Aufstand im Namen der Freiheit „Je suis Charlie“: Slogan zeigt Vitalität westlicher Werte

Von Dr. Stefan Lüddemann | 08.01.2015, 19:30 Uhr

„Wir haben Charlie Hebdo getötet“, riefen die Attentäter von Paris nach ihren brutalen Mordtaten. Ihre Kugeln galten nicht nur den zwölf Todesopfern, sondern mit dem Satiremagazin „Charlie Hebdo“ auch einem Symbol der Freiheit. Mit ihrem Bekenntnis „Je suis Charlie“ zeigen nun Hundertausende, worin die Antwort auf den islamistischen Terrorakt bestehen muss – in dem Projekt einer erneuerten Aufklärung. Ein Essay.

Dabei scheint genau dieses Gründungsprojekt der freien Gesellschaften des Westens ramponiert zu sein. Diese Sicht entwirft Michel Houellebecq noch vor dem Erscheinen seines erbittert diskutierten Romans „La Soumission“, die Unterwerfung. In dem Buch zeichnet der Skandalromancier das Bild einer in ihren Grundsätzen erschlafften französischen Gesellschaft, die sich dem erstarkenden Islam widerstandslos in die Arme wirft. Um einen Sieg des rechten Front National zu verhindern, verraten bürgerliche Parteien ihre Ideale, verbünden sich mit den Islamisten. Ein Moslem wird im Jahr 2022 Frankreichs Staatspräsident – so weit die bittere Utopie Houellebecqs.

Wer ist Michel Houllebecq - ein Zyniker oder ein Aufklärer? Lesen Sie hier den Kommentar zu seinem jüngsten Roman „Die Unterwerfung“.

Nun hat nicht nur das Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ die sarkastisch überspitzte Vision des Romanciers grausam überholt. Auch die Reaktionen auf Frankreichs Plätzen und in den sozialen Netzwerken lassen den gerade eben noch als Provokation erscheinenden Roman mit einem Mal grau und gestrig aussehen. Denn die Menschen, die nun den Zeichenstift als Emblem des Protestes in den Pariser Himmel recken oder „Je suis Charlie“ posten, demonstrieren mit ihrem Zorn, wie lebendig die vermeintlich korrumpierten Werte der freien Gesellschaft tatsächlich sind.

Moderne im Selbstzweifel

Das ist gerade in Frankreich keine Kleinigkeit. Das Land ächzt unter den sozialen Lasten der Rekordarbeitslosigkeit und den Skandalen einer diskreditierten politischen Klasse. Die Integration der Kulturen und Religionen scheint an Grenzen zu stoßen. Das Projekt Frankreichs, das Modell einer Zivilisation als Klammer vieler Kulturen zu verkörpern, wirkt ermüdet. Die Grande Nation zweifelt an sich selbst.

Dazu passt das Bild einer westlichen Kultur, die ihren ideellen Kern an den Konsum verraten, das Freiheitsversprechen in einen oberflächlichen Hedonismus der Spaß-Gesellschaft umgemünzt hat. Freiheit erneuert sich aber nicht über Proklamationen, sondern über Prozesse. Und die verwirklichen sich in Kommunikation, Teilhabe, echter, also an Handlungsalternativen orientierter Debatte. Auf diesen Punkt zielt Jürgen Habermas, Vordenker der pluralen Gesellschaft, mit seinem oft als zu idealistisch kritisierten, jetzt aber unverhofft aktuell erscheinenden Konzept des kommunikativen Handelns. Das Herzstück der pluralen Gesellschaften präsentiert sich für den Soziologen als Prozedur der geübten Transparenz und Fairness. Ethisch verstandene Kommunikation bietet auf diese Weise Anschlüsse – erst recht für kontroverse Kulturkonzepte.

Was macht die Philosophie von Jürgen Habermas aus? Lesen Sie hier eine Würdigung zum 85. Geburtstag des Soziologen.

Aber verwirklicht sich jetzt nicht viel mehr, was Samuel Huntington in seinem 1996 publizierten Bestseller „Kampf der Kulturen“ als künftige Kampfzone divergenter Kulturen beschrieb? Der Politologe sah Kulturen nicht als kreative Potenziale, sondern als Risikofaktoren. Berechenbar erschien ihm nur kulturelle und damit auch religiöse Homogenität. Verstörend genug, dass ein solches Plädoyer für sterile Abgrenzungswünsche ausgerechnet aus einer amerikanischen Denkfabrik kam – und damit aus jenem Land, das mit seinem Versprechen auf Integration einer multikulturellen Gesellschaft weiter hohe Faszinationskraft ausstrahlt.

Am Neujahrstag 2015 starb der Soziologe Ulrich Beck. Er reflektierte über die moderne „Risikogesellschaft“. Lesen Sie hier den Rückblick

Die Grausamkeit des Pariser Anschlags bestürzt. Aber der brutale Akt hat unmittelbar eine Schubumkehr ausgelöst. Auf den Einbruch der Gewalt und Intoleranz in eine Kapitale der westlichen Welt – in seiner Symbolkraft mit den Anschlägen auf die New Yorker Twin Tower von 2001 vergleichbar – reagieren die Menschen mit einem Aufstand der Freiheit, dessen emotionaler Schwung rührt und bewegt. Er schließt das Bekenntnis zu einer freien, also unausweichlich komplexen Gesellschaft ein. Deren Möglichkeiten erschließen sich nur dem, der bereit ist, die Anstrengung differenzierter Wahrnehmung und Argumentation auf sich zu nehmen. Doch nur so besteht die Chance auf ein sich erfüllendes Leben. Diese Botschaft geht an Islamisten, Intolerante – und an bequem gewordene Politiker: Pluralität und Demokratie neu leben, neu wagen! Jetzt!

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