Nach Zitteranfall wieder auf Tour Angela Merkels Signale: Ich habe alles im Griff

Von Beate Tenfelde | 19.06.2019, 18:19 Uhr

Ich bin da. Ich habe alles im Griff. Das sind die Signale der Kanzlerin nach ihrem Zitteranfall, der Millionen Fernsehzuschauer schockierte. Mal Pause? Bettruhe? Nichts für Angela Merkel.

Schwächen sind tabu: Bei brütender Hitze stapft die 64-Jährige tags drauf mit dem früheren SPD-Chef Sigmar Gabriel durch den als Weltkulturerbe geschützten Stadtkern in Goslar. Knapp ist die Antwort auf die Reporterfrage, wie es ihr denn gehe: „Wunderbar. Interessant ist es hier." Gabriel hatte den Besuch der Kanzlerin in seiner Heimatstadt vermittelt, inklusive einer Diskussion Merkels und Gabriels mit etwa 200 Schülern in der historischen Kaiserpfalz der Stadt geplant.

Zähne zusammenbeißen: Kanzler vor ihr haben es auch so gehalten. Krankheiten und Blessuren werden verschwiegen oder kleingeredet. Die Zügel werden nicht aus der Hand gegeben, bei den wichtigen Dingen jedenfalls. So hat es Merkel bei ihrem Beckenring-Bruch im Januar 2014 jedenfalls gemacht. Ihren zwei-minütigen Zitteranfall beim Empfang des neuen ukrainischen Präsidenten vor dem Kanzleramt kämpfte Merkel am Dienstag mit bemerkenswerter Selbstbeherrschung nieder. Kurz darauf schritt sie wieder gefasst über den roten Teppich. „Ich habe mindestens drei Glas Wasser getrunken – das hat wohl gefehlt“, ließ Merkel später wissen. Dehydrierung also – und die Mega-Hitze waren Grund ihrer Schwäche.

Das eiserne Prinzip: Disziplin wahren. Manche Spitzenpolitiker redeten schwere Erkrankungen klein – wegen lauernder Konkurrenten. Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, vernebelte 1962 mit 86 Jahren einen Herzinfarkt als „fiebrige Grippe“. Grund: Adenauers schwarz-gelbe Koalition konnte seinen Rücktritt (1963) kaum erwarten. Die Angst des Leitwolfs vor dem Beißreflex des Rudels wiederholte sich bei SPD-Kanzler Schmidt im Herbst 1981: Als ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt werden musste, gab ein Sprecher eine Infektion vor. Denn Schmidt war mit seiner Partei tief zerstritten. Er stürzte ein Jahr später.

Bloß keine Krankheit : Auch Hans-Dietrich Genscher, obwohl als Außenminister und FDP-Vorsitzender unangefochten, ließ 1977 seinen ersten Infarkt als Grippe darstellen. Beim zweiten Mal 1989 geht die Operation auf Leben und Tod. Erst Schwächeanfälle Genschers auf offener Wahlkampfbühne im Frühjahr 1990 sind nicht mehr zu verschleiern. Bundespräsident Johannes Rau sah mit dem höchsten Amt im Staat seinen Lebenstraum erfüllt. Seit 1997, damals noch SPD-Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, wusste Rau: Seine Bauchschlagader ist lebensbedrohlich erweitert. Operieren ließ er sich jedoch erst im Sommer 2000, ein Jahr nach seiner Wahl zum Staatsoberhaupt.

Vertuschung: Auch CDU-Kanzler Helmut Kohl wartete mit einer dringenden Operation erst den Verlauf eines kritischen Parteitags im September 1989 ab, bei dem Putschist Heiner Geißler seinen Sturz geplant hatte. Sein Leben riskierte auch CSU-Parteivize Horst Seehofer 2002 durch eine verschleppte Grippe, die sich zur Lungen-, Herzmuskel- und Herzbeutelentzündung auswuchs. Amtlich war es nur eine „Schwächeanfall“, in Wahrheit erlitt Verteidigungsminister Peter Struck im Sommer 2004 einen Schlaganfall. Alsbald spekulierten SPD-Parteifreunde über Strucks Ablösung.

Wie schlecht es laufen kann, wenn Krankheit einen Kanzler ans Bett fesselt, weiß Willy Brandts Wegbegleiter Egon Bahr zu berichten. Als 1972 das Kabinett zusammengesetzt wurde, war Kanzler Brandt im Krankenhaus wegen einer Stimmbänder-OP. Also habe Brandt SPD-Fraktionschef Herbert Wehner einen Brief geschrieben, in dem er die Struktur des neuen Kabinetts notiert habe. „Wehner ging in die Koalitionsverhandlungen und machte vieles unrevidierbar. Er sagte dann, den Brief habe er "in seiner Aktentasche vergessen“, berichtete Bahr in Zeit online.

So krass liegen die Dinge nicht im aktuellen Fall bei Angela Merkel. Die Beispiele illustrieren nur, wie gnadenlos der Politikbetrieb sein kann. Wer mitmischt , muss extrem robust sein. Anfeindungen und Gegröle „Merkel muss weg“ steckte die einstige CDU-Chefin weg, die Hetze im Netz sowieso. Aber auch nach ihrem Rückzug vom CDU-Vorsitz ist eins geblieben: 16-Stunden-Arbeitstage, Nachtsitzungen bei der EU und Auslandsreisen zu G-20-Gipfeln, etwa nach Buenos Aires – weil der Regierungsflieger in Köln/Bonn notlanden musste , dann aber mit einer Linienmaschine von Spanien aus.

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