstehung. Wer sie in sein Herz lässt, der weiß: Trotz Leid und Gewalt gibt es Hoffnung. Ich glaube schon, dass diese Botschaft die Menschen erreichen kann.

Sie wollen den vielen Kirchenaustritten mit geistlicher Erneuerung begegnen. Wie soll das konkret geschehen?

Wir müssen künftig noch deutlicher machen, wie aktuell die Botschaft des Christentums ist. Das lässt sich anhand von ganz einfachen Beispielen sehr schön zeigen. Etwa daran, was es heißt, dankbar zu leben. Es ist ein erfüllteres Leben, wenn wir die uns geschenkten Dinge nicht als selbstverständlich nehmen und deren Wert nicht erst dann erkennen, wenn wir sie verloren haben. Ein anderes Beispiel: vergeben zu lernen und sich vergeben zu lassen, ist zentral ist für das Leben. Es spielt eine wichtige Rolle in Ehekonflikten, in Konflikten mit Freunden, auch am Arbeitsplatz. Viel Leid wird verursacht, weil wir nicht vergeben können oder keine Vergebung erfahren können. Ein letztes Beispiel: Macht euch nicht immer Sorgen um die Zukunft, sondern lernt in der Gegenwart zu leben. All das macht ein erfülltes Leben aus, ist aber keineswegs eine Erfindung moderner Glücksforschung, sondern findet sich in anderen Worten schon in der Bibel.

Lassen sich Facebook und Twitter für die Seelsorge nutzen?

Die sozialen Netzwerke sind wichtig für uns als Kirche, denn viele Menschen verbringen darin wie auch im herkömmlichen Internet viel Zeit ihres Lebens. Ich möchte, dass wir Kirchen als Gesprächspartner dabei sind. Unser Auftrag und unsere Botschaft hat ganz viel mit Kommunikation zu tun. Wir wollen diese wunderbare Botschaft von Gottes Liebe für die Menschen ja weitererzählen. Das geht auch in den sozialen Netzwerken. Ich habe seit Beginn meiner Bischofszeit eine öffentliche Facebook-Seite und erzähle von all den segensreichen Dingen, die ich als Bischof kennenlerne. Und mir ist es wichtig, zu erfahren, was Menschen über die Dinge, die wir als Kirche machen, denken. Ich nehme immer wieder Gedanken aus Debatten in den Facebookeinträgen mit in meine Beratungen in der Kirchenleitung.

Die Menschen werden immer älter. Wie geht die EKD damit um?

Wichtig ist vor allem, dass wir das Alter als Lebensphase entdecken, in der viel Potenzial steckt. Die Sicht auf das Alter ist zu sehr am Defizit orientiert. Die meisten Leute denken dabei ans Krankwerden. Das ist aber nur eine Seite des Älterwerdens. Es gibt aber auch anderes: So bringen Menschen im Alter etwa vieles mit, was für die Gesellschaft noch fruchtbarer gemacht werden kann.

Gelegentlich wird beklagt, das Sterben werde aus dem Alltag verdrängt. Wie lässt sich das ändern?

In einer Kinder-Uni-Vorlesung in Bamberg zum Thema „Ist Sterben wirklich so schlimm?“ habe ich einmal die Kinder gefragt, wie viele von ihnen schon einmal eine Leiche gesehen haben. Nur zwei von 150 haben sich gemeldet: Der eine hatte eine Moorleiche im Museum gesehen und der zweite kam aus Kasachstan. Das hat mir noch mal deutlich gemacht, dass der Tod aus dem Alltag verschwunden ist. Gleichzeitig hat der Tod aber für jeden Relevanz. Deswegen ist es wichtig, dass wir die Angst davor verlieren und Mut machen, das Sterben anzunehmen und die Endlichkeit unseres Lebens zu sehen. Ich habe nie verstanden, warum sich Menschen die schönsten Dinge erst in Beerdigungsreden sagen.

Der Bundestag stimmt in diesem Jahr über ein Gesetz zur Sterbehilfe ab. Können die Kirchen ihre Position durchsetzen?

Was wir in der Debatte zu sagen haben, wird sehr deutlich gehört. Das eine ist: Welche Bedingungen ermöglichen es, dass Menschen auch in schwierigen Situationen in Würde sterben können? Dazu braucht es eine nachhaltige, massive Verbesserung der Betreuung und Begleitung am Lebensende durch moderne Schmerzmedizin und gute Pflege. Das Zweite ist, dass wir deutlich sagen: Die organisierte und kommerzielle  Sterbehilfe muss verboten werden. Es ist die falsche Botschaft, dass Menschen öffentlich dafür werben, dass sie alle Mittel zur Verfügung stellen, damit sich Menschen umbringen können. Auch der assistierte Suizid ist der falsche Weg. Wenn es Situationen am Lebensende gibt, wo sich Ärzte und Angehörige in einem Dilemma befinden, muss das Gewissen leitend sein. Dazu braucht es keine neuen Gesetze.

Manche Menschen haben sich mit Verweis auf die Selbstbestimmung getötet oder töten lassen.

Selbstbestimmung kann man nicht auf die Frage nach gesetzlichen Rahmenbedingungen reduzieren, die eine Selbsttötung möglichst leicht machen. Das wäre eine völlige Verarmung des Begriffs. Schon jetzt können ja Menschen selbstbestimmt am Lebensende sein, wenn sie durch Patientenverfügungen sicherstellen, dass lebensverlängernde Maßnahmen nicht gemacht werden dürfen. Aber wenn Menschen Gesetze zur Beihilfe zur Selbsttötung fordern, verstehen sie Selbstbestimmung so als würden sie ein Inseldasein führen. Es ist eben nicht so, dass nur ich da bin und sich meine Entscheidung nicht auf andere auswirkt. Aber wenn jemand sagt „Ich möchte nicht als Krüppel enden“, redet er nicht nur über sich. Denn er spricht behinderten Menschen ein würdiges Leben ab. Insofern betrifft die Art, wie wir über ein Thema reden, nie nur uns selber.

Sie halten es für legitim, Gewalt einzusetzen, um bedrängten Christen in Nahost zu helfen. Ist das in der EKD unumstritten?

Wir sind uns alle einig, dass wir vor einem Dilemma stehen. Gewaltanwendung ist immer mit Schuld verbunden. Wenn überhaupt der Gebrauch von Waffen legitim sein kann, dann nur, um unmittelbares Leid durch Völkermord zu verhindern. Das gilt auch für militärische Gewalt als Schutz vor den Mörderbanden des IS. Umgekehrt kann niemand, der Gewalt grundsätzlich ablehnt, sich dabei ruhig fühlen. Denn auch er lädt Schuld auf sich, wenn er nichts Wirksames unternimmt, um den Mord an vielen Menschen zu verhindern.

Das heißt, es wäre ein falsch verstandener Pazifismus?

Ich habe großen Respekt vor der Tradition des unbedingten Pazifismus. Keiner kann sich moralisch auf einer höheren Stufe wähnen. Darüber sind wir uns auch in der evangelischen Kirche sehr einig. Der Umgang mit Gewalt ist eine sehr schwierige Entscheidung. So oder so laden wir Schuld auf uns.

Viele Christen aus dem Nahen Osten verlassen ihre Heimat. Besteht die Gefahr, dass es dort bald keine Christen mehr geben wird?

Diese Gefahr besteht in der Tat, sie ist sehr real. Die Christen in Syrien sind unmittelbar bedroht. Es macht uns traurig, wenn die Jahrtausende alte Präsenz des Christentums gewaltsam beendet würde, weil Menschen fliehen müssen. Aber es ist auch klar, dass Menschen, die bereits mehrfach vertrieben wurden und dann wieder vor Verfolgung fliehen mussten, irgendwann kein Vertrauen in die Sicherheit in ihrer Heimat haben. Und es ist verständlich, wenn sie versuchen, nach Europa zu gelangen. Dann müssen wir ihnen nach all ihrem Leid helfen.

2017 feiert die EKD das Reformationsjubiläum. Stimmt es, dass Sie den Papst dazu einladen wollen?

Ich habe nur gesagt, dass es eine gute Idee ist, gemeinsam darüber nachzudenken. Ich wünsche mir, dass auch der Vatikan am Reformationsgedenken teil hat. Es soll kein Jubiläum sein, bei dem wir uns als Evangelische selbst beweihräuchern, sondern wir sehen es als ökumenische Chance. Ansprechpartner für den Vatikan ist aber nicht die Evangelische Kirche in Deutschland, sondern sind der Lutherische und die anderen reformatorischen Weltbünde. Die Reformation ist eine Weltbürgerin. Sie ist zwar von Deutschland ausgegangen. Prägend war sie jedoch für die ganze Welt.