ADAC-Präsident im Interview Fahrtests für Senioren? ADAC setzt auf „Eigenverantwortung statt Gruppenhaftung“

Von Melanie Heike Schmidt | 15.02.2017, 09:48 Uhr

Der ADAC hat sich nach der Krise neu aufgestellt. Präsident August Markl spricht im Interview mit unserer Redaktion über die Reform, über den Diesel-Abgasskandal und über die Autos der Zukunft, die vermutlich ohne Fahrer auskommen. Fahreignungstest für ältere Autofahrer, die zuletzt heftig diskutiert wurden, lehnt Markl ab.

 Herr Markl, der ADAC hat schwere Zeiten hinter sich, Stichwort Skandal um den Autopreis Gelber Engel, danach kam ein schwieriger Neustart. War die Reform ein Erfolg? 

Absolut. Wir haben den ADAC in den letzten beiden Jahren zukunftssicher aufgestellt und mehr als 600.000 neue Mitglieder dazu gewonnen. Aktuell stehen wir bei rund 19,7 Millionen Mitgliedern. Dazu hat das zuständige Registergericht erst vor wenigen Tagen entschieden, dass wir auch künftig den Vereinsstatus behalten dürfen. Das war ein wichtiges Ziel für uns.

 Eine Reform braucht Zeit. An welchem Punkt ist der ADAC zurzeit? 

Der ADAC ruht seit Beginn des Jahres auf neuen Säulen – einer Aktiengesellschaft nach europäischem Recht, einer gemeinnützigen Stiftung und natürlich dem Verein. Innerhalb dieser drei Säulen bilden wir bisherige und neue Leistungen und Produkte des ADAC ab. Meine persönliche Einschätzung ist, dass wir mit der Vielzahl an Veränderungen schon sehr weit gekommen sind.

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  Was hat sich für die 9000 Beschäftigten verändert? 

Unsere Mitarbeiter sind wichtiger Bestandteil der strategischen Entwicklung vom Autofahrerclub hin zum mitgliederorientierten Mobilitätsdienstleister. Das ist der Auftrag, den wir uns gegeben haben. Wir möchten für unsere Mitglieder Helfer, Sicherer und Lotse der persönlichen Mobilität sein.

 Müssen Sie dann das zweite A – das ja für Automobil steht – im Namen ADAC bald austauschen? 

(lacht) Nein, ganz sicher nicht. Der ADAC ist eine Traditionsmarke. Gleichzeitig bleibt das Auto wesentlicher Bestandteil der Mobilität. Wir werden mit unseren Mitgliedern und der Öffentlichkeit diskutieren, wie wir am besten Mobilitätsdienstleister werden.

 Was beinhaltet das? 

Dass wir uns fit für die Zukunft machen. Wir denken fünf bis zehn Jahre voraus. Wofür möchte der ADAC dann stehen? Sicherer von Mobilität meint zum Beispiel unsere Versicherungsangebote, als Helfer leisten wir weiter Pannenhilfe und ein Lotse sind wir in der touristischen Beratung oder bei den Verkehrsinformationen. Das sind Bereiche, in denen wir auch weiterhin der erste Ansprechpartner sein möchten. Dazu gehört ebenso, dass wir uns voll und ganz dem Thema Digitalisierung verschreiben und uns speziell vermehrt auch um junge Menschen und Verkehrsteilnehmer kümmern.

 Wie wollen Sie die jungen Leute erreichen? 

In den Ballungsräumen haben immer weniger junge Menschen ein eigenes Auto. Da müssen wir genau hinschauen und uns überlegen: Wie kann sich der ADAC in den urbanen Gegenden einbringen und attraktive Angebote machen? Für den ländlichen Raum gilt das natürlich auch, allerdings mit anderen Schwerpunkten. Da diskutieren wir eher über den Ausbau und eine innovative Ausgestaltung von Verkehrsangeboten sowie eine bestmögliche Nutzung des eigenen Autos.

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 Wechseln wir zum Abgasskandal, der ja nicht nur, aber vor allem VW-Besitzer schwer getroffen hat. Erleben wir das Ende des Diesel-Booms? 

Ich glaube nicht, denn wir wissen, dass Dieselfahrzeuge durchaus sauber sein können. Die Technologien sind vorhanden, um die Abgas-Probleme zu lösen. Gefordert sind die Hersteller, alle technischen Möglichkeiten tatsächlich auszunutzen.

 Es geht aber nicht nur um die Technik, sondern auch um verloren gegangenes Vertrauen. Ein Problem, das auch der ADAC in seiner großen Krise hatte. Was müssen die Autobauer tun, um das Vertrauen zurückzugewinnen? 

Wir sind nicht in der Position kluge Ratschläge zu geben. Aber was wir gelernt haben: Transparenz ist entscheidend. Das ist das Wichtigste.

 Wie zufrieden sind Sie mit der Aufklärung des Abgasskandals? 

Wir sehen, dass die durchgeführten Updates wirksam sind und für das Fahrzeug sowie für die Umwelt etwas bringen. Man darf aber auch nicht verschweigen, dass die Verbrauchswerte sowohl vor als auch nach dem Update deutlich über den Herstellerangaben liegen. Heißt konkret: Der Ausstoß ist immer noch zu hoch. Das gilt übrigens nicht nur für VW, sondern für fast alle Hersteller. Darauf weisen wir seit mehr als zehn Jahren immer wieder hin.

 Wie zufrieden sind Sie mit der politischen Aufarbeitung der Abgasaffäre? 

Die Hersteller sind deutlich aufgefordert worden, die Dinge aufzuklären. Das war wichtig. Ebenso wie die Unterstützung der betroffenen Autobesitzer, etwa durch das Aufspielen des Updates.

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 Würden Sie heute noch dazu raten, ein Diesel-Auto zu kaufen? 

Entscheidend ist, ob und wie sich die Rahmenbedingungen in Zukunft verändern. Aktuell fahren rund 14 Millionen Diesel-Autos auf unseren Straßen, davon fallen 13,5 Millionen nicht in die Schadstoffklasse Euro 6. Mit einer „blauen Plakette“, wie sie derzeit diskutiert wird, würden diese 13,5 Millionen Autofahrer demnächst aus den Innenstädten ausgesperrt. Das kann nicht der Sinn vernünftiger Verkehrspolitik sein.

 Und würden Sie nun zum Kauf eines Diesel-Autos raten oder nicht? 

Wir wissen, dass die Industrie saubere Diesel-Fahrzeuge bauen kann. Allerdings sind diese sogenannten „Clean Diesel“ in der Herstellung teurer, das bedeutet weniger Gewinne. Das muss man offen ansprechen. Wir sagen deshalb klar und deutlich: Haltet das ein, was Gesetz und versprochen ist. Dann können wir auch weiter Diesel kaufen.

 Eine theoretische Alternative wäre ein E-Auto, doch der Verkauf kommt einfach nicht in Schwung. Was muss sich hier ändern? 

Elektroautos müssen sowohl beim Preis als auch bei der Reichweite so schnell wie möglich eine echte Alternative zum Verbrenner werden. Davon sind wir derzeit noch weit entfernt. Bis dahin könnten alternative Antriebe, zum Beispiel Erdgasautos, als Brückentechnologie fungieren.

 Tut die Industrie genug, um alternative Antriebe zu fördern? 

Es ist für unsere Industrie, vor allem mit Blick auf den chinesischen Markt, überlebenswichtig, dass wir hier besser werden. Gleichzeitig muss vor allem bei der Ladesäulen-Infrastruktur mehr getan werden.

 Wollen die Leute denn überhaupt alternative Antriebe? 

Unsere Mitglieder sind bei dem Thema relativ klar. Sie möchten durchaus ökologisch unterwegs sein, allerdings nicht zu einem wesentlich höheren Preis und einer deutlich geringeren Reichweite.

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 Vielleicht lassen wir uns ja auch bald alle von selbstfahrenden Autos kutschieren. Sie sitzen in der Kommission des Verkehrsministeriums zur Erarbeitung von Leitlinien für selbstfahrende Autos. Wie weit sind Sie damit?  

Es sind noch eine Menge Fragen zu klären. Wir diskutieren zum Beispiel darüber, inwieweit vollautomatisiertes oder sogar vollständig autonomes Fahren in den jetzigen Verkehr integriert werden kann. Da geht es viel um Daten. Wem gehören sie, wie weit dürfen die Hersteller Daten nutzen, die von einem solchen Fahrzeug generiert werden, oder inwieweit müssen die Menschen ihre Daten offenlegen? Wir befinden uns dazu in einem großen, sehr spannenden Diskussionsprozess.

 Wie weit sind Sie in Sachen Haftungs- und Sicherheitsfragen? Beim autonomen Fahren stellt sich ja sofort die Frage: Wer ist verantwortlich, wenn etwas passiert? 

Auch darüber diskutieren wir, und diese Frage lässt sich noch abschließend nicht beantworten. Das ist ziemlich komplex. Denken Sie nur an den Unterschied zwischen einem vollautomatisierten Auto, bei dem Sie aber noch selbst hinter dem Lenkrad sitzen, und einem vollständig autonomen Fahrzeug, das eventuell gar kein Gaspedal oder Lenkrad mehr hat.

 Wann werden wir die ersten autonomen Fahrzeuge auf den Straßen sehen? 

Bis wir vollständig autonom unterwegs sind, ist es noch etwas hin. Allerdings rechnen wir damit, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren sehr viel passiert. Bereits heute sind wir teilautomatisiert unterwegs, etwa mit Spurassistenten, Abstandshaltern und so weiter. Als nächstes kommt hochautomatisiertes Fahren, bei dem der Fahrer weiterhin die Lenkbewegungen unternimmt. Beim vollautomatisierten Fahren kann er die Kontrolle zeitweilig an das Fahrzeug abgeben, muss aber rechtzeitig wieder eingreifen können. Und die Königsstufe ist dann das autonome Fahren, bei dem er praktisch keine Möglichkeit mehr hat, einzugreifen.

 Werden Sie und ich Letzteres noch erleben?  

Vielleicht.

 Viele wollen ja gar nicht die Kontrolle abgeben und sind eher genervt von der Gängelei durch sehr moderne Autos. Was ist Ihnen lieber: Selbst fahren oder Gefahrenwerden? 

Inzwischen finde ich es ganz schön, auch mal gefahren zu werden und mir die Landschaft anzuschauen. Allerdings bieten sich durch die modernen Assistenten vor allem für die ältere Generation tolle Möglichkeiten, länger mobil zu bleiben. Das halte ich für sehr wichtig.

 Warum? 

Wir werden immer älter und möchten natürlich auch immer länger mobil bleiben. Deshalb können neue Technologien eine Chance sein, auch im hohen Alter noch selbstständig zu sein.

 Sollten regelmäßige Tests für ältere Fahrer eingeführt werden? 

Wir setzen klar auf Freiwilligkeit und Eigenverantwortung statt Gruppenhaftung. Es gibt viele Menschen, die auch im Alter sicher und umsichtig unterwegs sind. Dafür sind deutlich jüngere Menschen bereits früher nicht mehr fahrtüchtig. Es ist also keine Frage des Lebensalters. Ich bin dafür, Senioren geeignete Möglichkeiten an die Hand zu geben, das überprüfen zu lassen, etwa durch Fahrfitness-Checks, die auch der ADAC anbietet.

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