Atatürk und Kopftuchträgerinnen Geschichte der Schlacht von Gallipoli wird neu bewertet

Von Waltraud Messmann | 21.07.2014, 10:30 Uhr

Die Schlacht von Gallipoli war eine der blutigsten des 1. Weltkriegs. In einem neunmonatigen Stellungskrieg auf der Halbinsel in den Dardanellen triumphierte die osmanische Armee mit Unterstützung ihrer deutschen Verbündeten über die Alliierten. Der spätere Republikgründer und Staatspräsident Mustafa Kemal Atatürk legte hier als junger Kommandant den Grundstein für seine Karriere. Am Ruhm des westlich orientierten und laizistischen Politikers möchten nun ausgerechnet die Religiös-Konservativen in der Türkei teilhaben. Um das Unmögliche möglich zu machen, wird die Geschichte einfach neu bewertet.

„Wenn das so weitergeht, wird Gallipoli noch ein neuer Wallfahrtsort für Islamisten“, stöhnt eine Türkin entsetzt beim Anblick der Armada kopftuchbewehrter Frauen, die in dem kleinen Hafen Eceabat von Bord der Festlandfähre gehen. Bis vor einigen Jahren pilgerten vor allem Anhänger des Modernisierers Atatürk zu den Denkmälern, Museen und Soldatenfriedhöfen in dem Historischen Nationalpark Gallipoli. Jetzt aber gewinnen auch hier die Religiös-Konservativen an Boden.

Nach Ansicht des Touristenführers und Historikers Kenan Celik ist das kein Zufall: Die Busreisen, mit denen die Besucher nach Gallipoli kommen, seien oft staatlich organisiert und kostenlos, berichtet er: „Ein ideologischer Hintergrund ist wohl nicht ausgeschlossen.“

Heiß umkämpft

Die Schiffspassage von der Hafenstadt Çanakkale auf dem Festland dauert nur knapp eine halbe Stunde. Die 65 Kilometer lange Meerenge der Dardanellen verbindet das Mittelmeer über das Marmarameer und den Bosporus mit dem Schwarzen Meer und trennt Asien von Europa. Wegen dieser strategisch bedeutsamen Lage war sie schon in der Antike heiß umkämpft.

Im Ersten Weltkrieg wollten die Alliierten sie als Ausgangsbasis für die Eroberung der osmanischen Hauptstadt Konstantinopel, das heutige Istanbul, nutzen. Nach dem Scheitern einer Seeoffensive sollte eine Invasion zum Erfolg führen: Von April 1915 bis Januar 1916 standen sich, äußerst blutig und in Deutschland heute kaum bekannt, die Gegner im Stellungskrieg gegenüber. Am Ende mussten die Entente-Mächte den Rückzug antreten.

Neben englischen und französischen Einheiten waren auch Neuseeländer und Australier (ANZAC – Australia and New Zealand Army Corps) beteiligt. 350000 Opfer (100 000 Tote und 250000 Verwundete) auf beiden Seiten, lautet die Bilanz, grob geschätzt zumindest, denn viele wurden nie gefunden, andere nicht gezählt. Sicher ist aber: Die Zahl der Toten entspricht mindestens der Hälfte der zum Einsatz gekommenen Soldaten. „Eine halbe Generation verlor hier ihr Leben“, sagt Celik. Viele der Toten haben auf den nach Nationen getrennten Soldatenfriedhöfen auf der Halbinsel die letzte Ruhe gefunden.

„Niemand aber weiß, wie viele Leichen noch unter diesem Boden liegen“, sagt Celik und deutet auf einen der vielen Strände, an denen sich die Soldaten niedermetzelten. In dem feinen Sand findet man noch heute zerfetzte Patronenhülsen und rostige Schrapnelle. Am Wasser ragen die Reste eines Landungsfahrzeugs wie ein Skelett aus dem Schlamm. Und in den engen Schützengräben, in denen sich die Feinde Auge in Auge gegenüberstanden, überkommen auch den Besucher noch Beklemmungen.

Mit dem berühmten Befehl „Ich befehle euch nicht den Angriff, ich befehle euch zu sterben“ hatte Atatürk (damals noch Mustafa Kemal) die zunächst zurückweichenden türkischen Soldaten gezwungen, die Halbinsel mit aufgepflanzten Bajonetten zu verteidigen. Seine Verdienste bei der Verteidigung Gallipolis machten ihn zum Nationalhelden.

Den Ruhm nutzte er, um von 1923 bis 1938 als erster Präsident der nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Osmanischen Reich hervorgegangenen Republik Türkei seine Vorstellungen eines modernen westlich orientierten Staates zu verwirklichen. Gegen erbitterten Widerstand setzte er unter anderem eine strenge Trennung von Staat und Religion durch. Dazu gehörte auch ein Verschleierungs- und Kopftuchverbot. für den öffentlichen Raum.

Ob in Bronze gegossen oder in Stein geschlagen, Atatürk ist heute auf Gallipoli, wieder von Scharen von Kopftuchträgerinnen umlagert. Besucherinnen „oben ohne“ sind in der Minderheit. Dass das so ist, ist das Ergebnis der Politik von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Der Chef der AKP-Regierung steht für die Stärkung des Islam in dem Land. Und dazu gehört auch die Zurücknahme des Kopfttuchverbots.Den bis heute bewunderten „Vater aller Türken“ (Atatürk) ganz vom Sockel zu stoßen traut sich aber Erdogan nicht. Dafür ist die Bewunderung für den Nationalhelden und „Vater aller Türken“ wohl auch zu tief in der der Bevölkerung verwurzelt. Deshalb bemühen sich die Religiös-Konservativen, dem von Atatürk begründeten Patriotismus einen islamisch- religiösen Rahmen zu geben.

Wie das gehen soll, wird in dem Kabatepe Simulation Center auf der Halbinsel deutlich: Mit 3-D-Animationen und auf 360-Grad-Leinwänden wird hier die Geschichte der Schlacht nacherzählt und mit religiösen Motiven verknüpft. So werden Zitate von Atatürk mit Briefen unterlegt, in denen Eltern ihre Söhne bitten, für alle Muslime der Welt gegen die Feinde des Islam zu kämpfen. Sie sollten in der Schlacht entweder als Märtyrer sterben oder siegreich zurückkehren.

Doch nicht nur der Islam, auch das Osmanische Reich erlebt unter der AKP-Regierung eine Renaissance. Atatürk hatte zur Absicherung der neuen Staatsordnung und zur Durchsetzung des Leitbilds einer laizistischen Republik mit den Sultanen der Osmanen und dem Kalifat gebrochen. Ihre Wappen und Inschriften an staatlich und öffentlich genutzten Gebäuden innerhalb der Republik Türkei ließ er entfernen. In den Auslagen der Souvenirläden auf Gallipoli liegen sie jetzt aber wieder zuhauf dicht neben den vergoldeten Porträts ihres Widersachers. „Das ist doch heuchlerisch“, schimpft ein regierungskritischer Türke. „Noch vor einigen Jahren hat die AKP-Regierung die Sultane und Kalifen wegen ihrer ausschweifenden Lebensführung verdammt, jetzt, wo es ihnen in den Kram passt, stilisieren sie sie zu Helden.“

Celik, der auch schon die Gattin von Ministerpräsident Erdogan durch den Nationalpark geführt hat, bestätigt den Kurswechsel: „Das ist Regierungspolitik“, sagt er. „Nicht mehr Atatürk, sondern die Osmanen stehen hier jetzt im Vordergrund.“ Die Schlacht werde nun als letzter, großer Erfolg des Osmanischen Reiches gegen westlichen Einfluss gefeiert.

Islamische Werte

Der Historiker Halil Ersin Aavci von der Universität Çanakkale findet, dass beide Positionen ihre Berechtigung haben. „Für einige ist Mustafa Kemal eben nur eine Randfigur“, erläutert er. „Für sie steht die Schlacht von Gallipoli vor allem für die erfolgreiche Verteidigung islamischer Werte gegen den Westen.“ Der Fall Istanbuls in die Hände der Ungläubigen wäre für die gesamte islamische Welt eine Katastrophe gewesen.

Gleichwohl nährt die schleichende Umwidmung der Gedenkstätte bei einigen westlichen Beobachtern den Verdacht, dass die türkische Außenpolitik einen neo-osmanischen Kurs eingeschlagen habe. Sie versuche in der heutigen Türkei, in moderner Form den Einflussbereich des alten Osmanischen Reiches zu rekonstruieren. Die AKP-Regierung weist die Vorwürfe aber vehement zurück. Allerdings betont Erdogan bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass die aktuellen Genzen des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg künstlich erschaffen worden seien. Das Ergebnis seien „Blut und Tränen“.

Auch die Verkäuferinnen an den Souvenirständen wollen von solchen ideologischen Spitzfindigkeiten nichts wissen. „Die Nachfrage bestimmt das Angebot“, antworten sie knapp auf die Frage nach ihrem erweiterten Sortiment. Um dann aber doch hinzuzufügen, dass für sie persönlich die Schlacht von Gallipoli unlösbar mit Atatürk verbunden sei. Und dessen Parole „Welch ein Glück, ein Türke zu sein!“ gelte ausnahmslos für alle Türken – mit Kopftuch und auch ohne.