Kritik am Gesundheitswesen Eckart von Hirschhausen: Perverse Zustände in Kliniken

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Spricht Klartext: Eckart von Hirschhausen. Foto: Paul RipkeSpricht Klartext: Eckart von Hirschhausen. Foto: Paul Ripke

Osnabrück. Der Arzt und Entertainer Eckart von Hirschhausen hat im Gespräch mit unserer Redaktion den Zustand des deutschen Gesundheitswesens scharf kritisiert.

„In den letzten 20 Jahren hat sich eine Raffgier-Mentalität breitgemacht, die mir Angst macht. Jeder achtet darauf, wie er den größeren Teil vom Kuchen kriegt. Assistenzärzte werden morgens, wenn der OP nicht ausgelastet ist, losgeschickt, um ,Patientenmaterial‘ zu rekrutieren. Das ist pervers,“ sagte der 50-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung.

„Kinderheilkundler und Allgemeinmediziner verdienen viel weniger als diejenigen, die den ganzen Tag röntgen und Laboruntersuchungen machen,“ beklagte von Hirschhausen. „Das aber ist totaler Unsinn, denn was den Menschen nachweislich fehlt, ist jemand, der zuhört, sie versteht, körperlich untersucht und wirklich begreift, was mit ihm los ist. Der größte Hebel, den man als Arzt hat, sind keine Medikamente, Operationen und künstliche Gelenke: Die Königsdisziplin ist, dazu beizutragen, dass jemand seinen Lebensstil ändert.“ Ein Lehrer, der einen Jugendlichen davon abhalte, mit dem Rauchen anzufangen, habe „für dessen Lebenserwartung mehr getan als jeder Arzt auf diesem Planeten“.

„Nichtstun muss sich wieder lohnen“

Das Hauptproblem sieht von Hirschhausen in der Profitorientierung des Gesundheitswesens: „Wenn jemand nicht krank wird und nichts hat, verdient auch niemand was an ihm. Das ist der Grundirrtum. Der goldene Satz der Medizin ist die Kunst, nicht so viel zu tun, wie es geht. Nichtstun muss sich wieder lohnen. Das klingt wie ein parodistisch veränderter FDP-Wahlslogan, aber so ist es.“

Lesen Sie auch das vollständige Interview mit Eckart von Hirschhausen

Auch in der Pflege sieht der promovierte Entertainer gravierende Missstände: „Heute fehlen 50 000 Pflegekräfte, und in zehn Jahren wird es anderthalb Millionen Menschen mehr geben, die Pflege benötigen. Und wir lassen es zu, dass unsere gut ausgebildeten Pflegekräfte lieber in Norwegen oder der Schweiz arbeiten, weil sie da anständig behandelt und bezahlt werden. Dafür importieren wir wiederum Leute aus Spanien, Rumänien, Polen, von überall, die dann in ihren eigenen Ländern fehlen. Da ist ein total schwachsinniger Kreislauf in Gang gekommen. Wir kriegen es einfach nicht hin zu sagen, dass Pflege ein ehrenwerter Beruf ist.“

Es braucht nach Hirschhausens Ansicht auf einer Station nicht eine Pflegekraft für 40 Patienten, sondern drei: „Und Krankenhäuser, die diese drei Stellen nicht finanzieren, müssten geschlossen werden. Das ist die Sprache, die die Verwaltungschefs verstehen.“


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