Außenpolitischer Krisenherd Kein Friede in Sicht in Afghanistan

Von Marion Trimborn | 18.01.2018, 06:04 Uhr

Afghanistan gilt als verlorenes und vergessenes Land. Vom Frieden ist es weit entfernt. Nun wollen es die USA unter Donald Trump noch einmal wissen und stocken die Kampftruppen auf. Der Erfolg ist fraglich. Afghanistan, das steht auch für das Ende der Illusionen. Der militärisch gestützte Staatsaufbau funktioniert nicht.

Drei Jahre nach dem Ende des NATO-Kampfeinsatz kehren die Militärs ins Krisenland Afghanistan zurück. Im vergangenen Sommer hatte US-Präsident Donald Trump eine Truppenaufstockung um 3000 Soldaten befohlen. Er kündigte an, „den IS auszumerzen, Al-Kaida zu zerquetschen und die Taliban daran zu hindern, das Land zu übernehmen.“ Sein Ziel: Druck auf die Taliban aufzubauen, um sie an den Verhandlungstisch zu zwingen. Das könnte aber auch nach hinten losgehen – indem die USA die Taliban so ermutigen, noch härter zu kämpfen.

Kritik an US-Strategie

„Trumps Strategie führt zu mehr Krieg in Afghanistan “, kritisierte jüngst der ehemalige Präsident Afghanistans, Hamid Karsai. Die Zahl der Luftangriffe ist in den vergangenen Monaten drastisch gestiegen, die Zahl der toten Zivilisten auch. Jahr für Jahr gibt es nach UN-Angaben mehr als 2600 Tote. Experten sprechen von einer „Entscheidung aus Ratlosigkeit“ der USA. Ein schlüssiges Konzept für Afghanistan? Fehlanzeige. Anläufe für Friedensgespräche mit den Taliban liefen bisher ins Leere, ein konkreter Termin ist nicht in Sicht.

Tatsächlich ist die Lage heute so schlimm wie lange nicht – nicht umsonst streiten Bundesregierung und Opposition darüber, ob man Flüchtlinge aus Afghanistan guten Gewissens zurück in die Heimat schicken kann. Anschläge in der Hauptstadt Kabul, aber auch in anderen Regionen sind an der Tagesordnung. Die radikal-islamischen Taliban beherrschen immer noch Teile des Landes, das als Rückzugsgebiet für die Terrormiliz IS gilt. Seit gut 16 Jahren versucht eine US-geführte Allianz, das bitterarme Land zu stabilisieren – ohne Erfolg. Auch wenn die Nato zeitweise 150 000 Soldaten in Afghanistan zur Bekämpfung der Taliban stationiert hatte und viele Milliarden flossen, um eine schlagkräftige afghanische Armee aufzubauen, herrschen weder Frieden noch Wohlstand.

Krieg den Taliban

Die 3000 zusätzlichen US-Soldaten sollen es in diesem Jahr richten. Sie bombardieren auch mutmaßliche Drogenlabore der Taliban, die damit ihren Krieg gegen die NATO finanzieren. Laut einem UN-Bericht hat Afghanistan im vergangenen Jahr mit 9000 Tonnen Opium die größte Schlafmohnernte seiner Geschichte verzeichnet – das entspricht einem Wert von 1,4 Milliarden US-Dollar (1,1 Mrd Euro).

Auch von ihren NATO-Partnern erwarten die USA mehr Einsatz. Deutschland, das mit einer Obergrenze von 980 Soldaten das zweitgrößte Kontingent der NATO-Truppe stellt, hat dies bisher abgelehnt. Bei ihrem Weihnachtsbesuch im deutschen Feldlager in Masar-i-Scharif signalisierte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) aber vor Weihnachten Entgegenkommen. Allerdings will sie nur mehr Sicherheitskräfte zum Schutz der deutschen Militärausbilder entsenden – keine Kampftruppen.

Aus der Union bekommt die Ministerin Unterstützung für ihren Vorschlag. „Afghanistan braucht gut ausgebildete und mutige Soldaten, Polizisten und Beamte“, sagt der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU Bundestagsfraktion, Jürgen Hardt: „Hier helfen wir. Wenn wir dies jetzt beenden würden, ging es mit Afghanistan wieder abwärts“, warnt der Außenexperte. Die Menschen benötigten die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. „Wir haben noch einen langen Weg vor uns, doch es geht in die richtige Richtung.“

Ende der Illusionen

Im Westen haben viele Menschen schon vor Jahren aufgehört, auf Afghanistan zu blicken. Damit erleidet das Land das typische Schicksal eines Krisenherdes, der schon lange vor sich hin schwelt. Afghanistan, das steht auch für das Ende der Illusionen. Der Westen musste einsehen, dass der militärisch gestützte Staatsaufbau nicht funktioniert.

Nach Einschätzung von Experten hat der Westen die mächtigen Akteure in den Provinzen des Landes unterschätzt; er hofierte und bestach Drogenbosse und Stammesführer und trug dazu bei, dass der Regierungsapparat heute durch und durch korrupt ist. Bei Nato-Bombardements starben tausende Soldaten, Polizisten und Zivilisten. Aus der Gastfreundschaft der Afghanen wurde im Lauf der Jahre vielerorts Wut auf die Fremden.

Kritik an übereiltem Truppenabzug

Zudem hatten die NATO-Länder nicht die Ausdauer, auch langfristig die Mittel aufzubringen. 2014 beschlossen die internationalen Truppen das Ende des Isaf-Kampfeinsatzes - weil der Konflikt militärisch nicht zu gewinnen sei. Das vollzog sich zu schnell, wie Bundesverteidigungsministerin von der Leyen bemängelt, die einen „langen Atem“ fordert. Für die Bundeswehr, die sich inzwischen nur noch mit einer Ausbildungsmission beteiligt, war es der blutigste Einsatz mit 56 Toten.

Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Hans-Peter Bartels, zieht eine ernüchternde Bilanz: „Die Lage in Afghanistan hat sich seit dem Ende der ISAF-Mission 2014 nicht verbessert, sondern eher verschlechtert.“ Ein „Weiter-So“ dürfe es nicht geben. Der SPD-Politiker fordert eine kritische Bewertung: „Wir müssen die Frage stellen: Was lernt der Westen aus dem Afghanistan-Engagement?“

Ein bisschen Hoffnung

Immerhin gibt es Zeichen der Hoffnung. Die Wirtschaft erholt sich langsam, China bezieht Afghanistan in den Ausbau seines Handels - Stichwort: Seidenstraße - ein. Zwar beantragen nach wie vor jedes Jahr zehntausende Afghanen Asyl in Deutschland. Wenn sie dank besserer Lebensbedingungen zurückkehren könnten, würden sie beim Aufbau des Landes helfen. Umstritten bleibt die Linie des Auswärtigen Amtes, abgelehnte Asylbewerber aus Afghanistan – vor allem Straftäter und potenzielle Terroristen - wieder zurück in ihre Heimat abzuschieben.

Und wie werden die nächsten Jahre aussehen? Der Sicherheitsexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), Henning Riecke, geht davon aus, dass die Taliban noch lange die Kontrolle über weite Landesteile behalten werden: „Eine friedliche und geeinte Nation, die sich entwickelt und wirtschaftlich aufschwingen kann, wird Afghanistan vermutlich für lange Zeit nicht sein.“

(mit dpa)

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