Anschlag in München Terroristen zerstören 1972 den olympischen Traum

Von Berthold Hamelmann | 13.02.2017, 05:30 Uhr

Im September 1972 zerstört eine Geiselnahme den Traum von heiteren Olympischen Sommerspielen in Palästinensische Terroristen überfallen die israelische Mannschaft. Die Befreiungsaktion endet in einem Desaster. Insgesamt sterben elf Israelis, ein Polizist und fünf Terroristen.

Es hätte so schön werden sollen. „Heitere Spiele“ wünschte sich Willi Daume, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für die Sommerspiele 1972 in München. Weltoffen, gastfreundlich, unbeschwert – diese liebenswerte Visitenkarte wollte Gastgeber Deutschland mit dem sportlichen „Fest des Friedens“ abgeben. Weit weg waren die Schatten des Jahres 1936. Damals hatten die Nationalsozialisten die Olympischen Sommerspiele in Berlin als Propagandaforum genutzt, um ihr Regime zu präsentieren. 1972 schien die Absicht der Organisatoren aufzugehen. Selbst die Sicherheitskräfte kamen unbewaffnet in hellblauen Hosen und Jacken daher. 122 teilnehmende Mannschaften und 7170 Athleten stellten einen neuen Teilnehmerrekord auf. Bestes Wetter, ein beeindruckendes Olympiastadion mit seinem sensationellen Zeltdach und sportliche Höchstleistungen sorgten in den ersten zehn Tagen für Begeisterung.

Bis zum 5. September. An diesem Dienstagmorgen kletterten acht Palästinenser, Mitglieder der Terrororganisation Schwarzer September, unbehelligt über den Zaun des olympischen Dorfs. Monteure der Post, die Telefonleitungen kontrollierten, erklärten später, dass sie die Männer für heimkehrende Sportler gehalten hätten. Die Terroristen stürmten gegen 4.45 Uhr die Unterkunft der israelischen Mannschaft. Zwei Israelis gelang die Flucht, zwei wurden erschossen. Für die restlichen neun israelischen Geiseln begann ein Martyrium.

Freilassung von 232 Palästinensern gefordert

Die Mitglieder des Schwarzen September forderten die Freilassung von 232 Palästinensern aus israelischen Gefängnissen, was die israelische Regierung unter Ministerpräsidentin Golda Meir umgehend ablehnte. Auch das Freipressen der beiden linksorientierten RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhoff aus einem deutschen Gefängnis scheiterte am Nein der Bundesregierung.

Die Münchener Geiselnahme endete in einem Desaster. Ein zunächst geplanter Befreiungsversuch der Polizei noch im olympischen Dorf wurde gestoppt, nachdem TV- und Radio-Stationen über die Vorbereitungen live berichteten, die Geiselnehmer immer bestens informiert waren und ihre Strategie fortlaufend anpassen konnten. Nach langen Stunden und zähen Verhandlungen bestiegen abends gegen 22 Uhr Terroristen und Geiseln zwei Hubschraubern, die sie zum Militärflugplatz Fürstenfeld zu einer wartenden Lufthansa-Boeing brachten. Hier sollte die gewaltsame Befreiung der Geiseln erfolgen. Es entwickelte sich eine Tragödie. Mangelhaft ausgebildete Polizisten als Scharfschützen, eine völlig unzulängliche technische Ausrüstung, fehlende Kommunikationsmöglichkeiten und eine falsche Lageeinschätzung der Sicherheitsbehörden mündeten in einem langen Feuergefecht. Was schief gehen konnte, ging schief. Am Ende waren alle Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizist tot. Bis heute ist offiziell unklar, ob die Geiseln im Kugelhagel der Polizei oder durch die Attentäter starben. Die nach Zündung von Handgranaten verbrannten Körper verhinderten eine Feststellung der Todesursache.

Kommunikationsdesaster

Parallel entwickelte sich ein Kommunikationsdesaster. Fälschlicherweise machte die Nachricht einer geglückten Befreiung der Geiseln die Runde. Nachrichtenagenturen sandten gegen 23.30 Uhr entsprechende Eilmeldungen um den Globus – obwohl in Fürstenfeldbruck noch geschossen und gestorben wird.

Die Olympischen Spiele wurden nur für einen halben Tag auf Entscheidung von IOC-Präsident Avery Brundage ausgesetzt. Doch der olympische Geist war dahin. Politisches Kalkül gewann die Oberhand. Bei der Trauerfeier im Olympiastadion weigerten sich zehn arabische Staaten, ihre Flaggen auf Halbmast zu setzten. Auch 40 Jahre später machte das Internationale Olympische Komitees (IOC) eine schlechte Figur: Eine von Israel in die Diskussion gebrachte Schweigeminute für die Opfer des Olympia-Attentats von München lehnte das IOC unter Führung von Jaques Rogge ab. Die Eröffnungsfeier der Sommerspiele 2012 in London sei kein geeigneter Anlass für ein Gedenken an diese tragische Tat. Im Hintergrund herrschte die Sorge vor dem Boykott der Spiele durch einige arabische Mitgliedsnationen.

Geburtsstunde des internationalen Terrorismus

Der Anschlag 1972 in München gilt heute als die Geburtsstunde des internationalen Terrorismus in Deutschland. Konsequenzen waren kaum wahrnehmbar, sieht man von der Gründung der heutigen GSG 9 der Bundespolizei ab, einer Spezialeinheit zur Bekämpfung von Terrorismus und extremer Gewaltkriminalität. Mit dem Olympia-Attentat 1972 begann auch eine neue TV-Ära: Seitdem sind Fernsehzuschauer in der Regel live dabei, wenn über blutigen Terror und Polizeiaktionen berichtet wird.

Israel startete nach dem München-Attentat einen brutalen Rachefeldzug: Der Geheimdienst Mossad organisierte über die Spezialeinheit Caesarea in den folgenden 20 Jahren gezielte Tötungsaktionen gegen vermeintlichen Drahtzieher und Täter des Olympia-Attentats, wobei auch mindestens ein Unschuldiger starb.