Auftakt zum Luther-Jahr Von einem, der Türen zu einer neuen Welt aufstieß

Von Beate Tenfelde | 31.10.2016, 20:56 Uhr

Mehr Pastor als Präsident: So zeigte sich Deutschlands Staatsoberhaupt Joachim Gauck zum Auftakt der einjährigen Feierlichkeiten zum 500. Jubiläum der Reformation. Der evangelische Theologe rief dazu auf, das Wirken Martin Luthers, der die Reformation 1517 angestoßen hatte, als Auftrag und Herausforderung zu begreifen.

Gauck würdigte Luther als „genialen, schöpferischen Künstler“, der es trotz aller Gelehrsamkeit vermocht habe, „dem Volk aufs Maul zu schauen“. Er habe die Tür zu einer „neuen Welt aufgestoßen“ – ohne freilich zu ahnen, welch „grundstürzenden Folgen“ die 95 Wittenberger Thesen für Politik und Gesellschaft haben sollten. Hier könne man wirklich von einem „wind of change“ reden, erklärte der Bundespräsident. 2017 jährt sich der legendäre Wittenberger Thesenanschlag zum 500. Mal.

Die Wirkung der Reformation betreffe „praktisch alle Lebensbereiche bis in die persönlichste Lebensführung von Millionen Menschen“, sagte Gauck bei einem Festakt von Staat und Kirche im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. Dies gelte auch für den Staat selbst. „Die heutige Gestalt unseres Gemeinwesens ist ohne die christlichen Kirchen nicht denkbar – und sie ist nicht denkbar ohne die Reformation“, betonte Gauck. Die dadurch losgetretenen Entwicklungen führten zur Spaltung der christlichen Kirche in Katholiken und Protestanten und bereiteten neuartigen Gedanken den Weg. Luther war der „Geburtshelfer“ für den mündigen Bürger.

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ – diese Worte Luthers 1521 auf dem Reichstag in Worms, wo er nach dem Willen der Kirche und auch des Kaisers seine Lehren widerrufen sollte und widerstand, rief Gauck sichtlich bewegt in Erinnerung. Luthers Thesen hätten Kirche, Politik, Gesellschaft und Kultur verändert. Freiheit, Emanzipation, die Verantwortung des Einzelnen, das Verlangen nach „demokratischer Teilhabe“ sei Luthers „kostbares Erbe“. Der Bundespräsident hob die zentrale Bedeutung des Begriffs „Gnade“ im Wirken Luthers hervor. Heute sei „Gnade“ ein fremdes Wort, dabei sei „gerade heute nichts so nötig wie Gnade“, mahnte er.

In der Gesellschaft, im Internet und auf Demonstrationen mache sich „ein Ungeist der Gnadenlosigkeit breit, des Niedermachens, der Selbstgerechtigkeit und Verachtung, der für uns alle brandgefährlich ist“, warnte der Bundespräsident. Dabei gelte es doch, „Gnade auch mit unseren Mitmenschen“ walten zu lassen, „die eben fehlbare und unvollkommene Wesen sind wie wir selber“. Stattdessen erwarteten die Menschen vom anderen „Perfektion“ und „reibungsloses Funktionieren“.

Unvollkommen und fehlbar – so stellt sich heute auch Martin Luther dar. Die Reformationsgeschichte habe „Licht und Schatten“, räumte die frühere Bischöfin Margot Käßmann ein. Die Festlichkeiten blendeten dies nicht aus. „Wir wollen ganz sicher kein Luther-Heldengedenkjahr.“ Luther hatte Bauern als Aufständische bekämpft, die seinen Ruf nach politischer Freiheit als Aufforderung zur Abschaffung von Leibeigenschaft begriffen. Zehntausende ließ der Adel töten. Auch die anti-jüdischen Äußerungen des Reformators werfen Schatten auf sein Werk. Der Pfarrer Friedrich von Schorlemmer mahnte dringend, dass für „Luther-Kult“ kein Anlass sei.

Bei einem Festgottesdienst in der Berliner Marienkirche hatte zuvor der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, im Beisein Gaucks das Reformationsjubiläum als ein „Signal der Versöhnung und des Aufbruchs“ bezeichnet. Er betonte dabei die Bedeutung der Ökumene. „Heute sehnen sich evangelische und katholische Christen nach der Gemeinschaft, wir sind dankbar für viele Schritte aufeinander zu.“ Wer wäre Luther heute? Ein viel gefragter Talkshow-Gast, „ein großer Entertainer“ – wie der Kabarettist Eckhard von Hirschhausen meint. „Schade, dass es ihn nicht auf Youtube gibt“, bedauert der Quizmaster.